Baden-Württemberg

Prozess gegen Erzieher wegen Kindesmissbrauchs begonnen

Eine goldfarbene Justitia-Figur
Eine goldfarbene Justitia-Figur. Foto: Britta Pedersen/ZB/dpa/Symbolbild © Britta Pedersen

Heidelberg (dpa/lsw) - Ein 24 Jahre alter Erzieher soll in einem Heidelberger Kindergarten zwei kleine Mädchen sexuell missbraucht haben. Zu Beginn des Jahres soll er seine letzte Tat begangen haben - nun hat der Prozess vor dem Landgericht der Neckarstadt begonnen. Noch vor Verlesung der Anklage schlossen die Richter die Öffentlichkeit von der Verhandlung aus. Die Jugendkammer begründete dies am Donnerstag mit dem Schutz der Persönlichkeitsrechte der minderjährigen Opfer.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem 24-Jährigen sexuellen Missbrauch von Kindern vor. Er soll zwischen Frühjahr 2018 und Jahresbeginn 2020 in mindestens zwei Fällen ein Mädchen während der Mittagsruhe an den Geschlechtsorganen gestreichelt haben. Zur Zeit der ersten Tat war das Kind um die drei Jahre alt. Außerdem soll der Deutsche ein noch jüngeres Mädchen dazu gebracht haben, seinen Penis zu berühren - er sagte ihm demnach, er habe Gummibärchen in seiner Hose versteckt.

Ein solcher Prozess ist aus Sicht von Ursula Schele vom Kieler Petze-Institut für Gewaltprävention eine Seltenheit: «Ein Bruchteil aller Fälle wird bekannt. Davon wird nur ein geringer Anteil gemeldet und davon nur ein kleiner Teil zur Strafanzeige gebracht.» Die größte Hürde, eine solche Tat aufzudecken sei, dass Menschen sich nicht vorstellen könnten, dass sich ihr Partner, Verwandter oder Kollege solcher Verbrechen an wehrlosen Kindern schuldig mache. Auf jeden öffentlich gewordenen Fall kämen 20 bis 25 unbemerkte.

Die Kinder hatten ihren Eltern von den Vorkommnissen erzählt, die daraufhin die Behörden informierten. Das Urteil ist einem Sprecher zufolge für Freitag geplant. Dem Angeklagten droht eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren.

Die Täter sind Schele zufolge nicht krank und handeln auch nicht im Affekt, sondern in vollem Bewusstsein ihrer Vergehen: «In der Regel sind sie keine Gewaltverbrecher, sondern Manipulanten und Betrüger, die planvoll vorgehen. Das beginnt schon mit der Berufswahl.» Sie hätten ein Gespür für Kinder mit Defiziten an - auch körperlicher - Zuwendung. Vermeintlich normale Berührungen gingen schleichend in sexualisierte über. «Dann wird noch eine Schippe draufgelegt.»

Wie im Heidelberger Fall näherten sich die Täter oft spielerisch und mit Geschenken verbunden dem Kind an. Bei Babys würden Übergriffe in die Pflege eingebaut. Typische Merkmale der Täter seien ein fehlendes soziales Umfeld, ein schwieriges Verhältnis zu gebotener Nähe und Distanz sowie ein geringes Selbstbewusstsein.

Die Kinder müssen bei derartigen Übergriffen laut Schele keinen dauerhaften Schaden erleiden: «Wenn das Umfeld ruhig und besonnen reagiert, dem Kind keine Vorwürfe gemacht werden, kann eine weitere Traumatisierung vermieden werden.»

Den Behörden sind 2019 weit mehr als 13 000 Straftaten des sexuellen Kindesmissbrauchs bekannt geworden, wie aus der polizeilichen Kriminalstatistik hervorgeht. Betroffen sind zu etwa 75 Prozent Mädchen, ein Viertel der Opfer sind Jungen.

Nach Ansicht der Präventionsexpertin Ulli Freund wäre bereits viel gewonnen, wenn Kinder ernster genommen und gehört würden. In einer Atmosphäre der Mitsprache und Beteiligung sei die Wahrscheinlichkeit höher, dass sie es wagten, sich über Übergriffe zu beschweren. Dabei dürfe nicht vergessen werden, dass die Kinder den Begriff «Missbrauch» nicht kennen. Aufhorchen müssten Eltern wie Pädagoginnen bei Bemerkungen wie: «Der ist so komisch, der drückt mich so fest.»

Erzieherinnen und Erzieher müssten auch aktiv abfragen, wie das Kind sich fühlt, was es schlecht und was es gut findet. Gelegenheit dazu biete sich etwa im Morgenkreis. Die Beraterin: «An der Partizipation im Kindergarten kommt niemand mehr vorbei.»