Baden-Württemberg

Rückschlag für «Tübinger Weg»: Mehr Infektionen in Heimen

Boris Palmer (Grüne) nimmt an einer Sitzung teil
Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) nimmt an einer Sitzung teil. Foto: Tom Weller/dpa/Archivbild © Tom Weller

Tübingen (dpa/lsw) - Einige Zeit galt das Modell Tübingen mit seiner Anti-Corona-Strategie als Vorbild für andere Städte, jetzt gibt es Rückschläge. Nachdem bis Mittwoch vergangener Woche kein einziger Infektionsfall in den Pflegeeinrichtungen registriert worden war, sind jetzt gleich drei Tübinger Pflegeeinrichtungen betroffen, wie Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) am Montag mitteilte. «Obwohl es mehrfach Infektionen bei den Pflegekräften gab, hat die Barriere, die wir durch die regelmäßigen Schnelltests errichtet haben, in den meisten Fällen gehalten. Leider war das Netz nicht engmaschig genug, denn wir konnten die Tests nicht verpflichtend anordnen», sagte Palmer.

Im Bürgerheim, einer Einrichtung der Altenhilfe Tübingen, sind seit Donnerstag der Mitteilung zufolge sechs Bewohner sowie vier Pflegekräfte infiziert. Im Pauline-Krone-Heim ist eine Infektion bei einer Bewohnerin aufgetreten, die kurz zuvor aus einer Tübinger Klinik entlassen worden war. Auch hier habe die Altenhilfe Tübingen sofort alle Bewohner sowie Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen testen lassen, bisher mit negativem Ergebnis, sagte Palmer. Der Wohnbereich wurde geschlossen, Besuche in anderen Wohnbereichen seien nur nach einem Schnelltest möglich. Weitere Fälle wurden in einer privaten Pflegeeinrichtung verzeichnet: 19 Bewohner sowie sieben Beschäftigte seien positiv auf das Coronavirus getestet worden. Das Heim habe ein Besuchsverbot erlassen.

In der Presse war Palmer zuletzt auch mit der Äußerung aufgefallen, in der Stadt gebe es bei den über 75-Jährigen keine Corona-Infizierten. Nun ruderte Palmer zurück. Nach Angaben des Landratsamts Tübingen gab es sie: «In zwei Wochen hat das Landratsamt sechs Infizierte in dieser Altersgruppe festgestellt, die in der städtischen Auswertung zu den Quarantäneanordnungen nicht auftauchen», erklärte Palmer. Dies sei keine bewusste Fehlinformation gewesen, sondern es habe Probleme bei der Datenübermittlung gegeben. «Ich entschuldige mich dafür, an dieser Stelle eine falsche Aussage gemacht zu haben.»

Anfang September hatte Tübingen regelmäßige Corona-Tests für das Personal in Alten- und Pflegeheimen eingeführt. Mit diesem Schutzkonzept sollte das tödliche Eindringen des Virus in die Einrichtungen verhindert werden.

Palmer setzte sich auch für eine Lockerung der Datenschutzauflagen bei der Corona-Warn-App ein. «Wir müssen runter von diesem Datenschutz-Kult», sagte der Grünen-Politiker am Sonntagabend in einem Live-Talk der «Bild». Es gehe darum, die App «scharf zu schalten» und die Wirksamkeit deutlich zu erhöhen. «Sonst werden wir nicht herauskommen aus diesem Winterschlaf.» Dafür müsse man endlich auf mehr Daten auf dem Handy zugreifen können.