Baden-Württemberg

Südwesten steht vor einem Schuljahr im Ausnahmezustand

Eine Lehrerin schreibt in einer Schule an die Tafel
Eine Lehrerin schreibt in einer Schule an die Tafel. Foto: Sebastian Gollnow/dpa/Symbolbild © Sebastian Gollnow

Stuttgart (dpa/lsw) - Trotz der andauernden Corona-Pandemie und der Kritik von Verbänden und Gewerkschaften sieht Kultusministerin Susanne Eisenmann den Südwesten gut gerüstet für das neue Schuljahr. Man habe ab Montag zwar nicht die Normalität, die man sich wünsche, sagte Eisenmann am Donnerstag. Aber mit Blick auf die Umsetzung der Hygieneregeln zeigte sie sich zuversichtlich. Zudem versprach die CDU-Politikerin einen verlässlichen und strukturierten Fernunterricht. Man habe nun klare Grundlagen dafür geschaffen, sagte sie. Sechs Prozent der Lehrer fehlten pandemiebedingt im Präsenzunterricht, aber weniger als ein Prozent der Schüler.

Eisenmann sagte, das Land habe 16,6 Millionen Euro für weitere Vertretungslehrer investiert, um den coronabedingten Ausfall von Lehrern abfedern zu können. Die Mittel für 300 000 Laptops seien mittlerweile abgerufen worden, viele Geräte sollen bereits ab Montag Schülern zur Verfügung stehen. Corona habe wie ein Brennglas Defizite bei der Digitalisierung deutschlandweit deutlich gemacht.

Man habe zudem 25 Millionen Masken an die Schulen ausgeliefert. Nach den Sommerferien gilt ab Klasse fünf und an den weiterführenden Schulen eine Maskenpflicht auf den sogenannten Begegnungsflächen wie den Schulfluren, der Aula und den Toiletten. Im Unterricht selbst werde es in den ersten Wochen keine Maskenpflicht geben, sagte Eisenmann. An Grundschulen sind Masken nicht vorgeschrieben.

Man setze auf Gruppenbildung im Schulbetrieb, um das Infektionsgeschehen genau nachvollziehen zu können und möglichst keine ganzen Schulstandorte schließen zu müssen. Wenn Fenster in manchen Klassenzimmern nicht geöffnet werden können, sei das ein unhaltbarer Zustand, den die Kommunen als Schulträger lösen müssten, sagte Eisenmann.

Unterdessen leiden die Schulen im Land weiterhin unter einer knappen Personaldecke. Von mehr als 5900 zu besetzenden Lehrerstellen an den öffentlichen allgemeinbildenden und beruflichen Schulen konnten 645 nicht besetzt werden, davon fast die Hälfte an Grundschulen. Die Einstellungsverfahren liefen aber noch bis Ende September, sagte die Ministerin.

Im Gegensatz zum Kultusministerium sehen die Verbände die Schulen nicht gewappnet für einen Regelbetrieb in Pandemie-Zeiten. Nur mit großem Glück werde man im kommenden Schuljahr ohne die Schließung ganzer Schulen auskommen, sagte der Landesvorsitzende des Philologenverbands, Ralf Scholl, am Donnerstag. Dass an Schulen Teile geschlossen werden müssen, davon könne man fest ausgehen.

Das sogenannte Kohortenprinzip funktioniere an Gymnasien nicht - in der Oberstufe seien Schüler in jedem Kurs mit anderen Schülern zusammen. Gebe es dort eine Infektion, werde die ganze Kursstufe dichtgemacht, sagte Scholl. Das Kultusministerium arbeite nach wie vor nach dem Prinzip Hoffnung und schöpfe nicht alle Möglichkeiten aus, um den Regelbetrieb zu schützen, kritisierte Scholl.

Die Bildungsgewerkschaft GEW forderte zusätzliche Reinigungskräfte in den Schulen und mehr Personal in den Klassenzimmern. «Bei diesen großen Löchern in der Unterrichtsversorgung wird der Ausfall von Lehrkräften schnell dazu führen, dass Klassen daheim bleiben müssen», betonte die Landesvorsitzende Doro Moritz.

Der bildungspolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Stefan Fulst-Blei, kritisierte Mängel beim Stand der Digitalisierung. Es gebe zu wenige Fortbildungen in dem Bereich. Das zweiwöchige Nachhilfeprogramm in den Ferien reiche bei weitem nicht aus, um die Wissenslücken aus der Corona-Pandemie zu schließen. Viele Schüler bräuchten auch im neuen Schuljahr laufend während des Unterrichts Unterstützung.