Baden-Württemberg

Schädel und Schilde: Linden-Museum stellt sich Geschichte

Linden-Museum
Das Stuttgarter Linden-Museum. Foto: Sina Schuldt/dpa/Archivbild © Sina Schuldt

Stuttgart (dpa) - Bereits das Eingangsportal ist ein schwieriges Erbe für das Stuttgarter Museum: Steinfiguren von zwei Menschen aus Neuguinea und Afrika thronen auf den Säulen und dem halbrunden Relief. Es sind pure Stereotype, die Lippen sind wulstig, die Nasen zu breit. Dieser weiße Blick auf den afrikanischen Fremden ist nur einer der Schatten, der auf der Vergangenheit eines der bedeutendsten Völkerkundemuseen in Europa liegt. Eine Vergangenheit, der sich das Linden-Museum in seiner neuen Ausstellung unter dem Titel «Schwieriges Erbe» stellt.

Aber die Masken, Schilde und Speere, Tücher und Skulpturen sind nicht das einzige Relikt des Museums und anderer Einrichtungen aus kolonialer Zeit. Nach Angaben des Landes lagern in den Beständen der landeseigenen Museen, Universitäten und Uni-Kliniken noch Tausende menschliche Überreste.

Haare sind dabei, Knochen, Schädel oder Skelette. Insgesamt wurden etwa 2000 Fälle gemeldet, wie eine Abfrage des Landes bei seinen staatlichen Einrichtungen ergeben hat. Die sterblichen Überreste befinden sich demnach in den Depots oder Lagern der Naturkundemuseen in Stuttgart und Karlsruhe, des Stuttgarter Linden-Museums, der Universitäten Freiburg, Tübingen, Heidelberg und Hohenheim sowie des Landesmuseums Württemberg.

«Wir sehen unsere Verpflichtung beim Umgang mit den vielen human remains, den menschlichen Überresten aus kolonialem Kontext in den Sammlungen unserer Einrichtungen», sagte Staatssekretärin Petra Olschowski (Grüne) der dpa. Ziel sei es, alle menschlichen Überreste, die in kolonialem Zusammenhang erworben oder erbeutet worden seien, an die Herkunftsstaaten oder Gruppen zurückzugeben.

Das Thema solle auf Grundlage der Umfrage weiterverfolgt werden. «Die Herausforderung ist komplex, da ist ein langer Atem gefragt», sagte sie weiter. Auch seien die bislang gemeldeten Fälle «eine erste Momentaufnahme». Erst durch weitere Provenienzforschung könne geklärt werden, ob die Überreste auch «in einem kolonialen (Unrechts-)Kontext erworben wurden».

Denn nur in wenigen Fällen ist klar, woher die Überreste stammen. Im Laufe der Jahrzehnte und unter verschiedenen politischen Systemen, durch Kriege und Besitzerwechsel wurden Sammlungen mehrfach umgelagert oder zum Teil zerstört, es kamen Objekte hinzu, andere verschwanden, viele wurden undatiert zusammengezogen.

So hat die Universität Freiburg die Provenienz der Schädel bei der Abfrage fast ausschließlich als «unbekannt» angegeben, teilte das Ministerium mit. Am Linden-Museum sei zudem bei vielen Objekten, in die Haare oder auch Knochenteile eingearbeitet wurden, unklar, ob es sich tatsächlich um menschliche Überreste handele. Häufig genutzte Angaben wie der diskriminierende Begriff «Buschmann» oder «südliches Afrika» seien zu unpräzise, um etwa den Herkunftsstaat oder die Gruppe zu bestimmen. «Die Zahlen sind daher eher als Größenordnung, denn als exakte Größe zu verstehen», sagte Olschowski.

Nach Angaben des Ministeriums ist Baden-Württemberg das erste Land, in dem Ergebnisse einer landesweiten Abfrage vorliegen. Aber auch bundesweit ist die Stoßrichtung klar: «Menschliche Überreste aus kolonialen Kontexten sind zurückzuführen», heißt es in einem Eckpunkte-Papier von Bund, Ländern und Kommunen aus dem Jahr 2019.

Auch Museumsleiterin de Castro begrüßt die Initiative des Landes: «Wir sind uns bewusst, wie wichtig diese Rückgaben für die Herkunftsgesellschaften sind», sagte sie am Freitag. Das Linden-Museum mit seinen mehr als 160 000 Objekten aus allen Erdteilen außerhalb Europas spielt bereits eine bedeutende Rolle in dieser Provenienzforschung und bindet diesen wissenschaftlichen Zweig auch in die neue Ausstellung ein.

In ihrem Mittelpunkt stehen dabei vor allem die ersten Jahrzehnte seiner Geschichte und die Spuren, die der Kolonialismus in der Zeit zwischen 1882 und etwa 1940 auch in Württemberg und den Sammlungen des Hauses hinterlassen hat.

«Das Linden-Museum setzt sich proaktiv und selbstkritisch mit seiner kolonialen Vergangenheit auseinander», sagte de Castro. Als Teil kolonialer Machtstrukturen sei das Museum lange Zeit daran beteiligt gewesen, die Andersmachung des Fremden und eine damit verbundene kulturelle Hierarchisierung zu untermauern. Bereits bei der Vorbereitung der «Werkstattausstellung» hatte de Castro mit den Schatten der Vergangenheit gerechnet: «Wir werden mit Sicherheit unschöne Seiten des Museums aufdecken, aber es ist wichtig, sich damit zu beschäftigen.»

Die Ausstellung betrachtet auch das kolonialistische Vereinswesen, zu dem der Trägerverein zählt. «Vereine prägten das gesellschaftliche Leben und dienten als Multiplikatoren kolonialer Ideologien», erklärte das Museum. Erinnerungen an Ereignisse wie Kolonialtagungen, -ausstellungen und sogenannte Völkerschauen sollen zeigen, wie tief der Kolonialismus auch in Stuttgart verwurzelt gewesen ist.

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