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Stromtod: Leitungen sollen für Vögel verbessert werden

Tauben
Tauben © Sven Hoppe

Renningen (dpa/lsw) - Um das Vogelsterben an vielen Tausend Kilometern Stromleitungen zu verhindern, müssen die Masten aus Sicht von Naturschützern besser gegen Erd- und Kurzschlüsse gesichert werden. Der Naturschutzbund Nabu, der in einer Studie von mindestens 1,5 Millionen getöteten Vögeln an Hoch- und Höchstspannungsleitungen pro Jahr ausgeht, hält die bisherigen Schutzvorrichtungen für unzureichend. Vor allem große Vögel wie Störche, Greifvögel und Eulen nutzten die Masten der Freileitungen zum Sitzen, Schlafen oder als Brutplatz. «Dabei laufen sie aber Gefahr, Isolatoren der Leitungen zu überbrücken oder die Leitungen kurzzuschließen», sagte der baden-württembergische Nabu-Landesvorsitzende Johannes Enssle.

Netzbetreiber haben zwar bereits Schutzmaßnahmen ergriffen, diese reichen aber oft nicht aus. Um das Risiko weiter zu verringern und Vögel an Tausenden von Kilometern Mittelspannungsleitungen flächendeckend besser zu schützen, haben sich das Landesumweltministerium, der Nabu, der Verband für Energie- und Wasserwirtschaft (VfEW) sowie mehrere Netzbetreiber zusammengeschlossen. Ihr Ziel: In drei Phasen sollen vor allem besonders gefährliche Masttypen nachgerüstet werden. Eine entsprechende Vereinbarung zu Mittelspannungsleitungen unterzeichneten sie am Donnerstag in Renningen (Kreis Böblingen) - standesgemäß an einem bereits nachgerüsteten Strommast.

Nach der Studie im Auftrag des Nabu mit Daten von Vogelschutzverbänden sterben in Deutschland am häufigsten Weißstörche und Mäusebussarde durch Stromschläge - obwohl das Entschärfen von gefährlichen Masten vorgeschrieben ist. Osteuropäische Kaiseradler und Sakerfalken seien durch ungesicherte Strommasten sogar in ihren Beständen bedroht, hieß es bei der Veröffentlichung der Studie Ende Juni. Kollisionen mit Leitungen töteten dem Nabu zufolge besonders viele Schwäne sowie andere Wasser- und Großvögel.

Die Zahl der Vögel, die durch Strom getötet werden, kann allerdings nur schwer geschätzt werden. Die Dunkelziffer sei enorm hoch, sagte Nabu-Landeschef Enssle. «Die meisten Stromopfer fallen vom Mast und werden, wenn nicht schon durch den Stromschlag getötet, durch den Absturz schwer bis tödlich verletzt.» Ein großer Teil der Kadaver werde nach dem Absturz außerdem rasch durch Beutegreifer wie Füchse und Marder verschleppt. «Nur die wenigsten Opfer bleiben direkt an der Unfallstelle liegen oder am Mast hängen», sagte Enssle. Schätzungen von anderen Organisationen liegen nicht vor.

Das Bundesnaturschutzgesetz schreibt bereits vor, dass Masten von Mittelspannungsleitungen nachgerüstet werden müssen. Allerdings wird keine Frist vorgegeben, außerdem haben sich bei vielen Strommasten bisherige Nachrüstungen als unbrauchbar erwiesen.

Mit der neuen baden-württembergischen Vereinbarung werden allerdings nur rund 70 Prozent des Netzes mit seinen mehr als 60 000 Kilometern Mittelspannungsleitungen durch die beteiligten Betreiber abgedeckt. Nach Angaben des Umweltministeriums sind 13 750 Kilometer dieser Leitungen sogenannte Freileitungen. Die restlichen rund 80 Prozent des Mittelspannungsleitungsnetzes sind als Kabel in der Erde verlegt.

Baden-Württembergs Umweltstaatssekretär Andre Baumann will weitere Unternehmen überzeugen: «Es heißt jetzt, weiter dafür zu werben, dass noch weitere Netzbetreiber unserem gemeinsamen Vorhaben beitreten und für mehr Vogelschutz an Mittelspannungsleitungen sorgen», sagte er in Renningen.

Der bessere Schutz vor dem Stromtod dürfte aber noch viel Zeit in Anspruch nehmen: In der ersten der drei Phasen wird ein Zeitraum von fünf Jahren vorgegeben, um zunächst besonders problematische Masten zu sichten und etwa mit speziellen Abdeckungen sicherer zu machen. Durch Vogelschutzmarkierungen an den Leitungen können diese auch für die Tiere sichtbar werden. Dadurch könnte ein Großteil der besonders zahlreichen Kollisionen verhindert werden, wie der Nabu mitteilte.

VfEW-Präsident Klaus Saiger warb um Verständnis für den Zeitplan: «Wir planen eine schrittweise Nachrüstung, da uns bei der Personal- und Materialverfügbarkeit - wie in anderen Bereichen auch - Grenzen gesetzt sind und wir zudem auch landwirtschaftliche Belange beachten müssen», sagte er. Viele Masten ständen auf landwirtschaftlich genutzten Flächen.

Als Vorreiter beim Vogelschutz gelten unter anderem die Niederlande, Luxemburg und Schweden. Dort werden Erdkabel eingesetzt. «Das ist sicher die beste Lösung», sagt Nabu-Landeschef Enssle. «Das ist zwar teuer, aber vor allem bei Neubauten ist es der Trend.»