Baden-Württemberg

Studie dämpft Erwartung an mobile Luftfilter in Schulen

Studie zu mobilen Luftfiltern in Schulen
Eines von den mobilen Filtergeräten steht im Klassenraum einer Schule. Foto: Henning Otte/-/dpa © Henning Otte

Stuttgart (dpa) - Die Wirkung mobiler Luftfilter in Klassenräumen zum Schutz gegen das Coronavirus ist nach einer Studie der Universität Stuttgart begrenzt. Die Experten sprechen sich in ihrer Analyse im Auftrag der Stadt Stuttgart dagegen aus, solche Geräte für alle Schulen anzuschaffen. In der Studie, die der Deutschen Presse-Agentur vorliegt, heißt es: «Basierend auf den Erkenntnissen aus dem Pilotprojekt ist der flächendeckende Einsatz von Luftreinigungsgeräten nicht indiziert (angezeigt).» In einzelnen Klassenräumen, die zu kleine oder zu wenige Fenster haben, sollte aber der Einsatz mobiler Geräte oder der Einbau stationärer Filter geplant werden.

Die Experten des Instituts für Gebäudeenergetik, Thermotechnik und Energiespeicherung hatten für die Studie ein halbes Jahr lang an zehn Stuttgarter Schulen die Wirkung der Filter gemessen. Sie warnen nun, die Geräte seien kein Ersatz für das Stoßlüften in Pausen. «Beim Einsatz von Luftreinigungsgeräten sollte generell beachtet werden, dass diese keine Alternative zu einem Außenluftwechsel darstellen, sondern lediglich als Unterstützung zur Partikel- und potenziellen Virenreduktion im Raum eingesetzt werden sollten.» Zusammenfassend stellen die Fachleute fest, der Einsatz von Luftreinigungsgeräten könne nicht die anderen Schutzmaßnahmen wie das Maske tragen oder Testen zur Eindämmung der Infektionsausbreitung ersetzen.

Lehrer- und Elternverbände dringen seit langem darauf, dass die Schulen mit Luftreinigungsgeräten ausgerüstet werden müssten. Vor allem die Stadt Berlin hat hier eine Vorreiterrolle. Wegen der Gefahr der aggressiveren Deltavariante des Coronavirus für ungeimpfte Schülerinnen und Schüler hatte sich die politische Debatte zuletzt zugespitzt - auch von möglichen neuerlichen Schulschließungen war die Rede. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hatte vergangene Woche angekündigt, dass im Herbst alle Klassenzimmer und Kitaräume mit Filteranlagen ausgestattet sein sollen.

Baden-Württembergs Regierungschef Winfried Kretschmann zog nach, jedoch in deutlich abgespeckter Form. Der Grünen-Politiker kündigte am Montag ein Förderprogramm von 60 Millionen Euro an, das die Kommunen zur Hälfte mitfinanzieren sollen. Die mobilen Geräte kosten zwischen 3000 und 4000 Euro. Kretschmann sagte dazu, die Filter seien nur als Ergänzung gedacht und sollten vor allem in schlecht belüftbaren Räumen eingesetzt werden. Zudem sollen sie vornehmlich in den Klassen 1 bis 6 zum Einsatz kommen, weil kleinere Kinder bis auf Weiteres nicht geimpft werden können. Um eine mögliche Einschleppung von Virusvarianten durch Urlaubsreisen zu verhindern, soll es in den ersten zwei Wochen nach den Sommerferien eine Maskenpflicht in den Schulen geben.

In der Studie heißt es weiter, die Luftreinigungsgeräte hätten «beim Betrieb mit den höchsten Volumenströmen die niedrigsten Aerosolkonzentrationen». Allerdings seien die Geräte dann zu laut und die Luftgeschwindigkeiten zu hoch, als dass sie voraussichtlich langfristig von Menschen im Raum akzeptiert würden. Grundsätzlich empfehlen die Wissenschaftler, es zu ermöglichen, dass Fenster so weit wie möglich geöffnet werden können. «Bei schlecht belüftbaren Räumen bieten sich Luftreinigungsgeräte als kurzfristige unterstützende Maßnahme an. Die Geräte sind aber nicht in der Lage, CO2 und Feuchte aus dem Raum abzuführen, weswegen sie keine Lüftung ersetzen können.» Mittelfristig wäre es deswegen aus ihrer Sicht ideal, stationäre Filteranlagen einzubauen, die dazu in der Lage seien.

Gemeindetagspräsident Steffen Jäger sieht sich durch die Studie in seiner Skepsis gegenüber den mobilen Geräten bestätigt. «Die Studie der Universität Stuttgart bestätigt die bisherige herrschende Meinung der Wissenschaft, dass das Lüften per Fenster mobilen Lüftungsanlagen grundsätzlich vorzuziehen ist», sagte Jäger. «Zudem halte ich es für illusorisch, dass die Schulträger Zehntausende solcher Geräte kurzfristig beschaffen könnten. Das wird der Markt nicht hergeben.» Er forderte vom Land ein «realistisches, erreichbares und vernünftiges Konzept, das dem Infektionsschutz Rechnung trägt». Aus seiner Sicht komme nur «im Einzelfall der Einsatz mobiler Anlagen in Betracht».

Der Ludwigsburger Filterspezialist Mann+Hummel widersprach der Studie, bei der auch die Wirkung mobiler Geräte der Firma untersucht wurden, und verwies auf Analysen anderer Forschungseinrichtungen. So seien das Fraunhofer Institut für Bauphysik, das KIT Karlsruhe sowie die Hochschule Heilbronn zu anderen Ergebnissen gekommen. So habe etwa das Fraunhofer Institut nachgewiesen, dass die Wiederfindung aktiver Viren nach nur 20 Minuten Betrieb des mobilen Geräts um über 99 Prozent reduziert werden konnte.

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