Baden-Württemberg

Umfrage: Akzeptanz der Lehrer für Inklusion geht zurück

Ein Rollstuhl steht vor einem Klassenzimmer
Ein Rollstuhl steht vor einem Klassenzimmer. Foto: Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa/Symbolbild © Jan Woitas

Stuttgart (dpa/lsw) - Lehrkräfte im Südwesten haben in einer Umfrage des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) ein düsteres Bild der Inklusion in Baden-Württemberg gezeichnet. Mehr als die Hälfte der 500 befragten Lehrer hält die Inklusion grundsätzlich für sinnvoll, aber nur 23 Prozent erachten den gemeinsamen Schulbesuch als «praktisch sinnvoll umsetzbar». 2015 hatten noch 66 Prozent der Lehrkräfte den gemeinsamen Unterricht zwischen behinderten und nicht behinderten Kindern als grundsätzlich sinnvoll angesehen.

Die Lehrerinnen und Lehrer bemängeln größer werdende Klassen und zu wenig Fortbildungen. Nur 15 Prozent der Schulen sind vollständig barrierefrei, heißt es in der Umfrage. Das ist nach Ansicht des Verbands der schlechteste Wert seit 2015. Fast die Hälfte aller Schulen ist demnach nicht barrierefrei. «Wenn dies bereits an der Barrierefreiheit der Schulgebäude scheitert, dann brauchen wir eigentlich erst gar nicht weiter über Inklusion zu reden», sagte der VBE-Landesvorsitzende Gerhard Brand am Montag in Stuttgart.

Dass nur 15 Prozent vollständig barrierefrei sind, sei ernüchternd, teilte Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) mit. Zunächst sind nach Ansicht von Eisenmann die Schulträger in der Verantwortung. Gelder, die seit 2015 für inklusionsbedingte Schulumbauten zur Verfügung stehen, werden nicht vollständig abgerufen. «Hier müssen wir gemeinsam mit den Schulträgern nachjustieren», teilte Eisenmann mit. Sie wisse, es gebe noch viel zu tun.

Die Umfrage beinhaltet aber noch eine andere Erkenntnis: Durch die Corona-Krise werden vor allem Schüler mit Behinderung benachteiligt. Die Hälfte der befragten Lehrkräfte gab an, die Schüler mit Förderbedarf im Südwesten seien während der Schulschließungen vergessen worden. «Die Kinder fallen im Fernunterricht schlichtweg durch», sagte Brand. Zuhause könnten Kinder, die aufgrund der Behinderung Risikopatienten sind, nicht passgenau betreut werden.

Selbständiges Online-Lernen ist für Schüler mit Behinderung oft nicht möglich, sagte die Landtagspolitikerin Elke Zimmer (Grüne). Aufgabe des Kultusministeriums sei es, mit den kommunalen Landesverbänden zu sprechen, damit diese Kinder auch im Homeoffice gut begleitet werden. Auch die SPD betont die große Herausforderung die Corona für die betroffenen Kinder und Eltern darstelle.

Der VBE macht sich für einen Erhalt der Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren(SBBZ) stark - das sind die früheren Sonderschulen. «Die Ergebnisse sind vor allem eine klare Botschaft an die Politik, die SBBZ zu unterstützen», sagte Brand. Neun von zehn Lehrern befürworten es, die Förder- und Sonderschulen zu erhalten.

Aber auch Eisenmann hob die Arbeit in den Zentren hervor. Gegen den Fachkräftemangel habe die Landesregierung die Studienplätze für das Sonderpädagogik-Lehramt erhöht. Zudem sei es Lehrkräften ermöglicht worden, von Haupt- und Werkrealschulen an die SBBZ zu wechseln. Bislang seien so mehr als 700 zusätzliche Lehrkräfte in die Sonderpädagogik gelangt, teilte Eisenmann mit. Seit 2015 seien insgesamt über 1000 zusätzliche Inklusionsstellen geschaffen worden.