Baden-Württemberg

Weinsberger Klinik: Weiterer Patient flüchtig

Klinik am Weissenhof
Der Eingangsbereich der Psychatrischen Klinik am Weissenhof in Weinsberg. Foto: Bernd Weißbrod/dpa © Bernd Weißbrod

Weinsberg (dpa/lsw) - Nach einer weiteren Flucht aus der psychiatrischen Klinik in Weinsberg im Kreis Heilbronn wird erneut über die Sicherheit in den Einrichtungen gestritten. Die SPD sieht sich durch den neuen Vorfall in ihrer Kritik an den Bedingungen bestärkt. Das Sozialministerium weist die Vorwürfe dagegen deutlich zurück und wirft der Partei vor, aus «Oppositionsreflexen heraus und wider besseres Wissen» zu verunsichern.

Es gehe bei dem jüngsten Entweichung in Weinsberg keineswegs um einen Ausbruch aus dem Sicherheitsbereich wie vor wenigen Wochen, sagte Sozialminister Manne Lucha (Grüne). Der Patient, ein verurteilter Einbrecher, sei vielmehr nach Lockerungsmaßnahmen nicht in die Klinik zurückgekehrt. «Diese Lockerungen sind mit den Gerichten fest vereinbarte Stufen im Rahmen des therapeutischen Konzeptes mit dem Ziel der Wiedereingliederung in die Gesellschaft», sagte Lucha. «Es ist unlauter, Entweichung und Ausbruch in der öffentlichen Kommunikation miteinander zu vermischen.»

Die SPD hatte nach dem Ausbruch der vier Männer vor mehr als zweieinhalb Wochen verlangt, die landesweit fünf Maßregelvollzugsanstalten zu überprüfen. Diese Forderung bekräftigte der Strafvollzugsexperte Jonas Weber nun und sagte, der erneute Vorfall trage nicht zum Sicherheitsgefühl der Menschen bei. Er unterstreiche vielmehr die Notwendigkeit, die Vorkehrungen in diesen Einrichtungen auf Herz und Nieren zu prüfen. «Die Tage der offenen Tür in Weinsberg müssen beendet werden», sagte Weber.

Der flüchtige Patient war auf einer offenen Station untergebracht und wird seit Samstag gesucht. «Offen geführt bedeutet, dass die Station nicht rund um die Uhr verschlossen ist», sagte ein Sprecher des Klinikums. Zwar sei eine «engmaschige Überwachung» weiterhin Teil des Sicherheitskonzeptes, auch um Regelverstöße schnell festzustellen. Grundsätzlich sei aber zwischen einer Flucht oder «Entweichung» von einer offenen Station und einem Ausbruch aus einer geschlossenen Station zu unterscheiden, sagte der Sprecher.

Nach Angaben des Sozialministeriums war der Mann wegen Einbruchsdiebstahls verurteilt worden. Er stand seit 1985 mit insgesamt 17 Eintragungen in den Akten, darunter auch Fahren ohne Fahrerlaubnis und Körperverletzung. Die Gerichte entscheiden jeweils über Gefängnis oder Therapie im Maßregelvollzug. Neue oder als besonders gefährlich eingestufte Patienten werden in besonders gesicherten Bereichen untergebracht.

Bereits vor rund zweieinhalb Wochen waren vier Männer filmreif aus einer geschlossenen Station der Klinik ausgebrochen. Einer von ihnen war einen Tag nach dem Ausbruch festgenommen worden. Die anderen drei sind noch auf der Flucht. In Weinsberg hatte es zuvor laut Ministerium seit 2005 keinen Ausbruch mehr aus dem gesicherten Bereich gegeben. Patienten flüchten allerdings immer wieder aus Psychiatrien. Im vergangenen Jahr gab es in Baden-Württemberg nach früheren Angaben des Gesundheitsministeriums 47 solcher Fälle bei 1252 Patienten landesweit.

Das Klinik am Weissenhof in Weinsberg ist ein akademisches Lehrkrankenhaus der Universität Heidelberg. Es ist der Aufsicht des Landes Baden-Württemberg unterstellt und bietet psychiatrische, psychotherapeutische und psychosomatische Behandlung und Betreuung psychisch kranker Menschen in der Region Heilbronn an.

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