Baden-Württemberg

Wieder Streit um Tübinger Modell: Lauterbach fordert Stopp

Karl Lauterbach, Gesundheitsexperte der SPD
Karl Lauterbach, Gesundheitsexperte der SPD. Foto: Michael Kappeler/dpa/Archivbild © Michael Kappeler

Tübingen (dpa) - Nach Zweifeln an einem Erfolg des bundesweit beachteten Modellprojekts in Tübingen mit Öffnungsschritten und verstärkten Tests fordert der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach einen Stopp dieser Versuche. «Sie geben das falsche Signal», schrieb Lauterbach am Dienstag auf Twitter. Das Tübinger Projekt zeige, dass unsystematisches Testen mit Öffnungsstrategien die schwere dritte Corona-Welle nicht aufhalten werde. ««Testen statt Lockdown» ist Wunschdenken, genau wie «Abnehmen durch Essen».»

Er plädierte für eine Ausgangsbeschränkung und die «Notbremse», um das Wachstum der Sieben-Tage-Inzidenz zu stoppen. Sie misst die Zahl der registrierten Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner binnen einer Woche. Außerdem müsse es möglich werden, Cluster über die Pflicht zur Testung in Betrieben und Schulen schnell zu erkennen. «So schafft man die Voraussetzung für Lockerungen», twitterte der Bundestagsabgeordnete. «Das Projekt senkt Inzidenz leider nicht», schrieb er weiter.

Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) hatte am Montagabend eingeräumt, in der Modellkommune Tübingen seien die Corona-Fallzahlen stark gestiegen. Der Anstieg sei jedoch in etwa so hoch wie dort, wo mit Schließungen gearbeitet werde, hatte der OB gesagt. Der Anstieg mache ihm keine Sorgen. Auch am Dienstag sah er keinen Grund, das Projekt zu beenden. Die Sieben-Tage-Inzidenz liege im Bundesvergleich «immer noch günstig», sagte er dem SWR.

Die «Stuttgarter Zeitung» und die «Stuttgarter Nachrichten» zitierten am Dienstag aus einem Zwischenbericht Palmers ans Sozialministerium, in dem der Grünen-Politiker für eine Fortsetzung des Projekts warb. Zwar sei die Entwicklung der Fallzahlen inzwischen kritischer zu bewerten als bisher. Doch noch gebe es keine Hinweise, dass die kontrollierten Öffnungen zu einem Anstieg der Infektionszahlen geführt hätten. «Dies kann aber angesichts der stark gestiegenen Inzidenz insgesamt auch nicht mehr sicher ausgeschlossen werden.»

Palmer schrieb demnach weiter: «Statt eines Abbruchs des Projekts wäre die Einführung zusätzlicher Testpflichten erwägenswert.» Dem Bericht zufolge würde Palmer gerne in Betrieben und Schulen zweimal pro Woche schnelltesten lassen. Es sei zweckmäßig, den Verlauf der Karwoche und der Ostertage abzuwarten und über die Fortsetzung des Projekts am 6. April nach Vorlage eines weiteren Zwischenberichts zu entscheiden, zitierten die Zeitungen Palmer weiter.

Palmer appellierte an Auswärtige, die Stadt erstmal nicht zu besuchen. Man wolle herausfinden, ob sich das Infektionsgeschehen in einer Stadt mit engmaschigen Tests unter Kontrolle bringen lasse, teilte er mit. «Tagesgäste, die sonst nie hier sind, stören den Versuch und zerstören die Akzeptanz bei den Tübingern. Daher fordere ich alle Gäste, die nur wegen des Öffnungsversuches nach Tübingen reisen wollen, jetzt auf, der Stadt fern zu bleiben.»

Auch laut der Pandemiebeauftragten der Neckarstadt, Lisa Federle, halten sich Menschen teilweise nicht an die Regeln. «Wir müssen da stärker kontrollieren und müssen auch mehr Einschränkungen machen», sagte Federle im Interview mit RTL/ntv. Viele trügen in der Stadt keine Masken mehr und hielten sich nicht an Abstandsregeln. «Das ist nicht Sinn der Sache. Getestet werden bedeutet nicht, ich kann tun und lassen was ich will», sagte Federle. Ein positiver Effekt der Schnellteststrategie sei aber, dass es in Tübingen eine sehr niedrige Dunkelziffer von Infizierten gebe. Im Schnitt sei einer von 1000 Getesteten positiv. «Wir haben mindestens 40 000 Tests letzte Woche gemacht. Wir haben 40 Positive rausgeholt.»

Lauterbach ist bekannt für seine Kritik am Tübinger Sonderweg. Palmer und Federle hatten diese zunächst zurückgewiesen und ihm vorgeworfen, die Zahlen von Stadt und Kreis zu verwechseln. Der SPD-Gesundheitsexperte nannte das Argument auf Twitter allerdings «epidemiologisch Unsinn». Menschen aus dem ganzen Landkreis würden in der Stadt shoppen, auch das Gastro- und Verkaufspersonal lebe dort.

In Tübingen läuft seit Mitte März ein Modellprojekt zu mehr Öffnungsschritten in Corona-Zeiten. An neun Teststationen können die Menschen kostenlose Tests machen, das Ergebnis wird bescheinigt. Damit kann man in Läden, zum Friseur oder auch in Theater und Museen.

Auch in zahlreichen anderen Kreisen, Städten und Gemeinden in Deutschland werden ähnliche oder andere Modelle entworfen, um eine Corona-Öffnung trotz steigender Zahlen zu beschleunigen. Im Tübinger Modell sehen Dutzende Kommunen einen Hoffnungsschimmer. Sie haben sich bereits beim Land beworben als Modellregionen oder haben es noch vor. Ihr Ziel ist es, möglichst bald Perspektiven zu haben - nicht nur für die Lockdown-müden Menschen, sondern auch für Hotels, Restaurant, Museen und die Kultur. Allerdings gibt es auch bereits erste Absagen des Landes.

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