Baden-Württemberg

Wohin die Wähler wanderten

Wolfgang Reinhart (l.,CDU) und Susanne Eisenmann (CDU)
Wolfgang Reinhart (l.,CDU) und Susanne Eisenmann (CDU). Foto: Sebastian Gollnow/dpa © Sebastian Gollnow

Stuttgart (dpa/lsw) - Bei der Landtagswahl haben vor allem CDU und AfD Federn lassen müssen. Schätzungen der Wahlexperten von Infratest dimap für die ARD zeigen grob, wie die Wähler wanderten. Demnach wählte jeweils ein großer Teil jener, die den beiden Parteien den Rücken kehrten, überhaupt gar nicht mehr mit. «Das ist durchaus typisch», erklärte der Berliner Politikwissenschaftler Thorsten Faas am Montag der dpa. Unzufriedenheit gerade von Stammwählern führe häufig zur Nichtwahl und nicht sofort zum Wechsel der Partei.

Von den CDU-Wählern, die ihrer Partei nicht die Treue hielten, machten dieses Mal dem Modell von Infratest dimap zufolge sehr viele ihr Kreuz bei den Grünen. Auch die FDP profitierte von früheren CDU-Wählern. Verrechnet man Zu- und Abwanderung, machte die CDU nur in Bezug auf die AfD ein Plus von rund 70 000 Stimmen. Im Vergleich zu anderen Parteien waren die Verluste stärker als die Zuwächse.

Infratest dimap weist aber darauf hin, dass es sich bei den Angaben um geschätzte und gerundete Werte handelt. Je kleiner diese würden, desto unsicherer seien sie, erläuterte eine Sprecherin.

Der größte Teil einstiger AfD-Anhänger, der sich bei der Landtagswahl vom Sonntag für eine andere Partei entschieden hatte, gab seine Stimme diesmal der CDU. Aber auch zu FDP, Grünen, SPD und vielen kleineren Parteien wechselten Zehntausende.

Auffallend ist der Anstieg gerade bei den kleineren Parteien - inklusive Linke und Freie Wähler. Sie alle kamen am Sonntag auf zusammen auf 12,1 Prozent der Stimmen - nach 6,6 Prozent bei der Wahl vor fünf Jahren. Nach den Infratest-dimap-Zahlen dürften sich jeweils weit mehr als 100 000 Menschen, die 2016 noch CDU, Grüne oder AfD gewählt hatten, nun für eine der kleineren Parteien entschieden haben - die vorab kaum Aussicht auf den Einzug in den Landtag hatten.

Wählerwanderungen sind üblich und treffen alle Parteien. Auch der grüne Wahlsieger verlor Wähler etwa an SPD und CDU. Infratest dimap rechnet die Ströme zwischen den Parteien auf. Bei den sogenannten Salden gehen die Wechsel zwischen Grünen und CDU mit einem satten Plus von rund 70 000 Stimmen zugunsten der Öko-Partei aus. Hingegen wechselten etwa 20 000 ehemalige Grünen-Anhänger mehr zur FDP als wiederum den Liberalen den Rücken kehrten und für Grün votierten.

Auch zu den möglichen Gründen geben die Umfrageergebnisse von Infratest dimap Hinweise. So lag der Anteil der Grünen-Stimmen bei Wählerinnen bei 38 Prozent, bei Männern nur bei 28 Prozent. Bei CDU, AfD und FDP hingegen sind die Anteile unter Männern höher als unter den Frauen. Auch bei Menschen mit hoher Bildung lag die Zustimmung zu den Grünen mit 38 Prozent deutlich über dem Wahlergebnis.

Während die Grünen vor allem in den Großstädten Zugewinne verbuchten, punktete die FDP den Angaben nach gerade in Landgemeinden und Kleinstädten. Unter Arbeitern waren die Stimmanteile für die AfD mit 26 Prozent am höchsten. Es folgten CDU (23), Grüne (20) und SPD (10).

Entscheidende Faktoren für die Wahl sind natürlich auch die Inhalte. So trauen Wähler den Umfrageergebnissen zufolge den Grünen vor allem in Sachen Umwelt- und Klimapolitik gute Lösungen zu. AfD und CDU wurden dagegen eher bei Kriminalitätsbekämpfung genannt, die FDP bei Digitalisierung und die SPD bei sozialer Gerechtigkeit.

Dass aber auch hierin nicht der Weisheit letzter Schluss liegt, zeigt der vermeintliche Widerspruch in den Daten: Zwar liegt die CDU in Sachen Wirtschaftskompetenz in der Einschätzung mit 41 Prozent deutlich vor den Grünen (17 Prozent), und für mehr als ein Fünftel (22 Prozent) der Befragten spielte den Angaben zufolge Wirtschaft die größte Rolle bei der Wahlentscheidung - doch die Wahl ging nicht zuletzt dank enormer Zustimmung für Regierungschef Winfried Kretschmann von den Grünen zugunsten seiner Partei aus.

Übrigens: Die Corona-Pandemie war den Angaben zufolge nur für 12 Prozent der Menschen das wichtigste Thema bei ihrer Wahlentscheidung. Als bedeutsamer wurden Umwelt/Klima (19 Prozent), soziale Sicherheit (16 Prozent) und Bildung/Schule (15 Prozent) genannt.

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