Blaulicht

Zehn gegen einen: 15-Jähriger verletzt

gewalt
Symbolbild. © Bernhardt / ZVW

Schorndorf. Eine Gruppe von zehn bis 15 Jugendlichen hat nahe der Fröbelschule in Schorndorf einen 15-Jährigen niedergeschlagen. Offenbar traten die Angreifer noch auf den Jungen ein, als er schon am Boden lag. Eine Anwohnerin ging dazwischen. Der Junge musste ins Krankenhaus, kam aber mit leichten Verletzungen davon. Die Angreifer sind unerkannt entkommen.

Der Vorfall hat sich laut Polizei am Donnerstag gegen 16 Uhr in der Rainbrunnenstraße ereignet. Mehrere Eltern hielten sich ganz in der Nähe auf, weil sie ihre Kinder von der Schule abholen wollten. Von ihnen traute sich offenbar niemand, dem Opfer zu helfen, oder aber sie erkannten die Situation nicht. Die Anwohnerin wagte sich indes mitten hinein in die Menge. Die Jugendlichen gingen auch sie an, verletzten sie aber nicht.

„Scheinbar grundlos“ sind die Jugendlichen im Alter von etwa 16 bis 18 auf den Jüngeren losgegangen, teilt die Polizei mit. Das passt zu Martin Luippolds Erfahrungen. Der Richter am Amtsgericht Waiblingen hört als Grund für eine Auseinandersetzung hin und wieder schlicht: „Der hat mich so komisch angeguckt.“ In Wahrheit „haben die Lust, einen zusammenzuschlagen“, und dann reicht ein Blickkontakt als Auslöser.

So viele gegen einen – wer tut so was? Martin Luippold warnt davor, ein Bild von einem typischen Täter zu zeichnen: „Typische Opfer gibt es eher als typische Täter.“ Eine schwierige Kindheit kann alles erklären – oder nichts. Immer wieder hört der Richter in Verhandlungen gegen jugendliche Straftäter Berichte von häuslicher Gewalt, Drogenmissbrauch in der Familie oder konfliktreichen Trennungssituationen. Bei den Taten selbst spiele oftmals „drogenbedingte Enthemmung“ oder Alkohol eine Rolle.

Fall in Backnang: Täter sind nicht ausfindig gemacht worden

Erst Ende Oktober sind in Backnang mehrere Jugendliche auf einen Einzelnen losgegangen. Vier Jungs im Alter von etwa 16 Jahren bedrängten einen Zwölfjährigen an einer Bushaltestelle. Einer von ihnen riss dem Jüngeren den Rucksack vom Rücken, durchsuchte ihn und warf den Inhalt auf die Straße. Laut Polizei konnten die Angreifer nicht ausfindig gemacht werden.

Richter Martin Luippolds Empfinden nach haben Vorkommnisse wie diese nicht auffällig zugenommen – im Gegenteil: „Das gab es schon immer.“ Der Unterschied zu heute: „Es wird viel mehr angezeigt.“ Während in den 70er und 80er Jahren Schlägereien bei Dorffesten alles andere als eine Seltenheit waren, nimmt die Gesellschaft heute Gewalt sehr viel sensibler wahr. Bereits im Kindergarten durchlaufen Knirpse Gewaltpräventionsprogramme. So was gab’s früher nicht, zumindest nicht in dieser Intensität.

Was sich ebenfalls verändert hat, ist der Anteil von Mädchen an gewalttätigen Auseinandersetzungen. Auf maximal zehn Prozent schätzt Richter Luippold den Anteil der Fälle, bei denen Mädchen als Täterinnen in Gewaltdelikten auftreten. Jungs sind nicht nur meistens Täter – sondern auch meistens Opfer.

Der Gewaltausbruch in Schorndorf hat sich in der Nähe einer Schule abgespielt. Es drängt sich die Frage auf, in welchem Ausmaß gewalttätige Auseinandersetzungen dort an der Tagesordnung sind. „Es sind Einzelfälle“, sagt Sabine Hagenmüller-Gehring, die Leiterin der Staatlichen Schule Backnang. Ihrem Eindruck nach kümmern sich Schulen sehr intensiv um schwierige Jugendliche, die durch gewalttätiges Verhalten auffallen.

Das Polizeipräsidium Aalen hat im vergangenen Jahr in seinem Zuständigkeitsbereich (Rems-Murr-Kreis, Ostalbkreis und Schwäbisch Hall) rund 400 gewalttätige Jungtäter registriert, etwa gleich viele wie im Jahr davor. Neun jugendliche Intensivtäter waren ins Initiativprogramm „Jugit“ aufgenommen. Ziel ist, ein dauerhaftes Abgleiten in die Straffälligkeit zu verhindern.

„Ich habe jahrelang darunter gelitten“

Nachdem wir über den Zwölfjährigen berichtet hatten, der es Ende Oktober in Backnang mit vier Angreifern zu tun hatte, meldete sich ein Leser auf Facebook zu Wort: „Der Artikel ... trifft alte Wunden. Mein Schulweg als Kind in demselben Alter war die Hölle. Ich wurde ebenso sehr oft eingekreist vier oder fünf gegen einen. Ich habe jahrelang darunter gelitten, vor allem auch, weil keiner etwas machen wollte. Und das war gegen Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre ... Für Kinder, die sich in der Situation allein gelassen fühlen, ist das der Horror.“

Zeugenaufruf

Eltern, die zur Tatzeit an der Fröbelschule Schorndorf auf ihre Kinder gewartet haben, werden gebeten, sich als Zeugen zur Verfügung zu stellen. Hinweise nimmt das Polizeirevier Schorndorf unter der Telefonnummer 0 71 81/2 04-0 entgegen.

Straftaten von Tatverdächtigen im Alter von 14 bis 21 Jahren gelten als Jugendkriminalität. Nach spektakulären Fällen flammen regelmäßig Diskussionen darüber auf, ob nicht das Jugendstrafrecht verschärft werden müsste.

Das Landeskriminalamt schreibt in seiner Statistik für 2015: „In der Gesellschaft entsteht immer wieder der Eindruck, dass die Jugend von heute gefährlicher und krimineller ist. Die Entwicklung der letzten zehn Jahre hingegen zeigt, dass die Jugendkriminalität grundsätzlich zurückgeht.“