Meinung

Corona-Politik im Rems-Murr-Kreis: Das war nicht gut, Herr Landrat!

Sigel mit Maske
Landrat Richard Sigel. © Gabriel Habermann

Das Coronavirus ist auf dem Vormarsch und die Politik hinkt hinterher. Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel ist mit den beschlossenen Maßnahmen nicht zufrieden. Sie hat deshalb am Wochenende einen dramatischen Appell an die Bürger gerichtet: „Wir müssen jetzt alles tun, damit das Virus sich nicht unkontrolliert ausbreitet. Dabei zählt jetzt jeder Tag“, sagte die CDU-Politikerin in einer Videobotschaft. Jeder kann dabei mithelfen: weniger Reisen, weniger Kontakt und natürlich Maske tragen.

Der Rems-Murr-Kreis erweckt gerne den Eindruck, dass er die Corona-Krise voll im Griff hat. Das ist aber nur bedingt richtig. Der Landkreis gehört nach den Zahlen des Robert-Koch-Institutes in die Top 20 der am stärksten belasteten Städte und Kreise.

Hohe Todeszahlen im Kreis

Außerdem sind die bisherigen Todeszahlen sehr hoch. 99 gestorbene Menschen meldet das Robert-Koch-Institut für den Kreis. Das sind mehr Todesfälle als in Stuttgart oder im Kreis Ludwigsburg.

Ein weiteres Beispiel: Die Stadt Dortmund hat insgesamt nur 67 Corona-Fälle mehr als der Rems-Murr-Kreis, verfügt über mehr Einwohner und ist deutlich dichter besiedelt - trotzdem wurden hier nur 21 Tote gezählt. Dieses schlimme Kapitel der Corona-Pandemie im Kreis gehört dringend aufgearbeitet.

Am Freitag war für alle klar: Am Wochenende wird auch der Rems-Murr-Kreis zum Risikogebiet mit mindestens 50 Corona-Fällen pro 100.000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen. Doch, statt klar und schnell zu handeln, verschickte die Kreisverwaltung eine aufwendige zweiseitige Pressemitteilung mit dem Tenor: Wir handeln erst am ersten Werktag nach dem Wochenende. Das mit dem Risikogebiet reicht auch noch am Montag.

Das ist so, als würde in einem Schwimmbad nach Ende der Öffnungszeiten ein Nicht-Schwimmer ins 50 Meter-Becken fallen und der Bademeister sagt dann: „Halten Sie durch bis morgen früh, erst nach meinem Arbeitsbeginn kann ich Ihnen wieder helfen.“

Die Verantwortung trägt der Landrat

Der Landkreis hat am Freitag politisch und rechtlich fragwürdig gehandelt. Er hat die Verwirrung gestiftet, die er angeblich vermeiden wollte. Er hat sich als Ordnungsbehörde blamiert, denn eine Behörde kann doch nicht wegschauen, wenn eine Eingriffsschwelle - also hier die 50 Fälle - erreicht wird. Er hat bisher keine Selbstkritik geübt, sondern stattdessen zur Ablenkung das Land kritisiert.

Die Verantwortung dafür trägt Landrat Richard Sigel. Er hat nach der überraschenden Kehrtwende am Samstag gesagt: „Der Kampf gegen die Corona-Pandemie duldet keinen weiteren Aufschub.“ Das ist richtig. Das galt aber schon am Freitag und an den Tagen davor. Und dieser Satz sollte immer Maßstab des Handelns sein.

Das Coronavirus ist auf dem Vormarsch, der Rems-Murr-Kreis ist inzwischen Corona-Risikogebiet und die Politik hinkt hinterher. Das sollte für uns aber keine Ausrede sein, nichts zu tun und nur auf andere zu schimpfen. Wir können durch unser Verhalten das Virus stoppen. Die Zukunft liegt tatsächlich in unserer Hand.