VfB Stuttgart

Das große VfB-Stimmungsbild: Was Fans, Experten, Ultras und Ex-Profis von der neuen Saison erwarten

Daniel Didavi
Wohin geht die Reise in diesem Jahr für Spielmacher Daniel Didavi und den VfB Stuttgart? © Danny Galm

Am Sonntag wird es wieder ernst für die Profis des VfB Stuttgart: Mit dem Pokalspiel gegen Hansa Rostock starten die Schwaben ins Pflichtspieljahr 2020/21. Die Sommer-Vorbereitung verlief durchwachsen. Positiv waren die ordentlichen Auftritte und Ergebnisse in den Testspielen (vier Siege aus fünf Spielen), negativ das große Verletzungspech. Vor allem der Ausfall von Top-Torjäger Nicolas Gonzalez trifft den Bundesliga-Aufsteiger schwer.

Dementsprechend gedämpft ist die Stimmung rund um den schwäbischen Traditionsclub. Wir haben uns vor dem ersten Pflichtspiel der neuen Saison bei Fans, Mitgliedern, Bloggern, Ex-Profis und Experten umgehört. Was sind die Erwartungen an die Mannschaft? Wie ist die Gefühlslage kurz vor dem Saisonstart und wo landet der VfB am Ende der Spielzeit? Aus den Einschätzungen ergibt sich ein buntgefächertes, großes VfB-Stimmungsbild:

VfB-Legende Hansi Müller: „Den Klassenerhalt schaffst du nur mit Willen, Herzblut und Leidenschaft“

Hansi Müller
VfB-Legende, Spielmacher und Ehrenmitglied des Vereins: Hansi Müller. © Benjamin Büttner


Zwischen 1975 und 1982 stand Müller in 224 Spielen (81 Tore) für den VfB auf dem Platz. Mit der deutschen Nationalelf wurde er Europameister (1980) und Vize-Weltmeister (1982). Heute genießt er das Fußballer-Rentnerleben im sonnigen Korb:

„Im Moment sind die wichtigsten Fragen: Wie geht’s los in der neuen Saison und werden Zuschauer zugelassen oder nicht? Das ist ein ganz wichtiger Faktor, denn von der Stimmung und von den Emotionen im Stadion lebt auch das Spiel. Ich erwarte von der Mannschaft, dass sie vom ersten Moment an zeigt, dass es einzig und allein nur um den Klassenerhalt geht. Dafür muss jeder Spieler jeden Tag alles geben. Den Klassenerhalt schaffst du nur mit Willen, Herzblut und Leidenschaft. Ich denke, dass der VfB Stuttgart eine sehr schwere Saison vor sich hat, es aber letztendlich schaffen wird, in der Bundesliga zu bleiben. Vielleicht sollte man auch jüngeren Spielern und Talenten eine Chance geben. Das ist zwar ein größeres Risiko - aber es kann auch gelingen und es gibt genug Talente im Kader des VfB Stuttgart.“

Sebastian Rose vom Vertikalpass: „Es wird ein enge Kiste - aber der VfB schafft das!“

Gemeinsam mit seinem Kollegen Andreas Zweigle betreibt Rose seit 2014 einen der größten VfB-Blogs. Zudem ist er regelmäßig gemeinsam mit Enrico Palm im „STR - VfB Stuttgart Podcast“ zu hören:

„Die übliche Euphorie vor Saisonstart hat sich auch bei uns in diesem Jahr nicht eingestellt. Auch wenn die Verantwortlichen einen großen Optimismus verbreiten, herrscht eine gewisse Skepsis. Kann eine Mannschaft, die in der vergangenen Saison gegen Wehen Wiesbaden und den VfL Osnabrück nicht gewinnen konnte, wirklich in der Bundesliga bestehen? Der VfB hat sich dazu entschieden, mit vielen jungen Spielern in die Saison zu gehen. Das ist einerseits mutig, andererseits wohl auch der Corona-Krise und dem dadurch deutlich reduzierten Transferbudget geschuldet. Wir hoffen, ein Team zu sehen, dass mangelnde Erfahrung mit Leidenschaft kompensiert. Blutleere Auftritte, wie in der vergangenen Saison, darf es nicht mehr geben. Die junge Mannschaft braucht einen guten Start in die Saison, das nötige Glück - und sie braucht Geduld. Die sollten wir ihr geben. Das Ziel kann nur Klassenerhalt heißen. Angesichts der Konkurrenz aus Bremen, Köln, Augsburg, Mainz, Bielefeld und Berlin ist dies im Bereich des Möglichen. Es wird ein enge Kiste - aber der VfB schafft das!“

Ultras vom Commando Cannstatt: „Wo der VfB am Ende der Spielzeit landet? Hoffentlich über dem Strich“

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Im ausverkauften Stadion feierte das "Commando Cannstatt" 2017 vor dem Heimspiel gegen Dynamo Dresden seinen 20. Geburtstag. © Benjamin Büttner


Eine der größten Ultragruppierungen des Vereins, die sich 1997 gegründet hat. Ein Sprecher der Gruppe gab gegenüber unserer Redaktion folgende Einschätzung ab:

„Wir sind gespannt, wie sich die recht junge Mannschaft der Herausforderung 1. Bundesliga stellt und erwarten, dass jeder Spieler bereit ist, hier den nächsten Schritt zu machen, um das große Ziel Klassenerhalt zu erreichen. Wo der VfB am Ende der Spielzeit landet? Hoffentlich über dem Strich.“

Podcasterin Sarah Brinkmann: „Eine unspektakuläre Saison mit einem souveränen Platz 11 oder 12 wäre der Traum“

Die Psychologie-Studentin betreibt gemeinsam mit Jakob Kohler, Jasmin Waida, Jens Strobel und Martin Harsch den Podcast „Brustringtalk“ und ist auf Twitter als @1893Sarah zu finden:

„Die Gefühle vor dem Saisonstart sind recht gemischt bei mir. Als jemand, der sonst bei jedem Heim- und Auswärtsspiel ist, kommt eine ganz andere Saison auf mich zu als sonst. Daher muss ich sagen, dass mir die richtige Vorfreude und die Lust auf die neue Saison noch etwas fehlt. Ich hoffe, das kommt dann bei den ersten Spielen. Ansonsten bin ich aber recht zuversichtlich, ich habe großes Vertrauen in die Verantwortlichen und bin gespannt, wie sich die Mannschaft machen wird. Ich traue der Mannschaft einiges zu und bin gespannt, was davon sie auch auf den Platz bringen können. Gespannt bin ich zudem, ob wir im Sturm nicht noch zu schwach besetzt sind. Vor allem wünsche ich mir, dass die Mannschaft auch als solche auftritt, das hat mir in der letzten Saison oft gefehlt. Wo der VfB am Saisonende landet, ist schwierig zu sagen, da ich viele der anderen Teams nicht einschätzen kann. Wenn ich es mir aussuchen könnte, wäre eine völlig unspektakuläre Saison mit einem souveränen Platz 11 oder 12 am Ende der Traum – aber ich rechne eher mit einem holprigen Platz 14 oder 15.“

Kicker-Reporter George Moissidis: „Die Mannschaft ist ein Überraschungsei“

Der Journalist berichtet seit rund 30 Jahren für das Fachmagazin über den Verein und ist auf Twitter als „Schwabenpfeil“ unterwegs:

„Die Stimmung rund um den Verein ist relativ gedämpft. Eine Euphorie, wie es sie beim letzten Aufstieg 2017 gegeben hat, gibt es dieses Mal nicht - was natürlich auch Corona geschuldet ist. Die Grundstimmung dem Fußball gegenüber ist generell gerade negativ. Auch die Zuschauer im Stadion fallen weg. Das ist für den VfB ein großes Manko. Mit den vielen Verletzten muss man sich ein paar Sorgen machen. Fest steht: Der Start wird sehr wichtig sein. Gegen Freiburg, Mainz und Leverkusen sollte schon etwas drin sein. Geht der Auftakt in die Hose, wird es ganz schwer werden, weil dann zwangsläufig wie schon so oft alles und jeder infrage gestellt werden dürfte. Andersherum kann das Team natürlich auch über sich hinauswachsen. Die Mannschaft ist ein Überraschungsei. Aber bei mir persönlich überwiegt nicht der Optimismus, sondern eher die Sorge.“

Fanclub „Achtzehn93 dunkelrote Mädels“: „Die Mannschaft findet endlich zu einer Einheit zusammen“

Im Juli 2017 hat sich in Winterbach ein rein weiblicher VfB-Fanclub gegründet. Angeführt werden die „Dunkelroten Mädels“ von ihrem Vorstandsteam um Michaela Bürk, Birgit Kurz und Nina Deh.

„Wir sind alle schon sehr gespannt und etwas aufgeregt, zugleich aber mit hohen Ansprüchen an unsere Mannschaft. Der VfB hat leider in den letzten zwei Jahren gezeigt, dass es ihm deutlich an einem Miteinander in der Mannschaft gefehlt hat. Durch den trotzdem erreichten Erfolg in der letzten Saison und die gewonnenen Testspiele erwarten wir, dass der VfB sich endlich in allen Wettbewerben - sei es der Pokal oder die Bundesliga - wieder motiviert zeigt und ein Miteinander präsentiert. Die vielen Verletzten und die Tatsache, dass am Sonntag keine Fans zur Unterstützung vor Ort sein können, sind enorme Nachteile. Dennoch: Durch Matarazzos Einsatz und die Neuzugänge glauben wir fest an einen Sieg! In den Testspielen konnte man sehen, dass die Mannschaft endlich zu einer Einheit zusammenfindet. Daraus kann eine Dynamik entstehen.“

Ex-Profi Andreas Hinkel: „Der Ausfall von Nicolás Gonzalez ist ein schwerer Schlag“

Kopie von Andreas Hinkel wird Co-Trainer bei Spartak Moskau, Domenico Tedesco Cheftrainer_0
Gemeinsam mit Cheftrainer Domenico Tedesco (li.) mischt Andreas Hinkel aktuell mit Spartak Moskau die russische Liga auf. © Spartak Moskau


Geboren und aufgewachsen im Rems-Murr-Kreis, aktuell Co-Trainer bei Spartak Moskau und zwischen 2000 und 2006 für den VfB in Liga, Pokal und Champions League am Ball:

„Natürlich verfolge ich den VfB noch und drücke die Daumen. Ich bin in Moskau jedoch zu weit weg, um mir ein genaues Bild über die aktuelle Stimmungslage machen zu können. Aber klar ist: Der VfB ist ein Aufsteiger. Und da kann es erst einmal nur das Ziel geben, sich in der Bundesliga zu etablieren. Das traue ich der Mannschaft zu - auch wenn der Ausfall von Nicolás Gonzalez schon ein schwerer Schlag ist. Er war in der Rückrunde der Unterschiedsspieler."

Autor Bernd Sautter: „Die sicherste Methode, um Platz 15 zu erreichen, ist ein Raketenstart“

Blogger, Bruddler und Autor („Heimspiele Baden-Württemberg“ sowie „Fußballheimat Württemberg“), zudem Redakteur bei Zeitspiel, dem Magazin für Fußball-Zeitgeschichte:

„Die Euphorie fehlt. Das liegt allerdings weniger am VfB oder dem schwäbischen Hang zum gepflegten Bruddeln. Das Problem ist der Fußballbetrieb selbst, der in der Pandemie weiteren Kredit verspielt hat. Natürlich machen die Cannstatter keine Ausnahme. Sie schicken die Mitarbeiter in Kurzarbeit, während sie sich gleichzeitig das Trainingslager im noblen Kitzbühel mit einem KfW-Kredit absichern. Angeblich alles betriebswirtschaftlich mega-professionell. Nur Thomas Hitzlsperger wundert sich, warum alles immer so kritisch gesehen wird. Mit Blick auf die neue Saison sind wir Anhänger mit wenig zufrieden. Aber ein sichtbarer Lernerfolg des Teams darf es schon sein. Wir wollen Spielfreude auf dem Rasen erkennen. Für die Stock- und Stellungsfehler gibt’s ja den Trainingsplatz. Ganz wichtig: Wir wollen erkennen, wie der VfB gedenkt, die gegnerische Abwehr zu knacken. Die Ausrede mit den tiefstehenden Gegnern aus Osnabrück und Karlsruhe fällt ja weg. In jedem Fall werden wir drei Teams finden, die noch schwächer sind. Aber wir sollten nicht lange nach ihnen suchen. In der Rückrunde ist es zu spät. Die sicherste Methode, um Platz 15 zu erreichen, ist ein Raketenstart. Gegen Freiburg und Mainz wäre er möglich. Auch im weiteren Verlauf treffen wir auf genügend Konkurrenz, die wirtschaftlich und spielerisch vergleichbar erscheint. Auswärtsunentschieden sind zu wenig. So gesehen stehen 34 Heimspiele auf dem Plan - und bitte nicht 36.“

VfB-Mitglied Benjamin Layer: „Momentan fehlt mir Bundesligaerfahrung im Kader“

Der Leutenbacher ist ein leidenschaftliches VfB-Mitglied und mit dem Verein seit vielen Jahren verbunden:

„Durch die noch nie da gewesene Corona-Lage und durch den immer schnelleren Wandel der Zeit ist aktuell viel Bewegung in der Fußball-Branche. Spieler jenseits der 30 haben grundlegend andere Auffassungen als die nachkommenden jungen Nachwuchskicker, was jüngst insbesondere der aussortierte Innenverteidiger Holger Badstuber feststellen musste. Dem Saisonstart sehe ich mit gemischten Gefühlen entgegen. Der Ansatz mit den "Jungen Wilden 2.0" und dem zweitjüngsten Bundesligakader ist prinzipiell gut, dennoch nach dem Aufstieg in dieser Breite doch gewagt für mich. Momentan fehlt mir Bundesligaerfahrung und Identifikationsfiguren im Kader, die mittelfristig entstehen können, aber kurzfristig gebraucht werden. Als Saisonziel kann nur der Klassenerhalt angestrebt werden, mit dem absoluten Bewusstsein und der Identifikation für den VfB, um sich in der Bundesliga nachhaltig zu positionieren. Ich würde es zudem begrüßen, sofern das Interesse und die Bereitschaft beider Seiten bestehen, Mario Gomez als Leiter der Lizenzspielerabteilung als Schnittstelle zwischen Mislintat und Matarazzo zu gewinnen.“

Fanclub „Remstaler Kolbenkollektiv“: „Das ‚Endlich-wieder-Fußball-Gefühl‘ ist weg!“

Der Name ist Programm. Offizieller Fanclub, der sich 2017 in Waiblingen gegründet hat. Ein aktives Mitglied des „RKK“ mit seiner Einschätzung:

„Die Stimmung vor dem ersten Saisonspiel ist auch innerhalb unserer Gruppe getrübt. Die Corona-Pandemie hat vieles verändert. Das ‚Endlich-wieder-Fußball-Gefühl‘ ist weg. Es sind schließlich die Momente mit deinen Freunden, singend in Deutschlands Kurven, mehrstündige Fahrten durch ganz Deutschland, nur um unserem VfB zu folgen, die das Ganze so einzigartig machen! Der Fußball lebt von den Emotionen! Fußball ohne Fans ist nichts! Ich persönlich finde es sehr schwer eine Prognose abzugeben, da wir eine sehr junge Truppe beisammen haben. Ich denke aber, wir halten uns mit Platz 12 in der Liga. Meine Erwartungen an die Mannschaft sind ganz einfach: Arsch aufreißen und Vollgas geben zu jeder Minute. Man muss einfach spüren, dass jedem Spieler bewusst ist, um was  es geht. Der VfB gehört ohne Wenn und Aber in Liga 1.“