Deutschland-Besuch

«Hölle auf Erden» - Herzog fordert Erinnerung an Shoah

Gedenkstätte Bergen-Belsen
Im April 1945 befreiten britische Truppen das Konzentrationslager Bergen-Belsen, in dem über 52.000 Menschen starben. © Moritz Frankenberg

Berlin/Lohheide (dpa) - Israels Präsident Izchak Herzog hat zum Abschluss seiner Deutschlandreise eine engere Zusammenarbeit beider Länder gefordert und der Opfer der Shoah gedacht. In einer bewegenden Rede im Bundestag betonte Herzog, die Erinnerung an die deutschen Verbrechen während der Nazi-Herrschaft müsse bewahrt werden.

«Die jüdische Nation ist eine Nation des Erinnerns», sagte der Präsident am Dienstag, bevor er die Abgeordneten und Gäste aufforderte, sich zu erheben, um im Gebet der Seelen der sechs Millionen ermordeten Juden zu gedenken. Anschließend gedachten Herzog und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier der Opfer am Holocaust-Mahnmal in Berlin und in der KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen in Niedersachsen.

In Bergen-Belsen legten die beiden Staatschefs Kränze nieder und sprachen mit Jugendlichen und Überlebenden. «Die Shoah ist ein schmerzvoller Teil deutscher Geschichte, der zu uns gehört, den wir nicht leugnen dürfen und den wir niemals vergessen dürfen. Was sich nicht wiederholen soll, das darf nicht vergessen werden», betonte Steinmeier. Die Freundschaft Deutschlands und Israels sei ein großes Geschenk. «Die Vergangenheit verpflichtet uns, und die Zukunft wollen wir gemeinsam gestalten.»

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Der Bundespräsident warnte zudem eindringlich, dass der Antisemitismus nicht der Vergangenheit angehöre: «Angesichts der Gräber der Toten von Bergen-Belsen und Millionen Ermordeter der Shoah ist jede Form von Antisemitismus, die es heute in Deutschland leider und weiterhin gibt, ein Alarmsignal für unser Land. Antisemitismus darf keinen Platz haben in unserer Gesellschaft. Wo er sichtbar wird, müssen wir ihm entgegentreten, entschieden und von Anfang an.» Auch Herzog rief dazu auf, Antisemitismus und Rassismus «kompromisslos» zu bekämpfen. «Dies ist unsere Pflicht - im Namen der Vergangenheit, für die Zukunft», sagte er.

Herzogs Vater sah das Grauen in Bergen-Belsen

Zu Bergen-Belsen hat Herzog auch eine familiäre Beziehung. Sein Vater Chaim sah dort 1945 wenige Tage nach der Befreiung des Konzentrationslagers als britischer Offizier das Grauen mit eigenen Augen. 1987 kehrte er als Israels Präsident zum Gedenken nach Bergen-Belsen zurück - es war der erste Besuch eines israelischen Staatsoberhaupts in Deutschland überhaupt. «Kein Verzeihen habe ich mit mir gebracht - und kein Vergessen», sagte Chaim Herzog damals und kämpfte nach eigenen Worten mit den Tränen. Die französische Zeitung «Le Monde» bezeichnete das gemeinsame Gedenken mit Richard von Weizsäcker seinerzeit als ein «kleines Wunder».

Denn was die britischen Soldaten bei der Befreiung des Lagers wenige Tage vor Kriegsende gesehen hatten, lässt sich kaum in Worte fassen: Mehr als 10.000 unbestattete Leichen fanden sie, etwa 53.000 Menschen wurden befreit, doch für viele Tausende von ihnen kam die Hilfe zu spät. Auch die für ihr Tagebuch bekannte Anne Frank liegt in einem der 13 Massengräber. Insgesamt starben im Konzentrationslager und unmittelbar nach der Befreiung rund 52.000 Menschen, hinzu kommen fast 20.000 Tote im angrenzenden Kriegsgefangenenlager.

Symbol der Nazi-Verbrechen

Bergen-Belsen wurde so weltweit zu einem Symbol der Nazi-Verbrechen, als ein Ort der völligen Verachtung des Lebens. Die Schilderungen seines Vaters von den Leichenbergen und der «Hölle auf Erden» werde er nie vergessen, berichtete Izchak Herzog nun. «Er sah das Böse vor seinen Augen. Er sah die Heuchelei der Menschen in den benachbarten Dörfern, die sagten, dass sie nichts wussten.»

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Im Bundestag hatte der Präsident zuvor gewarnt, finstere, hasserfüllte, vom Iran angeführte Kräfte bedrohten aktuell den Staat Israel und die gesamte Weltordnung. Daher sei es notwendig, «entschieden und hart» gegen den Iran und seine Pläne zur Entwicklung von Atomwaffen vorzugehen.

Wohl auch mit Blick auf den Nahost-Konflikt und die Rechte der Palästinenser führte Herzog aus: «Nie haben wir Kritik gefürchtet, nie haben wir Kritik unterbunden.» Israel strecke seine Hand zum Frieden aus. Die Palästinenser müssten zuerst den Terror bekämpfen.

Tags zuvor hatten Herzog und Steinmeier der Opfer des Olympia-Attentats von 1972 gedacht. Nach der Einigung über eine Entschädigung bat der Bundespräsident dabei im Namen Deutschlands um Vergebung. Bei dem Angriff palästinensischer Terroristen starben elf Mitglieder der Olympia-Mannschaft Israels und ein deutscher Polizist, fünf Attentäter wurden getötet.