10 Jahre Galerie Stihl Kommentar: Man müsste sie erneut erfinden

 Foto: Habermann / ZVW

In der Redaktionsstube hängt noch das Plakat. Der Gilb hat sich noch nicht reingefressen. „Galerie Stihl Waiblingen: Reisen mit William Turner“. Eröffnung der Schau, der ersten Ausstellung überhaupt in der Galerie, 30. Mai 2008. Es sind jetzt zehn Jahre her, dass die Stadt Waiblingen endlich mehr wollte. Kulturell. Wie viel mehr?

Womöglich in die Bundesliga der Kunsthallen und Museen aufsteigen? Gar in die Champions League, wie mit nicht wenig Vermessenheit der Galerie-Gründer und erste Bespieler Helmut Herbst den Anspruch hochsteckte? Das ist vom Gemeinderat gern aufgegriffen worden, damals. Was gilt heute?

Wie weit kann es die Galerie Stihl bringen?

Jetzt kam es zu einer kleinen Feierstunde im benachbarten Stadtmuseum mit all den Plakaten seitdem. Es sind 31 Ausstellungen, drei pro Jahr. Der Oberbürgermeister Andreas Hesky plauderte aus dem Farbenkasten. Davon, dass es in der Stadt hieß, was will man mit den „kleinen, braun-weißen Bildchen“, dem in Sepia-Braun gehaltenen Reisetagebuch des Engländers? Wenn von ihm doch so prachtvolle Malerei in den großen Museen hängt. Da taucht sie auf, die Urfrage: Wie weit kann es ein Neuankömmling in der Galerielandschaft bringen?

Die National Gallery in London wird nach Waiblingen nicht auch nur einen ihrer Turner schicken, das dürfte klar sein. Es herrscht ein fein abgestuftes System von Nehmen und Geben. Waiblingen hätte gerade mal eine Ida Kerkovius aus der Stuttgarter Hölzel-Malklasse als Gegenstück zu bieten. Interessiert aber niemand international, noch nicht mal richtig national.

Die Waiblinger Galerieleiterinnen können sich auch viel zu selten profilieren mit eigenen kunst-theoretischen und -geschichtlichen Fragestellungen, um sich in der Szene einen Namen zu machen. Wer drei Schauen im Jahr zu verantworten hat, muss nacheinander liefern. Sich mal ausklinken geht nicht.

Große Namen im Laufe der Jahre

Und doch, es finden sich im Verlauf der zehn Jahre gewiss große Namen. Turner, Rembrandt, Nolde, Kirchner, Picasso. Fürwahr, und da kommt etwas ins Spiel, auf das der Waiblinger Kulturamtsleiter Thomas Vuk mit Recht und Stolz verweist. Die Galerie Stihl Waiblingen zeige die Großen, dann aber halt unter einem anderen Aspekt. Etwas, was mit dem noch von Helmut Herbst ausgegebenen Auftrag zu tun hat, mit „Arbeiten auf Papier“. Sich hiermit langfristig einen Namen zu machen, darum geht es. Auch wenn es dann nicht zur Parade der großen Schinken Öl auf Leinwand kommt.

Die Museumslandschaft gerade hier im Südwesten ist nun mal so reichhaltig, dass es ohne Spezialisierung nicht geht. Da sind sich alle Beteiligten weiter einig. Aus recht durchsichtigen Gründen hat die Leiterin der Stuttgarter Staatsgalerie unlängst die Meinung vertreten, die Grenzen des Wachstums seien erreicht und es werde eh schon zu viel gezeigt.

Hesky spielte jetzt bei der Plakat-Präsentation drauf an, er ist ja für sich ein begnadeter Anekdoten-Erzähler. Als er ins OB-Amt kam, war alles schon festgezurrt. Selbst der Eröffnungsmonat. Aber die wichtigste Frage war noch unbeantwortet: Was zeigen wir? Helmut Herbst ging in sich. Heraus kam er mit einer Losung wie frisch aus der Druckerpresse: Arbeiten auf Papier.

Lohnt sich das?

Papier ist im Kunstzusammenhang noch geduldiger als sonst. Die bisherigen Schauen zeigten es. Richtige Ausreißer sind darunter wie Möbel aus Pappe und Mode aus Papier. Diese Materialbeschränkung birgt also immer weiter Unerschöpfliches, ob es sich um geschöpftes Papier handelt oder nicht. Vuk wirft ein, dass der Fantasie längst noch keine Grenzen gesetzt sind. Die Galerieleiterinnen warten demnach mit immer weiteren Ideen und Vorschlägen auf. Im Kuratorium sei man bester Dinge, dass es ewig so weitergehen kann. Notfalls wird das Material strapaziert. Legendär die Schau der noch legendäreren Kunstschul-Chefin Gisela Sprenger- Schoch. Sie ließ man gewähren. Nämlich mit der Idee, das bildnerische (Neben-)Werk des Musikhauptkünstlers John Cage auszubreiten samt einem mit Radiergummis präparierten Klavier. Dazu plauderte Hesky jetzt auch. Alle schauten sich damals im Kuratorium an, als die Schulleiterin ins Kuratorenfach wechseln wollte mit Cage. Und einer hatte den Mut, der damalige Sparkassenchef Albert Häberle, grünes Licht zu geben: „Es kommen vielleicht keine Leute, aber wir kommen in die Zeitung.“ Und siehe da, die Besucher kamen doch. Es gibt eine mobile Cage-Gemeinde. Und auf bekannte Nischen muss die Galerie weiter setzen.

Wir sind damit unwillkürlich beim Zuspruch, beim Besuch, bei den Zahlen. Es wurden hier in der Region auch Kunsthallen wieder geschlossen, weil dem Gemeinderat die Veranstaltung zu teuer war. Kornwestheim ist ein Beispiel. Waiblingen wird wahrscheinlich nie ganze Busse mit Kunsttouristen anziehen. In der Szene ist man auch ganz froh darüber, die ewigen Impressionisten-Highlights langweilen. Hesky zeigt sich aber auch so hoch zufrieden mit 35 000 bis 45 000 Besucher pro Jahr bei drei Ausstellungen.

Kooperation mit der Kunstschule erhöht die Besucherzahlen

Auf diese Zahl kommt man freilich nur, weil Helmut Herbst damals eine weitere geniale Idee hatte. Es war nicht so, dass er mit der ebenfalls partiell genialen Kunstschulleiterin Sprenger-Schoch je ein Tänzchen hätte vollführen wollen. Aber die Kunstschule an sich zum Besten zu benutzen, auf diesen Einfall kam er. Und so wandern im Verlauf einer jeden Schau und im Rahmen der Kunstvermittlung ganze Heerscharen von Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen durch den einen großen Raum, um hernach nachvollziehend und eigenschöpfend den Eindruck wirken zu lassen. Auf den Tischen der Kunstschule.

Da muss jetzt gar nicht auseinandergedröselt werden, wie viel Vollzahlende es genau sind, und wie groß das Kontingent der Kunstvermittlungskunden ist. Die schiere Zahl überzeugt. Und dann frage man sich, ob nicht das vielleicht das Wichtigste ist: dass junge Menschen Zugang finden. Dass so auch die Kunstschule zu Talenten kommt, die dann an den Kunsthochschulen weitermachen. Oder eben in Meisterklassen der Produktdesigner.

Bestens präsentiert, was die Architektur betrifft

Wenn ihnen die Galerie Stihl Waiblingen eine ästhetische Schule war, dann hat sich für alle der Einsatz gelohnt. Für die Gesellschaft und für den Geldgeber Eva- Mayr-Stihl-Stiftung, die mit ihrer Millionen-Spende erst den Bau möglich machte.

Übrigens pilgert eine spezielle Sorte von Produktgestaltern zuverlässig nach Waiblingen. Es sind die Architekten und Architekturstudenten. Denn der Stuttgarter Entwerfer Hartwig Schneider hat hart am Rande der Altstadt und nahe dem Vorwurf des allzu Minimalistischen und Puristischen dann doch etwas geschaffen, was sich sehen lassen kann. Bestens präsentiert. Und zwar doppelt: das Haus sowie sein wechselndes Innenleben.

Also: Wenn es sie nicht schon geben würde, die Galerie Stihl Waiblingen – man müsste nochmals ein paar schlecht berechenbare Macher zusammenbringen.

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