10 Jahre nach dem Amoklauf in Winnenden Kommentar: Winnenden vergisst nicht

Wo steht Winnenden zehn Jahre nach dem Amoklauf? Es hält inne und blickt zurück, aber eigentlich steht es nicht. Es geht seinen Weg, und es hat auf diesem Weg eine große Strecke zurückgelegt. Winnenden vergisst nicht. Die Stadt erinnert an die Opfer, und zwar an öffentlicher Stelle, im Stadtpark vor der Hermann-Schwab-Halle mit einem mächtigen stählernen Ring, auf dem in Stahlbuchstaben die Namen aller am 11. März 2009 Ermordeten aufgeschweißt sind. Wer nach Winnenden kommt und nach den Spuren des Amoklaufs sucht, der findet bestimmt zuerst dieses Monument, das dem Besucher sagt: Diese Stadt hat einen Amoklauf erlitten, aber sie stemmt sich gegen die Folgen dieser Tat, und sie erinnert an jeden der Ermordeten. Hier und jetzt und wahrscheinlich auch in 30 Jahren noch. Das Leid, die Trauer und die Erinnerung werden nicht weggewischt und nicht verschleiert.

Die Stadt lebt mit dem Leid und lebt solidarisch mit den Hinterbliebenen der Ermordeten, mit den Überlebenden des Amoklaufs, mit Rettungskräften und weiteren direkt Betroffenen. Es sind bestimmt einige Hundert, die seit zehn Jahren mit den Folgen des Amoklaufs kämpfen, mit dem, was ihnen dieser kalte Akt der Gewalt angetan hat. Jeder hat auf seine Weise und meist mit Hilfe von Psychologen, Seelsorgern und Therapeuten an sich gearbeitet. Weiter gekommen sind alle und viele haben sich sehr weitgehend stabilisiert, leben ein nach außen hin normal wirkendes Leben, können sich oft wieder freuen an ihren Mitmenschen, aber nicht immer. Schwere Tage haben sie oft, und ihre Verletzlichkeit tritt oftmals selbst für ihre Nächsten an unerwarteter Stelle zutage. Es erweist sich nach zehn Jahren, dass Winnenden damit lebt, umgeht und manchmal auch kämpft.

Tausende sind betroffen

Bestimmt Tausende in Winnenden sind indirekt betroffen vom Amoklauf des 11. März 2009. Es sind Leute, die dieses Datum nie vergessen, die eine oder mehrere der Ermordeten oder Überlebenden kannten, die am Tag des Amoklaufs auf irgendeine Weise mit dem Geschehenen zu tun hatten, die mit ihren Nachbarn und Freunden bangten, in Nachbarschulen für Stunden eingeschlossen waren, Absperrungen aufbauten, Menschen trösteten, in den Kirchen Musik machten, predigten und noch viel mehr. Die meisten von ihnen tragen noch heute an dem Paket, das sie damals aufgenommen haben - nicht mehr so oft und nicht mehr so schwer - aber ein Stück davon bleibt ein Leben lang. Schreibende Redakteure zucken vor Formulierungen zurück, die für andere ganz normal sind: „Da kommt es aus ihm wie aus der Pistole geschossen.“ Auch zehn Jahre nach dem Amoklauf ertragen sie solche bestimmt harmlos gemeinten Phrasen schlecht und streichen sie weg. Das Leben vor dem Amoklauf war anders als das Leben danach. Selbst zehn Jahre danach ist es noch anders, behutsamer, umsichtiger, empfindsamer, bewusster und verletzlicher.

Dennoch hat die Stadt sich in zehn Jahren normalisiert, hat sich auf die Zukunft ausgerichtet, wächst kräftig, hat die Albertvilleschule mit einem neuen Anbau erneuert und zugleich erhalten. Winnenden feiert Feste, genießt Konzerttage von internationalem Niveau. Eine Minderheit von Faschingsfreunden feiert - auch wenige Tage vor dem Jahrestag des Amoklaufs - einen ausgelassenen Karneval. Der beginnt immer mit einer Narrenmesse in der katholischen Kirche direkt bei der Klagemauer, die an den Amoklauf erinnert. Es gibt dieses Nebeneinander von öffentlicher Freude und öffentlicher Trauer. Beides findet Platz.

Niemand ist verpflichtet zum Gedenken

Auch das Heraushalten aus Trauer und Erinnerung ist in Winnenden möglich. Niemand ist verpflichtet zum Gedenken. Das Mahnmal für die Ermordeten des Amoklaufs steht bei der Stadthalle, in der die fröhlichsten Empfänge und die freudigsten Konzerte stattfinden und nur wenige Meter entfernt von einem wunderschönen, gut besuchten neuen Spielplatz. Es kann passieren, dass Kinder das Amoklauf-Memorial in ihr Spiel einbeziehen ohne zu ahnen, woran der Ring erinnert.

Ein Kind kann in Winnenden zehn Jahre alt werden, ohne überhaupt vom Amoklauf zu hören. Wenn eine junge Familie neu nach Winnenden gezogen ist, hier Arbeit gefunden hat, im Neubaugebiet wohnt, kann sie Jahre hier leben, ohne auf das Thema Amoklauf zu stoßen. Vielleicht, wenn das erste Kind an einer Realschule angemeldet wird, stößt die Familie darauf. Sie wird feststellen: Die Albertville-Schule hat einen guten Ruf und seit etlichen Jahren eine große Zahl von Anmeldungen, obwohl sie eines der Zentren der Erinnerung ist, eine Schule, die zu den Hinterbliebenen und Überlebenden des Amoklaufs ständig Kontakt hält, die daran arbeitet, dass Schüler Friedensstifter werden, dass sie Gewalt meiden, Toleranz üben, an ein Weltethos denken und daran, was Gewalt auslösen und zerstören kann.

Nach dem Amoklauf ist die Stiftung gegen Gewalt an Schulen in Winnenden entstanden, die aktiv gegen viele Formen der Gewalt angeht. Franziskanerinnen sind nach Winnenden gezogen, um regelmäßig für die Getöteten und die Überlebenden des Amoklaufs am Ort zu beten, Oberbürgermeister Holzwarth und Bürgermeister Sailer halten fortwährend Kontakt zu Hinterbliebenen und laden sie jedes Jahr als Ehrengäste zum Neujahrsempfang der Stadt ein. Jedes Jahr am 11. März erinnert der Winnender Jugendgemeinderat mit einer Lichterkette daran, dass Jugendliche wie sie durch den Amoklauf ums Leben gekommen sind. Es gibt einige Zentren der Erinnerung. Winnenden zeigt öffentlich, aber unaufdringlich, dass es nichts vergisst und nichts vertuscht, und dass es noch lange an den Folgen des Amoklaufs arbeitet.

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