17 Kulturvereine im Kreis Der größte islamische Verband ist die Ditib

Muslimisches Leben in der Bundesrepublik gibt es erst seit 50 Jahren. Im Oktober 1961 kamen die ersten türkisch-muslimischen Gastarbeiter nach Deutschland. Aus den Hinterhofmoscheen in abgelegenen Gewerbegebieten haben sich in vielen Orten große Gemeinden mit repräsentativen Moschee-Bauten entwickelt, so etwa in Schorndorf und Welzheim. Doch nach fünf Jahrzehnten wissen wir immer noch wenig über das Leben in den islamischen Kulturvereinen. Was wird beim Freitagsgebet – auf türkisch - gepredigt? Welches Bild von Deutschland wird vermittelt? Wie stehen die Imame (die Vorbeter der Gemeinde) zur Integration oder zur Gleichberechtigung der Frauen?

75 Prozent der Imame in Deutschland seien als „traditionell-konservativ“ einzuschätzen, berichtet der Religionswissenschaftler Rauf Ceylan in seinem Buch „Die Prediger des Islam“. Sie seien der dogmatischen und liturgischen Tradition verbunden: „Autoritätsgläubigkeit, Gehorsam, Gottesfurcht bei religiöser Toleranz und Patriotismus  sind wichtige Werte, die sie vertreten.“

Ditib - der größte islamische Verband in Deutschland

Eine weitere wichtige Frage: Welchen Einfluss nimmt der türkische Staat auf die Moscheen? Der größte islamische Verband in Deutschland ist die Ditib (Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e. V.). Im Rems-Murr-Kreis stellt er acht der 17 Kulturvereine, ein weiterer bemüht sich um die offizielle Anerkennung der Dachorganisation. „Die Ditib ist Anfang der 1980er Jahre von der türkischen Regierung unter der Militärjunta gegründet worden und gilt als der verlängerte Arm der staatlichen Religionsbehörde in der Türkei“, schreibt Rauf Ceylan.  „Die Imame der Ditib sind Beamte des türkischen Staates. Ähnlich wie Diplomaten werden sie nach einem Rotationsverfahren  alle vier Jahre oder fünf Jahre ausgetauscht.“

So wie beispielsweise in Schorndorf. Hakki Gür ist seit 2010 Imam in der Gemeinde im Hammerschlag. Mit seiner Frau und drei Töchtern lebt er in einer Wohnung innerhalb der Moschee. Die zwei großen Töchter gehen in Schorndorf auf die Schule. Die islamische Gemeinde in Schorndorf gilt über die Stadtgrenzen hinaus als liberale und weltoffene Gemeinde. Dafür verantwortlich ist die Ditib Moschee Merkez Camii im Hammerschlag, die seit 2000 Mittelpunkt des religiösen Lebens vieler Muslime in Schorndorf ist, aber auch Kultur-und Gemeinschaftshaus.

Die Gemeinde im Hammerschlag ist wie alle vergleichbaren Gemeinden als Verein organisiert. Die Vorstandsriege unter dem aktuellen Vorstand Ragib Özbek ist am Dialog und am Austausch mit der nicht-islamischen Bevölkerung interessiert. Involviert ist die Gemeinde derzeit in die Veranstaltungsreihe „Vielfalt in Schorndorf“. Etliche Veranstaltungen finden in der Moschee statt.  Eine Tradition sind die Moscheerundgänge und das alljährliche Fastenbrechen, zu dem eigens ein Koch aus der Türkei eingeflogen wird.

Es gibt auch andere offene Gemeinden: Die Waiblinger Ditib-Moschee etwa feiert das Fastenbrechen zum Ende des Fastenmonats Ramadan regelmäßig mit Gemeinderäten. Ein anderer Kulturverein in Waiblingen, die Ahmadiyya-Gemeinschaft, ist dafür bekannt, dass sie am Neujahrstag Teile von Waiblingen vom Dreck der Silvesternacht säubert.  Die Ahmadiyya-Gemeinschaft versteht sich als islamische Reformbewegung und wird deshalb in einigen muslimischen Ländern verfolgt.

Der Islam kennt keine Kirche. Deshalb gibt es im Rems-Murr-Kreis keine zentrale Organisation, die für die Muslime sprechen könnte. Deshalb sind die einzelnen Gemeinden in Vereinen organisiert, die wiederum verschiedenen miteinander konkurrierenden Dachverbänden in Deutschland angehören. Das macht die Kommunikation mit den Muslimen schwierig.

Und in der deutschen Mehrheitsgesellschaft sind die Brückenbauer rar. Selbst der Landkreis, der gerne Aufgaben an reißt und Beauftragte für fast alles Mögliche hat, hält sich hier zurück. Es gibt zwar einen Integrationsbeauftragten. Die Aufgabe übernimmt immer der Justiziar des Kreises neben vielen anderen Dingen, aber er kümmert sich nur um das Thema  Integrationskurse. Diese Kurse gibt es seit 2005. Hier sollen Zuwanderer Deutsch lernen.

Sprach- und Bildungsprobleme sind ein großes Thema bei dem islamische Gemeinden. Die Sprachprobleme etwa bei den Imamen, die frisch aus der Türkei kommen, behindern die Alltagskommunikation.  Und die Bildungsprobleme verhindern den sozialen Aufstieg der Migranten.


Viele Studien zeigen: Die Muslime in Deutschland haben ein deutlich schlechteres Bildungsniveau als Angehörige anderer Religionen. Fast 15 Prozent der Muslime sind ohne Schulabschluss, nur 34 Prozent haben eine hohe Bildung. Dabei sind die Werte für türkischstämmige Muslime noch schlechter: 17 Prozent sind ohne Schulabschluss und nur 28 haben eine hohe Bildung. Und in der zweiten Generation der Migranten sieht es nicht wesentlich besser aus.

Damit das Potenzial, das in Jugendlichen mit Migrationshintergrund steckt, ans Licht kommt, haben im März 2011 Vertreter der Agentur für Arbeit, des Kreisjugendrings und von vier islamischen Kulturvereinen der Ditib die „Schorndorfer Erklärung“ unterschrieben. Es sollte eine Initialzündung sein, um jungen Türkinnen und Türken den Weg durch den Aus- und Weiterbildungsdschungel zu erleichtern. „Viele Familien ausländischer Herkunft kennen sich im deutschen Bildungssystem kaum aus“, sagte der damalige Chef der Waiblinger Arbeitsagentur, Walter Hennig. Sprachliche Defizite, aber auch Verhaltensweisen und Mentalitäten seien für das Hintertreffen der muslimischen Jugendlichen mitverantwortlich. Beispielhaft nannte er die Situation eines türkischen Vaters, der sich bei der Berufsausbildung seiner Tochter verweigerte. Solche Konstellationen entstünden, weil die „Notwendigkeit und der Wert eines erfolgreichen Schulabschlusses oder einer danach erfolgreich durchlaufenen Ausbildung und der hierfür notwendige persönliche Einsatz für Jugendliche und Eltern nicht immer erkennbar“ sei. Walter Hennig hat in den vergangenen Jahren viele Moscheen besucht und für eine bessere Ausbildung geworben.  Nachfolger Jürgen Kurz setzt diesen Weg fort. Seit neustem gibt es in der Waiblinger Arbeitsagentur sogar eine eigene Berufsberaterin für junge Muslime.

Auch der Kreisjugendring gehört zu den Brückenbauern. Er bietet in den islamischen Kulturvereinen Jugend- und Erwachsenenen-Bildungsarbeit an. Auch darüber werden wir in dieser Serie berichten. Wir wollen in den kommenden Wochen das islamische Gemeindeleben im Kreis erklären. Wir wollen Kontroversen zum Islam von der Beschneidung bis zur Zwangsheirat neu diskutieren. Wir wollen die 17 islamischen Kulturvereine vorstellen. Denn wir wollen eines wissen: Was passiert in unseren Moscheen?

Weiterlesen: Ein Überblick über die Themen unserer Serie >>

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