Busfahrerinnen zur Weihnachtszeit Wer fährt so spät durch Nacht und Wind und Weihnachtsstille?

Einmal habe eine Frau mit einem Schoko-Nikolaus vor ihr gestanden, erzählt Ulrike Stuis. „Der war eigentlich für ein Kind, aber das seh’ ich erst nächste Woche, jetzt kriegen Sie ihn einfach, weil Sie so freundlich sind“, habe die Dame gesagt. Die Kehrseite verschweigt die Busfahrerin nicht: „Natürlich gibt es auch Betrunkene, Vereinsamte, einfach arme Kreaturen, bei denen ich Mitleid habe, dass sie alleine sind an Heiligabend.“

Mit Bedauern nimmt sie wahr, dass viele Jugendliche keinen Bezug zu Weihnachten haben. Eines Tages habe sie sich ein Herz gefasst, und über Mikrofon einem Gelenkbus voller Schüler am letzten Schultag noch eine kleine Extra-Lernlektion vermittelt: „Ich habe schöne Festtage gewünscht mit dem Hinweis, nicht nur an die Geschenke zu denken, sondern an die Geschichte von Jesu Geburt und den Sinn von Weihnachten.“ Konsum und Essen sind nicht alles – wenn auch am Vormittag alles darum zu kreisen scheint.

Kollegin Anja Grieshammer ist erleichtert, wenn an Heiligabend „endlich die Läden schließen“, dann werde es ruhiger auf der Straße. Die Hektik des Heiligabendvormittags geht nicht an ihrer großen Panorama-Frontscheibe vorbei. „Da geht’s ab, als hätten danach vier Monate alle Läden geschlossen“, deutet sie die gestressten Fahrgäste an, die im Bus auf den Knien ihre letzten Weihnachts-Postkarten schreiben oder Geschenke beschriften. Umso erholsamer ist der Linienverkehr am Nachmittag: Wer jetzt in den Bus steigt, hat alle Erledigungen „eingetütet“ und ist kein Termin-Getriebener mehr.

Das Busfahren entspannt sich, die Zeitpuffer zum Ein- und Ausstieg stehen für kurze Päuschen zur Verfügung – auch mal für eine Serviceleistung außer der Reihe. „Einmal fuhr eine Frau mit Rollstuhl mit, ich weiß, wo sie wohnt, und sah, dass ich ihre Haltestelle regulär nicht angefahren wäre“, erzählt Ulrike Stuis. Draußen war Schneeregen, im Bus war wenig los, und so habe sie die Frau extra an die Haltestelle in ihrem Wohngebiet gefahren, um ihr den Weg durchs Schneetreiben zu ersparen. „Mit Kleinigkeiten eine Freude machen, das ist doch der Sinn von Weihnachten“, sagt sie.

Anja Grieshammer ist auch ein bitterkalter Heiligabend gut in Erinnerung, an dem sie einige Kirchgänger zum Gottesdienst gefahren hat – und ihnen fröstelnd auf die Kirchenbank folgte. „In der Kirche war’s schön warm.“ Die ihr zustehende Stunde Pause im Fahrzeug wäre sonst eine bitterkalte Angelegenheit geworden: „Der Bus kühlt extrem schnell aus, sobald die Heizung aus ist“, sagt sie. Die Option, den Motor anzulassen, war keine wirklich gute Idee, mitten im ruhigen Wohngebiet, in der Heiligabendstille. „Da wäre niemand rausgekommen und hätte sich mit einem Geschenkle bei mir bedankt“, sagt sie lachend.

Wie „bitter“ ist es, Fahrgäste zur schönen Familienfeier und Jugendliche nach dem Festschmaus in Clubs und Kneipen zu fahren, und dabei die eigene Feierlaune hintanstellen zu müssen? – „Überhaupt nicht, das holen wir an den Feiertagen nach“, sagt Ulrike Stuis. „Vereinsamen tun wir nicht, wir sind ja den ganzen Tag unter Leuten“, meint Anja Grieshammer. Verwandte und Freunde reagieren wie leibhaftige Weihnachtsengel: „Sie richten sich nach dem Einsatzplan und nehmen uns die Kocherei ab.“

Das Schönste in der Weihnachtszeit: „Wir können mal ausblenden, dass der Beruf entbehrungsreich und anstrengend ist.“ Busfahrer kriegen oft alles ab von undankbaren Kunden, die sich über Verspätungen ärgern, aber nicht sehen, dass die Busfahrer unschuldig sind. Der Plan steht auf dem Papier – sie jedoch fahren auf der Straße, und die diktiert ihnen die Realität. „Unterm Strich ist es aber ein Traumjob!“ – Diesen Satz würden beide Busfahrerinnen jederzeit unterschreiben. Auch und gerade zur Weihnachtszeit.

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