Abwechslung Raus aus dem Joballtag

Ob kleine Fluchten wie Sporttreiben, Abwechslungen wie eine Fortbildung oder gar große Veränderungen wie ein Berufswechsel – wenn der Job nur noch Routine ist, stellt sich Unzufriedenheit ein, der man rechtzeitig begegnen sollte. Foto: Kopo/Fotolia

Wenn das Gehirn blockiert, steigt Frieder Sautter auf sein Fahrrad und düst für eine Stunde über die Felder am Fuße der Schwäbischen Alb. 'Das macht den Kopf frei', sagt der 30-jährige Weilheimer, der beim örtlichen Erdbauunternehmen Fischer der Marketing-Mann ist. Weil es beim Mittelständler mit knapp 300 Mitarbeitern bislang keine Werbeabteilung gab, muss Sautter, der bei Häfele in Nagold Groß- und Außenhandelskaufmann gelernt hat, Kärrnerarbeit leisten: ein Corporate Design anlegen und sich Gedanken über die perfekte Außen­darstellung des Familienunternehmens machen, das aktuell unter anderem auf der Großbaustelle Stuttgart 21 vertreten ist. 'Wenn dann der Kopf raucht, gehe ich eine Runde radeln', sagt der gebürtige Reutlinger und studierte Betriebswirt, 'um danach wieder fit am Schreibtisch oder auf der Baustelle weiterzuarbeiten.' Wie Arbeitsroutine Gehirnzellen lähmen kann, weiß fast jeder Büroarbeiter. Zu viele E-Mails lesen oder langweilige Ablagearbeiten töten die Kreativität. Da hilft nur: 'Raus aus dem Joballtag.' Dessen ist sich Jochen Stargardt sicher.


Um aus dem Alltag auszubrechen, reicht ein Tagesseminar nicht aus

Der Buchautor begleitet seit Jahren Karriere-willige in Handel und Industrie. Seine Beobachtung: 'Um wirklich aus dem Alltag auszubrechen, reicht ein Tagesseminar nicht aus', so der 39-jährige Berater und Unternehmer. Raus aus der Arbeitsroutine komme nur, wer sich mit Menschen außerhalb seines normalen Aktionsradius bewege. Dazu zählt Stargardt Kollegen, Kunden, Lieferanten - und auch die Familie. 'Es ist zwar löblich, wenn Manager ihren Urlaub mit Frau und Kindern verbringen', verdeutlicht er, 'allerdings bringt das keine frischen Impulse für den Job.' Denn der Suchende bewege sich in seiner Komfortzone - Hirn lüften funktioniere da aber nicht, so der Korber Karriere-Fachmann. Auch Stephanie Gerlach hat ihren Komfortkreis verlassen, und zwar nicht nur für ein Seminar. Als gelernte Arzthelferin bei einem Neurologen in Göppingen spürte sie bei den täglichen Messungen von Hirnströmen und der Nervenleitgeschwindigkeit keine Herausforderung mehr. Mit 21 bewarb sie sich bei einem Gastroenterologen. Das Untersuchen des Magen- und Darmtraktes versprach mehr Spannung.


Damit die heute 28-Jährige schnell in den neuen Job hineinwuchs, legte ihr Chef ihr immer die neuesten Fortbildungsangebote auf den Tresen. 'Das hat mich motiviert, mich weiterzubilden', sagt Gerlach. Zu Beginn war sie zehn Tage pro Jahr auf Fach­seminaren. Und das über sechs Jahre hinweg. 'Vor allem bei den intensiven Praxisübungen ist der Austausch mit Kolleginnen aus anderen Arztpraxen da', bestätigt sie Stargardts These, den eigenen Aktionsradius zu verlassen, um Neues zu erleben und letztlich daran zu wachsen. Für Frieder Sautter lief es ähnlich. Ein Branchenwechsel mit entsprechender Weiterbildung öffnete ihm den Blick über den Tellerrand. Nach der Lehre folgte für ihn ein kurzes Intermezzo an der Reutlinger Hochschule. Maschinenbau wollte er dort studieren. Nach drei Monaten brach der leidenschaftliche Motorradfahrer ab. Zu viel Theorie und zu wenig Praxis wurde dort unterrichtet, so sein Urteil.


Die gemeinsame Vorbereitungszeit auf Prüfungen schweißt zusammen

Den Kopf hat ihm dieser Ausflug trotzdem gelüftet. Als langjähriger, ehrenamtlicher Rettungssanitäter bewarb sich Sautter dann beim Deutschen Roten Kreuz in Pfalzgrafenweiler für ein duales Studium in Betriebswirtschaft und wurde prompt genommen. 'Das war ein Paradigmenwechsel', sagt er rückblickend. Vom Beschlags-Spezialisten zur Non-Profit-Organisation zu wechseln, erlebte er als Horizonterweiterung. Statt Konstruktion und Statik ging es um Menschen und deren Leid. 'Diese Erfahrung möchte ich nicht missen', sagt Sautter. Sie ermutige ihn auch heute, seinen Schreibtisch zu verlassen, Neues zu hören und mit Menschen in Kontakt zu gehen. Darin liege der eigentliche Wert einer längerfristigen Fortbildung, meint er. Stargardt bestätigt das. 'Ich erlebe, wie Leute in mehrwöchigen Weiterbildungen etwa zum IHK-Wirtschaftsfachwirt eng­maschige Netzwerke knüpfen', verdeutlicht er. Die gemeinsame Vorbereitungszeit auf Prüfungen schweiße zusammen. Die bleibenden, zwischenmenschlichen Eindrücke aus solchen Kursen ließen sich nicht abstreifen. 'Dritte helfen uns, unsere Persönlichkeit weiterzuentwickeln', sagt der Fortbildungsfachmann.

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