Ärger um Videobeweis Der Pfiff des Jahres

Guido Winkmann pfeift – und Pablo de Blasis trifft in der Halbzeit zum 1:0 für Mainz. Foto: Getty

Mainz - Ein Tor in der Halbzeitpause – das gab es in 55 Jahren Bundesliga noch nie. Bis zum Spiel zwischen Mainz 05 und dem SC Freiburg (2:0) am Montag. Schiedsrichter Guido Winkmanns Elferentscheidung war der Pfiff des Jahres – der Fragen aufwirft.

War die Entscheidung korrekt?
Die rein sportliche – Elfmeter ja oder nein? – wurde selbst von den betroffenen Freiburgern nicht angezweifelt. Der ausgestreckte Arm des vor einem Wechsel zum VfB stehenden Marc Oliver Kempf stellte eine unnatürliche Körperhaltung dar, außerdem hatte Kempf freie Sicht auf den Ball. Auch wenn notorische Videobeweis-Gegner einwenden mögen: Ein „hundertprozentiger“ Elfer war es sicher nicht. Ein Novum stellte die Frage dar, ob Schiedsrichter Guido Winkmann mit seiner Entscheidung richtig lag, den Elfmeter nach dem Halbzeitpfiff ausführen zu lassen, als die Freiburger bereits auf dem Weg in die Kabine waren. Die Regeln des International Football Association Board (IFAB) sehen diesen Fall tatsächlich vor. Allerdings nur so lange, wie der Schiedsrichter den Rasen nicht verlassen hat. Die TV-Bilder legen den Schluss nahe, dass Winkmann den Hinweis von Videoassistentin Bibiana Steinhaus erst erhielt, als er die Seitenlinie bereits überschritten hatte. Letztlich wird sich der genaue Zeitpunkt der ersten Kontaktaufnahme aber nicht mehr feststellen lassen. Dass die Spieler schon in die Kabine unterwegs waren, ist in diesem Fall irrelevant.
Was unterscheidet den Halbzeit- vom Schlusspfiff?
Winkmann klärte darüber nach den turbulenten 90 Minuten auf. „Ein Halbzeitpfiff unterbricht das Spiel nur. Wäre es nach Schlusspfiff passiert, hätten wir keine Eingriffsmöglichkeit mehr gehabt. Nach dem Spiel gibt es nur noch die Möglichkeit zu einer Roten Karte.“ Der 44-Jährige erläuterte damit die deutsche Regel, wie sie in der Bundesliga gilt. International wird laut IFAB beim Einsatz des Videobeweises nicht zwischen Halbzeit- und Schlusspfiff unterschieden. Noch befindet sich der Videoassistent in der Bundesliga in der Testphase – die IFAB-Regeln sind deshalb noch nicht offizieller Bestandteil des DFB-Kanons.
Hätte es Nachschuss geben können?
Nein. Der Unparteiische wies die Akteure darauf hin, dass die Zeit abgelaufen sei und er keinen Nachschuss mehr zulässt. Was regeltechnisch auch so zulässig ist, wenn der Schiedsrichter es beiden Mannschaften vorab kommuniziert. Mindestens sieben Spieler pro Mannschaft müssen bei einer Spielfortsetzung auf dem Spielfeld, nicht aber zwingend am Strafraum stehen. „Sie hätten auch an der Mittellinie bleiben können“, erklärte Winkmann.
Wie reagiert der SC Freiburg?
„Wir versuchen das alles hinzunehmen“, sagte SC-Trainer Christian Streich, der ungewohnt gelassen mit der aus Freiburger Sicht „blöden Situation“ (Winkmann) umging. Ansätze für einen Protest gegen die Spielwertung gibt es zwar; etwa, ob Winkmann persönlich die Spieler hätte aus der Kabine zurückbeordern dürfen statt eines Assistenten. Am Dienstag deutete jedoch nichts darauf hin, dass die auf Relegationsplatz 16 abgerutschten Freiburger auf ein Wiederholungsspiel drängen.
Welche Lehren zieht der DFB?
Bislang äußerste sich nur Schiedsrichter-Chef Lutz-Michael Fröhlich zum Pfiff des Jahres. „Das sind Szenen, die keiner will“, sagte er, „das ist nicht schön und keine Werbung für den Ablauf.“ Dennoch sei die Entscheidung „nicht anders möglich“ gewesen. Zur kommenden Saison will der Deutsche Fußball Bund (DFB) den Videobeweis in den Regelbetrieb überführen. Über Veränderungen wird nach dieser Spielzeit entschieden.
Welche kuriosen Fälle gab es noch in dieser Saison?
Einige, zum Beispiel das Dortmunder Tor nach dem Halbzeitpfiff gegen Köln oder der zurückgenommene Elfmeter beim Spiel Gladbach-Schalke, dem ein Foulspiel (zeitlich weit) vorausgegangen war. Der Halbzeit-Elfmeter von Mainz toppt aber alles.
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