Ahmadiyya-Gemeinde Waiblingen Großputz am Neujahrsmorgen

, aktualisiert am 02.01.2019 - 14:17 Uhr
Die Putzkolonne nach getaner Arbeit am Danziger Platz. Foto: Kölbl/ZVW

Waiblingen. Der Pulverdampf hat sich kaum verzogen, Böllerreste verunzieren Straßen, Gehwege und Grünstreifen – das böse Erwachen am Neujahrsmorgen. Während andere ihren Kater pflegen, kehren Gläubige der pakistanischen Ahmadiyya-Gemeinde in bester schwäbischer Putzete-Manier den Waiblinger Süden.

Sechs Uhr am Neujahrsmorgen, fast ohrenbetäubend ist die Stille nach dem großen Geknalle und Geballer. So früh treffen sich die Muslime der Ahmadiyya-Gemeinde zum Frühstück im Gemeindezentrum und zum Gebet für den Weltfrieden. Auf dass 2019 friedvoller und versöhnlicher verlaufen möge als das vergangene Jahr. Silvester-Partys und Feuerwerk gibt es für die Gläubigen nicht, dennoch hat der Jahreswechsel längst seinen festen Platz im Gemeindeleben und insbesondere in der „Jugend“-Organisation der 15- bis etwa 40-Jährigen, die vor rund 20 Jahren erstmals zu der Aktion aufgerufen hat.

Im Rems-Murr-Kreis ziehen die Mitglieder in drei Gruppen von rund 25 Männern und Jugendlichen jeden Neujahrsmorgen in Waiblingen, Winnenden und Schorndorf zum Großreinemachen los. Die Frauen hatten das gemeinsame Frühstück vorbereitet, ansonsten machen die nach Alter und Geschlecht unterschiedenen Gruppen der Gemeinde ihr jeweils eigenes Programm.

Besonders heftig wurde am Seniorenheim geböllert

Raketenhölzer, zerplatzte Kracher und Kartons füllen rasch die blauen Plastiksäcke, die der städtische Betriebshof ebenso wie Schaufeln, Greifzangen und Besen zur Verfügung gestellt hat. An der Zahl der Säcke kann der ehemalige Gemeinde-Vorsitzende Iftikhar Ahmed* über die Jahre ablesen, wie sich die Baller-Lust der Waiblinger entwickelt. Diesmal kam nach einem leichten Abwärtstrend in den vergangenen Jahren wieder etwas mehr zusammen.

Besonders heftig wurde offenbar auf dem Parkplatz des Seniorenheims Haus Miriam geböllert – freilich nicht von den Bewohnern. Der Aufforderung aus dem Heim, doch bitteschön Rücksicht auf schlafende Senioren zu nehmen, wurde glatt ignoriert. Was des einen Freud’, ist des anderen Leid, das gilt gerade an Silvester - auch für Kinder, Hunde und die vom Feinstaub verpestete Luft.

Ein Dankeschön an die Gesellschaft

Mit der Aktion wollen die mehr oder weniger jungen Leute „ein Zeichen für bürgerschaftliches Engagement setzen und ihre Verbundenheit zum Heimatort ausdrücken“, wie es offiziell heißt. Khurram Shahid, in Deutschland geborener Sprecher der Waiblinger Jugendorganisation, formuliert es dazu persönlich: Die Gläubigen der Ahmadiyya-Richtung würden in ihrer Heimat verfolgt und nicht als Muslime anerkannt. Viele von ihnen, wie etwa seine Eltern in den Achtzigern, haben in Deutschland Schutz gefunden. „Die Aktion soll deshalb ein Dankeschön sein.“ Zwar ist Silvester-Knallerei nicht die Sache der Ahmadiyya-Mitglieder, mit einem Urteil über den Brauch hält sich Khurram Shahid aber diplomatisch zurück: „Jeder hat seine Traditionen.“

Eine Tradition ist für die Gemeinde und ihre Glaubensbrüder inzwischen auch der Neujahrs-Großputz. Die Zusammenarbeit mit dem Bauhof hat sich über die Jahre eingespielt: Die blauen Säcke werden am Danziger Platz abgeladen, damit die Mitarbeiter sie abholen können. Das ausgeliehene Werkzeug bringt die Putzkolonne selbst zurück.

*Anmerkung der Redaktion: In einer vorherigen Fassung hatten wir geschrieben, dass Iftikhar Ahmad der Vorsitzende der Gemeinde ist. Der derzeitige Gemeinde-Vorsitzende ist jedoch Pervaiz Ahmad.


Ahmadiyya

Bundesweit findet die Neujahrs-Aktion der Ahmadiyya-Muslim-Jugendorganisation in 240 Gemeinden mit knapp 6500 ehrenamtlichen Helfern statt.

Die Mehrheit der Ahmadis stammt aus Pakistan. Die Ende des 19. Jahrhunderts gegründete Bewegung wird von vielen Muslimen nicht als muslimisch akzeptiert. Der Gründer behauptete, ein Nachfolger des Propheten zu sein – anderen Muslimen gilt Mohammed als letzter Prophet.

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