Aktuelle Ausstellung in der Galerie Henn Der erhabenen Sicht ist Göttliches eigen

Eine alte Ansicht von Manhattan. Foto: Galerie Henn

Stuttgart - Wenn die Ausstellung ein „Experiment“ sein soll, wie Andreas Henn seine Schau zum Thema „Panorama“ herunterspielt, dann ist es auf alle Fälle ein gelungenes! Gar nicht wenige Liebhaber des Rundumblicks müssen das ähnlich empfunden haben. Der Hausherr selbst war offenbar erstaunt, wie viele Exponate gleich am ersten Tag Käufer fanden. Der Zauber allseitig offener Perspektiven muss niemand wundern, setzen diese doch meistens erhöhte Standorte voraus. Und die heben fast zwingend auch das eigene Selbstgefühl. Der erhabenen Sicht ist etwas Göttliches eigen. Kinkerlitzchen entlarven sich im Nu selbst. Feinde sieht man von der Ferne schon kommen. Und dem grauen Alltag fühlt man sich entrückt. Warum sonst werden Berge erklommen und am laufenden Band noch höhere Türme errichtet?

Die dreiteilige Fernsicht von 1826 auf die Nordseite der Schwäbischen Alb bietet sich zum Beispiel vom Schloss Hohenheim aus. Eine Farblithografie von New York und Brooklyn entstand 1892 und gewährt aus halber Vogelschau den vollen Überblick über Manhattan. Die Straßenzüge folgen dem bekannten rechtwinkligen Schema. Doch von Wolkenkratzern kann keine Rede sein. Und unter dem Schwarm von Segelschiffen um die Halbinsel herum ist nur mühsam überhaupt ein Dampfschiff auszumachen. Ein anderes Panorama vom Hudson River zeigt den Fluss von der Mündung des Erie Canal vor Albany bis hinunter nach Bedloe’s Island in der Upper New York Bay, wo seit 1886 die Freiheitsstatue steht. Auch hier säumen die beiden von William Wade nach der Natur gezeichneten („drawn from nature“) und gravierten Ufer entlang des Hudson River allerhand Ortschaften und schließlich New York City. Doch muss man auch diese Siedlung förmlich suchen, so wenig fällt sie auf: Das Panorama datiert von 1845. Seither ist einiges passiert.

Londinum zeigt seltene Ansicht

Dass die Panoramen den Besucher stets aufs Neue in vergangene Zeiten versetzen, macht den besonderen Reiz der Schau aus. Der altkolorierte Kupferstich von „Londinum“ zeigt eine seltene Ansicht von der Stadt an der Themse. Den Fluss quert da eine Brücke, die 1730 noch lückenlos mit Brückenhäusern bebaut ist. Brüssel ist auf dem kolorierten Kupferstich von 1648 eine ringsum von Mauern geschützte Stadt. Auch Jerusalem thront 1870 auf seiner Anhöhe hinter stattlichen Mauern. Die Nachtansicht von Kairo 1810 erblickt man jenseits des Nils. Florenz grüßt vom andern Ufer des Arno. Und selbstverständlich bietet sich die Schokoladenseite von Dresden, ob 1730, 1770 oder heute, am schönsten beim Blick über die Elbe dar. Ganz ähnlich ist das mit Köln auf einer Aquatinta von 1837, welche die Stadt über den Rhein hinweg von Deutz aus in den Blick nimmt. Da war vom Kölner Dom noch nicht so viel zu sehen. Dessen Weiterbau wurde erst vier Jahre später in Angriff genommen.

Natürlich haftet dem Thema „Panorama“ etwas Nostalgisches an. Längst entstehen vergleichbare Darstellungen nicht mehr ohne fotografische Technik und auch nicht mehr mit den klassischen Methoden des druckgrafischen Handwerks. Das imposante, 1996/2014 von René Schrei fotografisch realisierte Panorama vom Stilfser Joch macht den Unterschied deutlich. Auch das als Relief in Objektkästen interpretierte Stadtpanorama Berlin (2015) von Sara F. Levin bildet eine Ausnahme. Außerdem steht es in starkem Kontrast zu den historischen Lithografien, die der Straße Unter den Linden von 1855 ein Denkmal setzen. Ein Blatt der seltenen beiden Stücke zeigt die Seite vom Reiterstandbild Friedrichs des Großen bis zum Berliner Dom. Das andere widmet sich der Seite vom Stadtschloss bis zur Bibliothek und dem Palais des Königs.

Panorama von Stuttgart um 1830

Ungleich bescheidener, doch unglaublich idyllisch bietet sich das 225 Zentimeter breite Panorama von Stuttgart um 1830 dar. Es ist ein Rundblick von der Feuerbacher Heide aus nach Süden. Die 360-Grad-Perspektive wird darum links wie rechts von denselben Pappeln flankiert, und sie nimmt alles in den Blick, die Solitude, Weilimdorf, Asperg sowie das Neckar- und das Remstal. Die Stadt selbst, Stuttgart, fällt, dermaßen lieblich eingebettet in die Landschaft, kaum auf. - Tempi passati! Wer hätte damals gedacht, was in nicht einmal ganz zweihundert Jahren alles geschehen wird? Da drängt sich der ketzerische Gedanke auf, ob nicht die feudalen Bauherren früher, ob in Berlin oder in Stuttgart, weitblickender geplant haben, als das heute Investoren tun.

Stuttgart, Wilhelmsplatz 8. Bis 5. September. Öffnungszeiten Di–Fr 11–19, Sa 10– 18 Uhr und nach Vereinbarung.

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