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Alfdorf Diabetiker-Warnhund als Lebensretter

Sie lieben ihren „Kalle“: Luis und Hanna Lang in ihrer Wohnstube in Pfahlbronn. Foto: Stütz / ZVW

Video: Familie Lang aus Welzheim mit ihrem Diabetiker-Warnhund Kalle.

Alfdorf-Pfahlbronn. Ein Hund kann Leben retten. Das gilt auch für den Diabetiker-Warnhund, der in der Familie Lang in Pfahlbronn eine wichtige Aufgabe übernommen hat. Der einjährige Kalle, ein portugiesischer Wasserhund, passt auf den fünfjährigen Luis auf, bei dem im Oktober 2015 die nicht heilbare Zuckerkrankheit vom Typ 1 entdeckt wurde.

Rund 400 000 Menschen in Deutschland sind an Typ-1-Diabetes erkrankt. Dabei handelt es sich um eine Autoimmunkrankheit. Das körpereigene Immunsystem, das in erster Linie der Abwehr krankmachender Keime dient, richtet sich aus bislang unklaren Gründen plötzlich gegen die Insulin produzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse und zerstört diese. In der Folge kommt es innerhalb weniger Tage bis Wochen zum Ausbleiben der Insulinproduktion. Der Typ-1-Diabetes entsteht oft schon im Kindes- und Jugendalter.

Die junge Familie Lang hat in den letzten Wochen und Monaten einiges mitgemacht. Deshalb haben Sandra Lang (36 Jahre alt) und Dominik Lang (36) im Wohnzimmer des Einfamilien-Wohnhauses viel zu erzählen. Die achtjährige Tochter Hanna hört aufmerksam zu, denn für sie hat sich im Familienleben auch einiges geändert.

Erkrankung kam von heute auf morgen

„Für uns ist die Erkrankung von heute auf morgen aufgetreten“, berichtet Sandra Lang. Sie brachte ihren vierjährigen Sohn noch in den Kindergarten. Weil er über Bauchweh geklagt hatte, schaute die Mutter später noch einmal nach Luis, nahm ihn mit nach Hause und versorgte ihn mit einer Wärmeflasche. Doch ihm ging es nicht besser, sondern immer schlechter. Wie sich nachher herausstellte, hatte er starken Überzucker. Am Samstag dann ging es schließlich zur Notaufnahme ins Krankenhaus. Nach einer sehr langen Wartezeit und auf Drängen der Mutter wurde ihr Sohn schließlich stationär aufgenommen. Die Diagnose war ein Schlag für die Eltern: Luis hat Zucker und muss sich ein Leben lang Insulin spritzen. „Für uns ist die Welt zusammengefallen“, sagt Sandra Lang im Rückblick.

Luis wollte sich kein Blut mehr abnehmen lassen

Am Anfang wurde der Blutzucker noch über Blutstropfen gemessen, die aus den Fingerkuppen entnommen wurden. „Zum Schluss mussten wir ihn zu dritt festhalten.“ Luis wollte sich nicht mehr stechen lassen. Die Insulinpumpe brachte die Rettung.

Das geliebte Nutella-Brot steht weiter auf der Speisekarte

„Inzwischen haben wir ganz gut gelernt, mit der Situation zu leben“, erzählt Vater Dominik Lang. Im Prinzip darf der Sohne alles essen, nur muss entsprechend je nach Zuckergehalt darauf reagiert und die Insulinpumpe darauf eingestellt werden. Auch das geliebte Nutella-Brot steht deshalb weiterhin auf der Speisekarte.

Umstellung auch für den Kindergarten

Für die Mitarbeiterinnen des Kindergartens Pusteblume in Pfahlbronn bedeutete die Zuckerkrankheit ebenfalls eine Umstellung. Die Erzieherinnen ließen sich deshalb extra schulen. Integrationskraft Nadine Baun hat immer wieder einen Blick darauf, wie es Luis geht.

Die große schwester kümmert sich mit

Für die größere Schwester Hanna bedeutete die Krankheit ihres Bruders ebenfalls eine Umstellung. Zunächst spielte Eifersucht eine Rolle, weil der Bruder von den Eltern so viel Aufmerksamkeit erhielt. Doch mittlerweile kümmert sie sich rührend um ihren kleinen Bruder, wenn die Eltern mal kurz aus dem Haus sind. „Ich bin deshalb sehr stolz auf meine Tochter“, sagt Sandra Lang.

Finanzierung druch Radio und Großeltern

Nachdem die Familie Lang schon früher einen Hund hatte, informierten sich die Eltern im Internet über Diabetiker-Warnhunde und wurden im Hundezentrum Catu der Hundeerzieherin Maja Wonisch fündig. Doch ganz billig ist so ein Therapiehund nicht. Rund 10 000 Euro kostete die Ausbildung, hinzu kamen noch knapp 2000 Euro für das Tier selbst. Die Finanzierung wurde ermöglicht durch eine Aktion des Senders Radio 7 und dafür ist die Familie außerordentlich dankbar. Omas und Opas haben dann den Restbetrag beigesteuert.

Im Hundezentrum wurden schon 100 Diabetikerhunde ausgebildet

Seit Bestehen des Hundezentrums Catu im Jahr 2006 wurden dort rund 100 Diabetiker-Warnhunde ausgebildet, berichtet die Leiterin Maja Wonisch auf Anfrage. Diabetiker-Warnhunde gibt es also inzwischen häufiger, als bislang bekannt ist. Hinzu kommen nämlich noch bundesweit weitere Diabetiker-Warnhunde der anderen bestehenden Hundeausbildungszentren. Die Kosten für die Ausbildung waren bei der Familie deshalb so hoch, weil Kalle zunächst in einer anderen Familie angelernt wurde und in Pfahlbronn nur eine Eingewöhnungsphase hatte. Wird der Hund gleich in der betroffenen Familie geschult, und zwar unter Begleitung der Fachleute des Hundezentrums, liegen die Ausbildungskosten bei rund 4000 Euro plus den Kosten für die Hundeanschaffung selbst.

Diabetikerwarnhunde müssen von den Betroffenen selbst finanziert werden

Im Gegensatz zu Blindenführhunden sind Diabetikerwarnhunde keine Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung und müssen deshalb von den Betroffenen selbst finanziert werden, so die Auskunft von Pressesprecher Joachim Härle von der AOK Ludwigsburg/Rems-Murr.

Hund merkt den Zuckerwert am Geruch des Atems

Kalle ist ein ganz gemütlicher, anfangs sogar ein eher vorsichtiger und ängstlicher Hund. Wenn es Luis wegen eines falschen Zuckerwertes nicht gutgeht, merkt dies Kalle am Geruch des Atems und am Geruch der Haut und fängt an, an Luis herumzuschnüffeln, und meldet durch Bellen die Gefahr. Seine Nase ist so fein, dass er schon anschlägt, bevor die Messgeräte die bevorstehende Veränderung des Zuckerwertes anzeigen können. Wenn dann Frauchen oder Herrchen kommt, um die Situation zu klären, gibt es für den Wasserhund ein Leckerli und ein dickes Lob.

Die Familie hofft auf Befreieung von der Hundesteuer

Etwa zwölf bis 15 Jahre kann der Therapiehund alt werden und die Familie hofft deshalb, dass sie bei der Gemeinde künftig von der Hundesteuer befreit wird. Das war anscheinend bisher nicht möglich, weil zuerst noch die Satzung für die Hundesteuer geändert werden muss.

Ein fast normales Leben ermöglichen

Diabetikerwarnhunde sind ausgebildete Assistenzhunde. Sie werden in der Regel 18 bis 24 Monate ausgebildet, halten die Standards ebenso wie zum Beispiel ein Assistenzhund, der einen Rollstuhlfahrer begleitet, ein und haben alle Rechte eines Assistenzhundes. Diabetikerwarnhunde können täglich Leben retten, Koma, Krampfanfälle und den Tod verhindern. Zusätzlich können gut ausgebildete Diabetikerwarnhunde die Gefahr von Folgeerkrankungen mindern und dem Diabetiker ein fast normales Leben ermöglichen. Diabetikerwarnhunde werden sowohl für Kinder als auch für Erwachsene ausgebildet.

2003 begann die Ausbildung von Diabetikerwarnhunden in den USA. In Deutschland startete 2007 die Ausbildung von Diabetikerwarnhunden durch das Deutsche Assistenzhunde-Zentrum. Die Geschäftsführerin im Deutschen Assistenzhunde-Zentrum Luca Barrett ist weltweit als Expertin für Diabetikerwarnhunde gefragt. Sie hat in den vergangenen Jahren zahlreichen Assistenzhundorganisationen im In-und vor allem Ausland geholfen, seriöse Diabetikerwarnhundprogramme aufzubauen, um auch in anderen Ländern Diabetikern die zuverlässige Hilfe eines Diabetikerwarnhundes geben zu können.

Diabetikerwarnhunde zeigen nicht erst die direkte Unterzuckerung und Überzuckerung an, sondern vielmehr reagieren sie, noch bevor die Blutzuckerwerte unter 70 oder über 250 steigen.

Diabetikerwarnhunde zeigen eine drohende Unterzuckerung bereits an, wenn der Blutzucker in eine Unterzuckerung sinkt. Sie warnen den Diabetiker vor einer drohenden Unterzuckerung und Überzuckerung, bevor diese tatsächlich eintritt. Gut arbeitende Diabetikerwarnhunde zeigen eine drohende Unterzuckerung bereits an, wenn der Blutzucker zum Beispiel 120 oder 148 ist und innerhalb der nächsten Minuten in eine Unterzuckerung fällt.

Hohe Blutzuckerwerte werden von guten Diabetikerwarnhunden bereits ab 170 angezeigt. Auf diese Weise kann der Diabetiker rechtzeitig Kohlenhydrate zu sich nehmen bzw. Insulin spritzen. Quelle: http://www.assistenzhunde-zentrum.de/

Infos beim Hundezentrum Catu, Maja Wonisch, Mengener Straße 60, 72516 Scheer,  0 75 72 / 6 00 430; Internet: www.hundezentrum-catu.de; E-Mail: info@hundezentrum-catu.de.

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