Althütte Ein Aussteiger zur rechtsextremen Szene

Sie trennen fast klinisch sauber zwischen „Musik“ und „Politik“. Aber kann man das so bequem auseinanderklamüsern in einen „guten“ Teil, den man als Hobby pflegt, und einen „schlechten“, für den bloß die anderen zuständig sind? Sie sahen doch die Leute, die bei ihren Konzerten den Hitlergruß zeigten. Musik und Botschaft, Musik und Publikum, Musik und rechte, in Teilen gewaltbereite Szene – das lässt sich doch nicht so einfach voneinander abspalten . . . Oder sehe ich da was falsch?

Nein, das sehen Sie nicht falsch. Den Teil, den Sie meinen, den gab und gibt es. Deshalb habe ich auch meine Konsequenzen gezogen und bin 2008 ausgetreten. Aber es gehört halt auch dazu, dass leider die andere, die musikalische Seite oft noch nicht mal angedeutet oder in Betracht gezogen wird. So entsteht eben der Eindruck, bei „Rechtsrock“ ginge es ausschließlich und ursächlich nur um einen politischen Auftrag.

Wie haben Sie erfahren, dass Musik der Noien Werte zu Videos der Zwickauer Zelle lief? Was halten Sie davon?

Ich habe über die Presse davon erfahren und war zutiefst entsetzt. Hätte mich irgendjemand vorher gefragt, ob ich es in Deutschland für möglich halte, dass es eine Terrorzelle im Untergrund gibt, die jahrelang unentdeckt Ausländer feige und hinterrücks erschießt, ohne dass dies von Polizei, Verfassungsschutz oder Politik gemerkt wird, ich hätte das verneint. Ich denke nicht, dass das Hören bestimmter Gruppen oder unserer Lieder verantwortlich für kranke Menschen und ihre Handlungen gemacht werden kann. Auch habe ich zu keiner Zeit, auch nicht vor vielen Jahren, so etwas gutgeheißen. Aber ich habe es versäumt, hier zum Beispiel in Form eines Liedes Klartext zu reden.

Gibt es heute Noie-Werte-Texte, zu denen Sie nicht mehr stehen können?

Wir haben seit Mitte der 90er Jahre keine Lieder mehr von der indizierten „Kraft für Deutschland“-LP gespielt. Ich kann heute nicht mehr zu Liedern stehen, die in irgendeiner Weise Krieg glorifizieren. Ich bin froh, in einer Zeit zu leben, in der ich mir keine Sorgen machen muss, dass die eigenen Kinder gezwungen werden könnten, irgendwo in der Welt für wen auch immer den „Heldentod“ sterben zu müssen.

Ich versuche mal zu beschreiben, wie mir die rechtsextreme Landschaft zwischen Ende der 90er und Anfang der 2000er Jahre erscheint: Es gab ein dichtes Netz persönlicher Bekanntschaften, das die zahlenmäßig eher kleine, aber in ganz Deutschland verbreitete Szene verband. Viele dieser Kontakte liefen über die Musikschiene. Jeder kannte jeden, um es mal überspitzt auszudrücken: NPD-Funktionäre und Leute des Blood&Honour-Bundes, Musiker und Aktivisten in Freien Kameradschaften. Richtige Vermutung?

Noie Werte

Die Noien Werte wurden 1987 gegründet und 2010 aufgelöst. Oliver H., der zuvor Bass in einer Heavy-Metal-Gruppe gespielt hatte, stieß 1989 zur Band. Zur Urbesetzung der Noien Werte gehörte Michael Wendland, zeitweise Landesvorsitzender der NPD Baden-Württemberg. Lieder der Noien Werte sind auf den Schulhof-CDs der NPD enthalten. Die Band hat sieben Alben auf ihrem Label GBF Records veröffentlicht und angeblich von den ersten drei Alben jeweils mehr als 15 000 Exemplare abgesetzt. Die 1991 erschienene CD „Kraft für Deutschland“ (Zitat: „Alle, die sich unsere Feinde nennen, die werden wir ewig hassen, und kämpfen werden wir gegen sie, bis sie unser Land verlassen!“) wurde von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien indiziert. Auf der Platte findet sich auch eine Hymne auf Rudolf Heß. Die Noien Werte spielten weltweit Konzerte. Ihr Label GBF Records soll ab Mitte der 90er Jahre maßgeblich zur Ausweitung des britischen Neonazi-Musiknetzwerkes Blood and Honour nach Deutschland beigetragen haben. Oliver H. bestreitet das: „Ich war dort nie Mitglied. Es gab zu der Zeit etliche deutsche B&H-Bands, wir gehörten nicht dazu.“

Diese Einschätzung trifft sehr genau zu. Es war im Prinzip eine unorganisierte Szene, in der sich aufgrund von Ausgrenzungen und aufkommenden Repressalien eine eigene Kultur etablierte. Irgendeiner organisierte konspirativ ein Konzert. Irgendwo kam man raus, und irgendwo kam man zum Übernachten. Irgendwo gab es diese oder jene Party in dieser oder jener Stadt, weil der eine oder andere sich von wo auch immer her kannte. Keiner prüfte da den Mann oder die Frau neben sich. Oft kannten sich die Leute nur mit Vor- oder Spitznamen.

Die Terroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos könnten sich das zunutze gemacht haben, um mal hier unterzuschlüpfen, mal da zu übernachten. Ich stelle mir das etwa so vor wie bei der ersten Generation der RAF: eine ganz kleine Gruppe extrem gewaltbereiter Aktivisten – und ein großer, nach außen hin zerfasernder Kreis von Sympathisanten und Unterstützern, die teils Bescheid wussten, was der Inner Circle trieb, teils gerüchteweise was aufschnappten, teils auch kaum eine Ahnung hatten, was da im Detail lief.

Ich bin der Meinung, dass durch Ausgrenzung und Verbote die Gefahr der Radikalisierung besteht und wächst. Insofern teile ich Ihre Beobachtung einer Parallele zur ersten Generation der RAF.

Wusste irgendeiner der Noien Werte etwas über die Terrorzelle?

Ich wusste davon nichts, auch nicht gerüchteweise.

Ich will Ihnen keine aktive Gewaltbereitschaft unterstellen – aber ich frage mich schon dringend, was Sie damals gedacht haben über die in der Szene grassierende Gewalttätigkeit. Als 1999 in Guben ein Asylbewerber nach einer Hetzjagd von Neonazis starb, lief als Soundtrack dazu das extrem abstoßende Afrika-Lied von Landser – ein Jahr später haben die Noien Werte auf einem CD-Einlegeheft Landser gegrüßt. Das geht mir nicht in den Kopf.

Am Anfang empfand ich die Gewaltbereitschaft der Szene als Schutz und als Reaktion auf selbst erlebte Gewalt. Später erst habe ich erkannt, dass diejenigen, die mich „angreifen“, oft selber einmal „Angegriffene“ waren. In dieser Spirale gibt es nur Verlierer. Aber das muss man erst einmal erkennen können und auch noch die persönliche Reife entwickeln, sich innerhalb der eigenen Szene davon lösen zu können. Das kann lange dauern, und vielen gelingt das nicht, obwohl sie es vielleicht gerne wollten. Durch die sogenannten „Aussteigerprogramme“ werden meiner Meinung nach die Betroffenen, die oft noch nicht richtig gestärkte Persönlichkeiten sind, in eine Situation gebracht, in der sie diesen Ausstieg als „Verrat an ihrer Familie“ empfinden, und deshalb diesen Weg nicht gehen können.

Was war für Sie attraktiv an der Rechtsrock-Szene, in der Sie sich bewegt haben?

Am Anfang war es sicher die Gemeinschaft, der Schutz, der Halt, sozusagen die Ersatzfamilie. Später kam noch die Abgrenzung zu anderen hinzu, eine klare Szenekultur mit eigenem Lebens- und Kleiderstil; und das Gefühl, ein ultimativer und absoluter Revolutionär sein zu können. Aufgrund des gesellschaftspolitischen Drucks von außen, dem man in dieser Szene ausgesetzt ist, entwickelt sich eine Eigendynamik, die einem das Gefühl der Besonderheit vermittelt. Die ganze Freizeit und Lebensgestaltung wird innerhalb der Szene selbst organisiert, das schweißt zusammen. Alle sitzen im gleichen Boot, und je mehr dabei sind, desto mehr spürt man eine gewisse Größe und Bedeutung im eigenen Leben. In der Szene gab und gibt es unterschiedlichste Einstiegsgründe. Für die einen ist es die Provokation, die faszinierend wirkt, für andere der Hang zur „Außenseiterrolle“, die politische Botschaft oder einfach nur „Lifestyle“.

Welche der politischen Positionen, die Sie damals vertraten, finden Sie heute noch richtig? Bei welchen Punkten denken Sie heute, dass Sie damals falsch lagen?

Ich denke, dass ich zu denen zähle, denen die gesellschaftlich relevanten Gruppen und Parteien auf die Fragen der Zeit keine Antworten mehr bieten können. Insofern habe ich kein Vertrauen in unsere Politik und glaube, der Teil derer, die das ähnlich sehen, wächst. Ich glaube, die Einzelnen müssen sich wieder stärker ihre Souveränität zurückerobern. Unsere Eliten haben aus meiner Sicht versagt. Ich glaube, die westliche Wertegemeinschaft steckt in einer Sackgasse, und fürchte, die Massenmanipulation in unserer Gesellschaft ist weit fortgeschritten. Aber ein großer Fehler war es, Probleme, die man erkannt zu haben glaubt, irgendeiner Volksgruppe oder generell den Ausländern anzulasten. Auch war es falsch, den Eindruck zu erwecken, man dürfe mit Krieg und Gewalt für richtig gehaltene Überzeugungen durchsetzen. Unter diesem Gesichtspunkt ist Nationalismus gefährlich.

Wie hätten Sie sich früher eigentlich selber definiert – als „Neonazi“? „Nationaldemokrat“? „Skinhead“? Und wie heute?

Ich habe mich nie in einer Schublade gesehen. Anfangs habe ich mich sicher der Skinszene zugehörig gefühlt. Heute würde ich mich als kritischen Querdenker bezeichnen.

Machen Sie heute noch Musik?

Nein.

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