Amoklauf Winnenden - 10 Jahre danach Chronik Teil 2: Wer Waffen hat, trägt Verantwortung

Das Landgericht Stuttgart befasst sich mit dem Amoklauf – Mitte: Der Vorsitzende Richter Reiner Skujat. Foto: Daniel Maurer/dpa

Winnenden. Der 11. März 2009 war der einschneidendste, vernichtendste Tag in der Geschichte des Rems-Murr-Kreises – in den zehn Jahren seit dem Winnender Amoklauf aber hat das Gemeinwesen oft seine Stärke bewiesen. Debatten um Schuld und Verantwortung, um würdige Formen des Gedenkens und um das deutsche Waffenrecht haben diese Jahre geprägt. Eine Chronik.


Teil 1: Eine Stadt stellt sich dem Unfassbaren
Teil 2: Wer Waffen hat, trägt Verantwortung - Sie sind hier
Teil 3: Der lange Weg in die Zukunft

Hier geht es zur gesamten Berichterstattung seit 2009


Umbrüche - März bis August 2010

10. März
Der Sonderausschuss des Landtags stellt seinen Abschlussbericht vor und empfiehlt viele Maßnahmen, unter anderem mehr Beratungslehrkräfte und Schulpsychologen, mehr Sicherheitsmaßnahmen in Schulen, Alarmsignale, Türknaufsysteme – beim Waffenrecht bleibt der Ausschuss defensiv und regt keine strengeren Gesetze an.

11. März
Am Jahrestag des Amoklaufs kehrt Bundespräsident Horst Köhler nach Winnenden zurück und sagt: Es könne „mehr als bisher“ geschehen, „damit gefährdete Menschen nicht an Schusswaffen gelangen“. Die 2009 beschlossene Änderung des Waffengesetzes – mehr Kontrollen, ob die Besitzer ihre Waffen ordnungsgemäß aufbewahren – sei ein Beginn; die Politik solle „diesen Prozess weiter voranbringen“.

Der Winnender Jugendgemeinderat lädt ein zu einer Lichterkette am Abend des 11. März: Dieses Ritual wird im Laufe der Jahre eine wichtige Tradition werden.

31. März
Astrid Hahn, 58, kündigt an, sie werde die Leitung der Albertville-Realschule im Sommer abgeben und in den Vorruhestand gehen. Die Aufgabe nach dem 11. März 2009 habe „sehr viel Kraft gekostet und ist auch manchmal über meine Kraft gegangen“. Seit dem Amoklauf hat Hahn bewundernswert den Schulalltag aus dem Chaos heraus wieder in geordnete Bahnen gelenkt und war Kollegen, Schülern, Opfer-Angehörigen eine wichtige Begleiterin.

5. Mai
Würde es je möglich sein, hierher zurückzukehren und Unterricht abzuhalten, im Pausenhof zu toben, über Klassenarbeiten zu schwitzen? Dies ist unsere Schule, wir lassen sie uns nicht nehmen, sagen Lehrer wie Schüler – und der Winnender Gemeinderat segnet den Antrag für den Umbau der Albertville-Schule ab. Ein neuer Gebäudeteil vorne soll das Gesicht der Schule verändern und eine Aula, einen Ort der Zusammenkunft, beherbergen: ein architektonisches Zeichen des Zukunftsmuts. Von den voraussichtlich 6,2 Millionen Euro Kosten soll die Stadt rund 450 000 Euro selbst bezahlen, der Rest kommt von Bund, Land, Aktion Herzenssache. Im September 2011 soll der Umbau fertig sein, bis dahin findet der Unterricht weiter in Containern statt.

18. Juni
Mehr als 185 000 Unterschriften gegen tödliche Sportwaffen und Killerspiele übergibt das Aktionsbündnis Amoklauf an Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt. Nur die Grünen und Die Linke unterstützen im Parlament das Anliegen.

21. Juli
Juri Minasenko, Vater der erschossenen Viktorija, und Barbara Nalepa, Mutter der ermordeten Nicole, reichen beim Bundesverfassungsgericht Beschwerde gegen das Waffengesetz ein, weil es das Grundrecht auf Leben nicht genug schütze.

3. August
Erster Baggerbiss für das Fundament des Albertville-Schulanbaus.

Waffenstarrend - September 2010

16. September
Am Landgericht Stuttgart beginnt die Verhandlung gegen Jörg K., Vater des Amokläufers, wegen fahrlässiger Tötung in 15 Fällen; der Mann ließ die Beretta und Munition unverschlossen herumliegen. Viele wünschen sich, dass Jörg K. aktiv an der Aufarbeitung mitwirke – die Hoffnung zerstiebt am ersten Prozesstag. Nur sein Anwalt Hubert Gorka äußert sich: Auch für seinen Mandanten sei „eine Welt zusammengebrochen“, deshalb sei „die Verhängung einer Strafe offensichtlich verfehlt“. Viele Opfer-Angehörige fühlen sich vor den Kopf gestoßen. Tröstend immerhin ist die gewissenhafte und behutsame Art, mit der Richter Reiner Skujat die Verhandlung vom ersten Tag an führt: Er lässt die Nebenkläger jederzeit zu Wort kommen, erklärt juristische Details laienverständlich und ringt um erschöpfende Aufklärung aller Tatumstände.

28. September
Tag vier der Verhandlung. Die Beweisaufnahme eröffnet Einblicke in einen waffenstarrenden Haushalt. Jörg K. besaß vier Revolver, zehn Gewehre, drei Softair-, vier Schreckschuss-Pistolen und die Beretta, mit der sein Sohn mordete.

30. September
Astrid Hahn wird als Leiterin der Albertville-Schule verabschiedet. Die Suche nach einem geeigneten Nachfolger, der erstens bereit ist, sich dieser großen Aufgabe zu stellen, und zweitens neben der fachlichen Kompetenz auch das Einfühlungsvermögen und das diplomatische Gespür mitbringt, um diese hochsensible Herausforderung zu bewältigen, hat sich über Monate hingezogen. Nun ist ein Nachfolger gefunden: Sven Kubick.

Der Prozess - Oktober bis Dezember 2010

Oktober bis Dezember
An den ersten zehn Verhandlungstagen im Amokprozess lädt sich die Atmosphäre heftig auf. Jörg K.s Vertreter arbeiten mit bisweilen provozierenden Anträgen, der Opfer-Anwalt Jens Rabe sagt: Es gehe hier manchmal zu „wie auf einem Schlachtfeld“. Als Verteidiger Gorka andeutet, die Polizei habe bei der Jagd nach Tim K. versagt, verlassen Opfer-Angehörige empört den Saal – Gorka wolle die Schuld anderen zuschieben. Die von Anfang an strengen Sicherheitsvorkehrungen im Landgericht werden phasenweise noch weiter verschärft: Zuhörer müssen elektronische Schleusen passieren, die Schuhe zur Überprüfung ausziehen, Kontrolleure schrauben jeden Kugelschreiber der Journalisten auf und wieder zusammen. Grund: Dem Sicherheitspersonal ist ein Angehöriger eines erschossenen Kindes aufgefallen, der sich offenbar dafür interessierte, wohin der Angeklagte am Ende des Tages ging. Die Polizei sprach den Mann an. Er antwortete: Er habe Rachegefühle bislang verdrängt, wisse aber nicht, was tun, wenn der Prozess kein erträgliches Urteil bringe.

Jörg K. schweigt weiterhin – und erscheint irgendwann gar nicht mehr zu den Sitzungsterminen, wegen Gesundheitsbeschwerden. Die Opfer-Angehörigen, die sich dem Prozess weiterhin aussetzen, sind einmal mehr befremdet.

Der Prozess, so aufwühlend er ist, bringt aber auch viel Erhellendes. Das Gerücht, dass Tim K. gemobbt worden sei, zerbröselt dank vieler Zeugenaussagen. Bei der Einordnung des Mörders hilft eine präzise Expertise des Psychiaters Peter Winckler: Tim K. habe unter erheblichen emotionalen, sozialen, kommunikativen Defiziten und einer massiven „narzisstischen Kränkbarkeit“ gelitten – eine „kombinierte Persönlichkeitsstörung“, die „insgesamt als schwer einzustufen“ sei. Und immer wieder klingt andeutungsweise durch, dass auch die Weinsberger Ärzte und Therapeuten, bei denen Tim K. zwischen April und September 2008 zu fünf Behandlungsterminen weilte, den Jungen falsch eingeschätzt haben. Bereits beim ersten Gespräch dort beichtete er, manchmal wolle er alle Menschen erschießen. Im Zeugenstand sagen die Weinsberger Fachkräfte dazu nichts, sie ziehen sich auf Zeugnisverweigerungsrecht und Schweigepflicht zurück.

16. Dezember
Tag 22 des Prozesses. Die Verteidiger von Jörg K. beklagen einen Verstoß gegen die UN-Menschenrechtskonvention. Es geht um eine Zeugin, die an früheren Verhandlungstagen mehrmals ausgesagt hat. Zunächst erklärte sie: Kurz nach dem Amoklauf habe Jörg K. ihr erzählt, dass er von den Tötungsfantasien seines Sohnes wusste. Später zog die Frau diese Aussage, die Jörg K. schwer belastete, wieder zurück – worauf die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen versuchter Strafvereitelung einleitete und das Gericht der Zeugin ein Auskunftsverweigerungsrecht gewährte. Bei einem dritten Auftritt erklärte die Frau, ihre erste Aussage sei richtig gewesen, sonst wolle sie nichts mehr sagen. Jörg K.s Anwälte hatten keine Gelegenheit, die Zeugin zu befragen; dies, sagt Verteidiger Hubert Gorka, sei ein Verstoß gegen das Prinzip des fairen Prozesses. Liegt er richtig? Falls ja, könnte dies ein Anfechtungsgrund gegen das Urteil sein.

Das Urteil - Januar und Februar 2011

Januar
166 unangemeldete Haustür-Kontrollen haben die Zuständigen vom Landratsamt im Jahr 2010 bei Waffenbesitzern im Kreis abgewickelt. In 105 Fällen stellten sie Verstöße gegen die Aufbewahrungsvorschriften fest. Einer sagte, er wisse nicht, wo seine Waffe sei, sie müsse „beim letzten Umzug abhandengekommen“ sein, einer erklärte, er könne seine Waffe nicht vorzeigen, seine Frau verstecke sie. Geladene Pistolen fanden sich in Nachttischen und Kleiderschränken.

10. Februar
Ein Jahr und neun Monate auf Bewährung wegen fahrlässiger Tötung in 15 Fällen – an Tag 29 im Amokprozess verkündet Richter Reiner Skujat das Strafmaß gegen Jörg K. Fast noch wichtiger als das Urteil ist die Begründung: „Jeder“, der Waffen und Munition besitzt, „hat die erforderlichen Vorkehrungen zu treffen“, dass damit nichts Schlimmes geschehen kann, „jeder, der diese Vorsorge nicht trifft“, muss damit rechnen, dass ein Unbefugter „viele Personen tötet“. Jörg K. verwahrte seine Beretta unverschlossen und hantierte unachtsam mit Munition: ließ Kugeln in der Wohnung herumliegen und ermöglichte so dem Sohn, sich Zug um Zug die Tatmittel zusammenzuhamstern.

Hinzu kam: Schon seit Ende 2007 gab es bei Tim K. „Anzeichen für seelische Not“, seine Schwester thematisierte das in Chats deutlich, 2008 suchte Tim K. gar psychiatrische Hilfe in Weinsberg. Aufgrund dieser Gefahrensignale „wäre es dringlich geboten gewesen“, den Jungen „vom Gebrauch scharfer Waffen abzuhalten“ – stattdessen ging der Vater in genau jener Zeit mit dem Sohn zum Schießen, gab die eigene Waffenbegeisterung dem Jungen weiter, lehrte ihn den Umgang mit der Beretta.

Skujat beweist auch noch einmal seine emotionale Intelligenz: Der „kompromisslos konfrontative Stil“ der Verteidiger, die „wenig Empathie“ gezeigt hätten, sei strafprozessual erlaubt, Juristen hätten das „professionell hinzunehmen“ – aber bei tief verwundeten Opfer-Angehörigen müsse derlei „großes Unverständnis“ wecken.

„Das ist ein Signal für diejenigen, die Waffen in privatem Besitz haben“, sagt danach Gisela Mayer, Mutter der erschossenen Nina. Und Dieter Kleisch, Vater der erschossenen Stefanie: „Es war so wichtig, dass dieser Prozess mit diesem Richter so stattgefunden hat.“

Zukunft

„Es gibt Momente im Leben, da steht die Welt für einen Augenblick still, und wenn sie sich dann weiterdreht, ist nichts mehr, wie es war. Wir müssen immer noch täglich mit den Folgen des 11. März kämpfen. Wir haben dieses schreckliche Ereignis miterlebt und so viele Freunde und tolle Menschen verloren. Der 11. März ist klar ein Teil unseres Lebens geworden. Doch wir wollen nicht, dass er unser Leben beherrscht. Deshalb gehen wir unseren Weg weiter. Zusammen sind wir schon einen Teil des Weges gegangen, wobei auch jeder seinen persönlichen Weg eingeschlagen hat. Jeder von uns hat andere Ziele, andere Träume, und bei jedem verläuft der Weg anders. Es wird immer wieder Rückschläge geben, doch das Wichtige ist, zu schauen, dass man irgendwann wieder weitergeht und nicht stehenbleibt – auch wenn es oft so aussieht, als ob es keinen Wert mehr hat, weiterzugehen, so wie es auch bei uns der Fall war. Aber irgendwie müssen wir immer nach vorne in die Zukunft blicken. Wir dürfen unsere Hoffnung nicht verlieren, denn dann können wir versuchen, so gut es geht, jeden Tag unsere Träume zu leben, damit sie wahr werden.“

Aus einer Gedenkrede der Albertville-Schüler zum ersten Jahrestag des Amoklaufs.

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