Amoklauf Winnenden - 10 Jahre danach Chronik Teil 3: Der lange Weg in die Zukunft

Der Gedenkring des Künstlers Martin Schöneich. Foto: Schneider/ZVW

Winnenden. Der 11. März 2009 war der einschneidendste, vernichtendste Tag in der Geschichte des Rems-Murr-Kreises – in den zehn Jahren seit dem Winnender Amoklauf aber hat das Gemeinwesen oft seine Stärke bewiesen. Debatten um Schuld und Verantwortung, um würdige Formen des Gedenkens und um das deutsche Waffenrecht haben diese Jahre geprägt. Eine Chronik.


Teil 1: Eine Stadt stellt sich dem Unfassbaren
Teil 2: Wer Waffen hat, trägt Verantwortung
Teil 3: Der lange Weg in die Zukunft - Sie sind hier

Hier geht es zur gesamten Berichterstattung seit 2009


Der Rückschlag - März 2011 bis Mai 2012

11. März 2011
Unaufgedonnert, würdig, eindringlich: Das stille Gedenken – um 9.30 Uhr läuten die Glocken, auf dem Winnender Marktplatz liest der Oberbürgermeister die Namen der Verstorbenen vor. Innehalten im Alltagsgetriebe.

12. September 2011
Raus aus den Containern, der Traum von der Rückkehr wird wahr – Lehrer und Schüler beziehen die umgebaute Albertville-Realschule.

Februar 2012
In Winnenden mehren sich die Stimmen, die einen öffentlichen Gedenkort wünschen. Als möglicher Standort komme der Stadtpark infrage. Klar ist aber auch: Hier darf nichts übers Knie gebrochen werden. Die Eltern von Getöteten sollen mit ihren Vorstellungen Gehör finden, die Schüler, die Lehrer; auch Psychologen – denn es geht um schwierige Fragen: Welche Erinnerung halten wir aus? An welchen Ort passt welches Zeichen? Wichtig ist ein offener Austausch, bei dem es auch verschiedene Meinungen auszuhalten gilt. Die Stadt beruft einen Arbeitskreis ein, in den Gemeinderäte, der Winnender Alfons Koller als künstlerischer Berater, ein Vertreter des Jugendgemeinderats und direkt Betroffene des Amoklaufs berufen werden. Wenn es gelingt, den Weg zum öffentlichen Mahnmal gut zu meistern, kann dies ein Markstein auf dem Weg in die Zukunft sein, ohne die Vergangenheit zu verdrängen.

11. März 2012
Das Regierungspräsidium teilt mit, dass seit dem Amoklauf 135 000 Waffen abgegeben wurden. Die Zahl der registrierten Waffen sei in Baden-Württemberg um rund 15 Prozent zurückgegangen.

Mai 2012
Der Bundesgerichtshof hebt das Urteil gegen Jörg K. auf. Grund: ein Verfahrensfehler – die Verteidigung hatte keine Gelegenheit, eine Zeugin zu befragen, weil sich im Durcheinander ihrer mehrmaligen, widersprüchlichen Aussagen keine Gelegenheit ergab. „Für uns heißt das“, sagt Hubert Gorka, Anwalt von Jörg K.: „Neues Spiel, neues Glück.“ Spiel?! Glück?! Opfer-Angehörige sprechen von einem „schweren Rückschlag“ in ihrer Trauerarbeit.

Rechtsfrieden - 2012 und 2013

14. November 2012
„Herr K. wird zur Sache keine Angaben machen“, erklärt Verteidiger Hubert Gorka zu Beginn des zweiten Amokprozesses – danach blickt der Anwalt auf den ersten zurück und spricht von einem „Unrechtsurteil“.

23. Januar 2013
Das Bundesverfassungsgericht lehnt die Beschwerden von Barbara Nalepa und Juri Minasenko gegen das deutsche Waffengesetz ab: Die bestehenden Regelungen seien nicht völlig unzulänglich, um die Gesellschaft zu schützen. Nalepa und Minasenko legen dagegen Beschwerde vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ein.

1. Februar 2013
Urteil im zweiten Amokprozess – das Gericht spricht Jörg K. erneut der fahrlässigen Tötung schuldig, bestätigt damit den Befund aus dem ersten Prozess und senkt nur die Bewährungsstrafe von 21 auf 18 Monate. Bei der Aufbewahrung von Waffen und Munition sei Jörg K. „schlicht schlampig“ gewesen, es sei „völlig glasklar“, dass er dafür zu verurteilen sei, erklärt Richter Ulrich Polachowski und wird auch sonst deutlich: Als Anwalt Gorka die Entscheidung aus dem ersten Prozess als „Unrechtsurteil“ bezeichnete, „habe ich gedacht, ich bin im falschen Saal“.

7. Februar 2013
Jörg K. legt auch gegen das zweite Urteil Revision ein.

11. März 2013
In der Albertvilleschule wird ein Gedenkraum eingerichtet: 15 Pulte mit den Namen der Getöteten.

April 2013
Jörg K. nimmt die Revision zurück, die Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung ist damit rechtskräftig. „Ein erster wichtiger Schritt zur Herstellung des Rechtsfriedens“, sagt der Waiblinger Rechtsanwalt Jens Rabe, der viele Hinterbliebene und Verletzte vertritt. Nun werden die zivilrechtlichen Verfahren Fahrt aufnehmen: Opfer-Angehörige und Verletzte haben ein Recht auf Schmerzensgeld; die Stadt Winnenden klagt wegen der notwendig gewordenen Schulumbauten auf mehrere Millionen Euro Schadenersatz; die Unfallkasse Baden-Württemberg – sie hat die psychologische Nachsorge für Schüler, Eltern, Lehrer finanziert – will eine Million von Jörg K.; und auch der Vater des Amokläufers klagt: Er fordert vom Klinikum in Weinsberg Schadensersatz in Millionenhöhe, weil Tim K. dort in Behandlung war, ohne dass jemand die drohende Gefahr erkannte. Falls Jörg K. dieses Verfahren gewinne, werde er das Geld für die Entschädigung der Hinterbliebenen einsetzen, sagt ein Anwalt des Vaters. Die zivilrechtliche Aufarbeitung wird sich über Jahre hinziehen mit vielen Treffen hinter den Kulissen, Schriftsätzen und Verhandlungsterminen.

Der Ring - 2014 und 2015

Februar 2014
Die Anwälte von Opfer-Angehörigen und Verletzten einigen sich mit der Haftpflichtversicherung von Jörg K. – die Allianz schüttet rund zwei Millionen Euro Schadensersatz aus. Hier und da gärt eine absurde und völlig unangemessene Neiddebatte auf, als hätten die Betroffenen ein gutes Geschäft gemacht. Abgesehen davon, dass kein Geld der Welt erschossene Menschen zurückbringen kann – die Einzel-Zahlungen für die vielen Betroffenen liegen zwischen 5000 und 100 000 Euro. Reichtümer häuft hier niemand an.

11. März 2014
Ein großer Stahlring, er symbolisiert Gleichlauf, Harmonie und Zusammenhalt des Gemeinwesens. In diesem Ring ist ein Schnitt – das hat der Amoklauf angerichtet. Der Ring aber liegt nicht plan auf dem Boden, er wellt sich: Die Stadt bäumt sich auf unterm Schmerz und mobilisiert ihre Widerstandskraft. Dies ist die Gedenkstätte zum Amoklauf, geschaffen von dem Künstler Martin Schöneich, aufgestellt unweit der Hermann-Schwab-Halle. Wer in den Ring hineintreten will, muss sich zwängen durch den schmalen Riss – Erinnerungsarbeit kann unbequem sein. Aber in dem Ring zu stehen, umgeben von den Namen der Toten, die an der Innenseite angebracht sind, ist ein bewegendes Erlebnis, man spürt da etwas, das sich schwer in Worte fassen lässt: aufwühlend und tröstend zugleich. Es gibt eine Liedzeile des Sängers Leonard Cohen: „There is a crack in everything – that’s how the light gets in.“ Das „Licht“, das durch den „Riss“ strömt: Das ist die Bereitschaft des Gemeinwesens, zusammenzustehen. Die Erinnerung an den 11. März 2009 hat jetzt einen würdigen Platz. Der Vater einer ermordeten Tochter sagt zu Martin Schöneich: „Dieses Kunstwerk drückt aus, wie ich mich fühle.“

14. Dezember 2014
Die Stadt Winnenden einigt sich mit Jörg K. im Streit um Schadensersatz auf einen Vergleich: 400 000 Euro. Dass die Stadt auf einer Zahlung beharrt, ist doppelt richtig. Erstens: Eine Kommune verwaltet das Geld der Bürger treuhänderisch; wenn ein Rechtsanspruch besteht, ist er auch zu verfolgen. Zweitens: Der Vergleich sendet ein gesellschaftliches Signal aus. OB Holzwarth sagt: Vielleicht „geht das – ich sag’s mal in schonungsloser Härte – anderen Waffenbesitzern, wenn es an den Geldbeutel geht, mehr zu Herzen, als allein die Tatsache, dass jemand ums Leben gekommen ist wegen der unzureichenden Aufbewahrung einer Waffe.“

11. März 2015
Viele Hundert junge Leute nehmen an der abendlichen Lichterkette teil. Sie haben das Bedürfnis, alljährlich den Zusammenhalt zu demonstrieren, den sie seit 2009 spüren – und brauchen.

21. Mai 2015
Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte erklärt die Klage von Barbara Nalepa und Juri Minasenko gegen das deutsche Waffengesetz ohne weitere Prüfung, ohne nähere Begründung in einem 18 Zeilen langen Schreiben für unzulässig.

Auf dem Weg - 2016 bis heute

11. März 2016
„Wir blicken darauf, wie schnell menschliches Leid entstehen kann“, sagt der Winnender Oberbürgermeister Holzwarth am Jahrestag. „Wie zerbrechlich Zivilisation ist. Dies betrifft in unendlich größerem zahlenmäßigem und zeitlichem Umfang die Menschen in denjenigen Ländern, wo Kriege oder kriegsähnliche Gewalt und Terror herrschen. Auch an diese Menschen in oder aus Kriegsgebieten, die, wenn sie können, nun als Flüchtlinge unterwegs sind, denken wir daher heute.“

26. April 2016
Das Klinikum Weinsberg ist nicht schadensersatzpflichtig gegenüber Jörg K.: So urteilt das Landgericht Heilbronn. Die Weinsberger haben damit in gewisser Weise gewonnen. Nur: Manche Siege sehen Niederlagen zum Verwechseln ähnlich. Denn das Gericht betont deutlich, dass die Ärzte und Therapeuten „Behandlungsfehler“ begangen haben. Sie haben „nicht ausreichend nachgefragt“, als Tim K. bereits bei seinem ersten Gesprächstermin im April 2008 erzählte, manchmal fühle er einen derartigen „Hass auf die Menschheit“, dass er nicht mehr von der Vorstellung loskomme, Menschen zu „erschießen“. Und: Den Abschlussbericht zur im September 2008 beendeten Behandlung – die schriftliche Expertise also, die den Eltern eigentlich helfen sollte, den Zustand ihres Sohnes richtig einzuordnen – versandte die Klinik erst Ende März 2009; als Tim K. bereits tot war! Warum trotzdem keine Schadensersatzpflicht? Die Richter begründen: Ob der Amoklauf hätte verhindert werden können, wenn die Weinsberger korrekt vorgegangen wären, lasse sich nicht beweisen.

März 2017
Acht Jahre nach der Tat ist die juristische Aufarbeitung des Amoklaufes vollständig abgeschlossen. Letzter Mosaikstein: Jörg K. schließt mit der Unfallkasse Baden-Württemberg einen Vergleich und verpflichtet sich, 500 000 Euro zu zahlen.

11. März 2018
Diesem Amoklauf lässt sich nachträglich kein Sinn zuschreiben, es gibt da nichts zu beschönigen. Aber: Die Angehörigen der Ermordeten, die Lehrer und Schüler der Albertville-Schule, die Menschen in Winnenden haben dem Schrecklichen Gutes entgegengesetzt; haben sich nicht in der Vereinzelung verloren, sondern sind einander beigestanden; haben den Traum wahr gemacht, dass diese Schule eine Zukunft hat; haben beeindruckende Formen des Gedenkens und der Erinnerungskultur gefunden; haben eine Stiftung gegen Gewalt an Schulen gegründet, die der Ohnmacht, Ratlosigkeit, Angst mit Präventionsprojekten, Forschungsarbeiten, Aufklärung antwortet; haben einen Gerichtsprozess erkämpft und durchgestanden – und das Urteil hat Rechtsgeschichte geschrieben. Fortan wird sich niemand, der Waffen fahrlässig verwahrt, im Falle eines Unglücks herausreden können, er habe sich nichts Böses dabei gedacht.

Eine Inschrift im Gedenkraum der Schule: „11. 03. 2009, 9.33 Uhr –“. Warum ist da nichts hinterm Gedankenstrich, warum steht da, wann es anfing, aber nicht, wann es endete? Weil dieses Ereignis „in die Zukunft wirkt“, sagt Schulleiter Sven Kubick. „Wir sind immer noch auf dem Weg.“

Aufbäumen

„Auch ich spüre einen Einschnitt, auch ich bäume mich auf. Nur ist es bei mir so, dass ich manchmal zusammenbreche. Aber dieser Gedenkring gefällt mir sehr.“

Der Vater eines ermordeten Kindes bei der Gedenkfeier 2014 am neuen Mahnmal.

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