Amoklauf Winnenden - 10 Jahre danach „Der Ort, an dem ich nicht gestorben bin“ - Lehrerin erzählt

Die Albertville Realschule zehn Jahre nach dem Amoklauf. Foto: Tantschinez/ZVW

Winnenden. Zwei Kugeln verfehlten Marion Bauer am 11. März 2009, die Lehrerin überlebte diesen Tag und unterrichtet noch heute an der Albertville-Schule. Ein Gespräch über Traumata, die Mühen des Weitermachens und darüber, weshalb sie noch heute gern an dieser Schule unterrichtet.


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Es war der Vormittag des 11. März, sie saß im Wunnebad am Beckenrand auf einer Liege, sah die Badekappen – alte Leute machten Wassergymnastik in der Halle –, ein Kriminalbeamter fragte, was geschehen sei, und während Marion Bauer es ihm berichtete, war ihr, als stehe sie neben sich; sie dachte: Marion, was du dem Mann da grade auftischst, das kannst du doch nicht bringen! Das ist ein Polizist, dem muss man die Wahrheit sagen! Es klang so unfassbar, so unglaublich, was sie sich da sagen hörte, so fremd, dass sie an sich selber zweifelte, an ihrem Verstand. „Noch jetzt in dem Moment“, beim Zeitungsgespräch zehn Jahre später, ertappe sie sich beim Gedanken: „Was du für ein Zeug erzählst!“

Es war kurz nach 9.30 Uhr, sie hörte Lärm, trat aus dem Biosaal auf den Flur, und da stand er, hob den Arm und zielte. Eine Kugel ging über ihren Kopf hinweg in die Wand, eine schlug im Fensterrahmen ein. Sie hastete zurück ins Klassenzimmer und schloss ab. „Ich konnte ganz strukturiert, ganz klar denken. Ich hatte keinerlei Emotion“: Kinder, legt euch auf den Boden, keiner macht einen Muckser. Das war nicht sie, die da handelte, es war ihr Körper, er lief auf Autopilot im Krisenmodus, „das liegt im Stammhirn veranlagt, jedes Reptil hat das“. Sie rief im Sekretariat an: „Hier oben hat einer auf mich geschossen.“ Während sie die Worte aussprach, dachte sie: „Marion, bist du bekloppt? So was passiert doch nicht wirklich.“

Abstand gewinnen

Sie war „eine Rampensau“ gewesen vor dem 11. März: spielte Volleyball, rannte bei Stadtläufen und rockte als Lehrerin die Albertville-Realschule – Schulsanitäterin, Disco-Aufsicht, Projekte, Aktionen. Sie hielt sich manchmal „selbst nicht aus vor Energie“. Nach dem Amoklauf hat jeder gesagt: „Boah, du bist super“, wie du die Gefahr gemeistert hast. Sie ließ sich nicht krankschreiben, machte einfach weiter – „ich krieg Geld, also bring ich auch was“. Sie beschloss: „Ich nehme den Amoklauf an, er gehört zu meinem Leben, ich rede ihn nicht weg“, ich schaffe das. „Ich mach jetzt Trauma-Therapie, dann ist der Drops gelutscht.“ Und Spätfolgen? Klar kann es die geben – aber doch nicht bei mir.

Zwischenzeitlich lebte sie mit ihrem Mann in Italien, durchatmen, Abstand gewinnen, sie schrieb ein Buch und bekam ein Kind. Als sie wieder zurückkehrte nach Winnenden an ihre Schule, fand sie sich verändert. Sie stellte fest: „Die Belastbarkeit ist nicht mehr da.“ Phasenweise war sie „kurz vorm Umkippen“. Noch heute „muss ich haushalten mit meiner Kraft. Früher hätte ich zu so einer Person, wie ich jetzt bin, Weichei gesagt.“

Sie ertappt sich dabei, wie sie ihr Umfeld abscannt nach Gefahren: Hinter ihr geht einer, sie bückt sich, tut, als binde sie sich den Schuh. Geht der Fremde vorüber? Oder hält er inne? Sie steht im Garten und gießt Blumen – über ihr beginnt ein Hubschrauber zu kreisen. Wahrscheinlich sucht er nur einen Verwirrten, der einem Pflegeheim entlaufen ist. Sie hastet ins Haus, sperrt die Tür ab und lässt die Rollläden runter. Sie macht Wellness, lässt sich durchkneten von einer Masseurin, es tut gut – und plötzlich ist da der Gedanke: Die wird mich würgen! Früher riefen sonntags ab 20.15 Uhr niemals Freunde an, denn sie wussten: Marion sitzt vor dem Fernseher. Heute kann sie keinen „Tatort“ mehr schauen. Die meisten Menschen tragen tief in sich eine Kraft, die so verlässlich da ist, dass ihre Präsenz einem gar nicht ins Bewusstsein dringt: Urvertrauen. „Und das ist weg.“

Weitermachen, genau hier: Ein Ja und seine Begründung

War es richtig, genau an diese Schule zurückzukehren und dort noch heute als Lehrerin zu arbeiten? Das „Ja“ auf diese Frage kommt verblüffend schnell, ohne jedes Zaudern.

Neulich gab es einen Fehlalarm: Eine Patientin der nahen Psychiatrie wollte einen Menschen mit einer Schusswaffe gesehen haben. Marion Bauer saß in der Schule und konnte sich nicht mehr bewegen. „Der Körper macht, was er will: Die Beine werden taub, die Finger werden taub“, der Atem rast. Aber niemand sagte zu ihr: Reiß dich zusammen! Niemand sagte: Hab dich nicht so. Denn hier gibt es Kollegen, die verstehen, man muss ihnen nichts erklären. Die Spätfolgen, die in ihr spuken, werden „total“ anerkannt, auch die Schulleitung ist „ganz arg lieb. Das ist schön. Das tut gut und entlastet. Dieses Haus gibt mir eine gewisse Ruhe.“

„Bauerpower“

Eine neue Schule, das hieße: fremde Wege, fremde Menschen; Unsicherheit. Anfangs würden die Kollegen bestimmt behutsam reagieren, falls sie mal „am Rad drehen“ sollte: Ach, die arme Neue, sie war damals in Winnenden, schlimm muss das gewesen sein. Aber irgendwann, beim zweiten, dritten, fünften Panikschub, „müsste ich mich rechtfertigen“. Jetzt ist aber mal gut, würde es heißen – da kreist bloß ein Hubschrauber, und sie ist durch den Wind? Also, bei allem Verständnis ...

Sie hat „liebe Schüler“ hier, „die einem jeden Tag versüßen“: Sie lässt die Kinder nah an sich ran, und „da kommt auch viel zurück“. Es macht „immer noch Spaß, mit ihnen zu arbeiten“. Sie versucht ihnen beizubringen: „Wisst ihr, wie kostbar das überhaupt ist“, was ihr habt? „Schätzt es“ und macht was draus! Viele Schüler verstehen das genau. „Bei manchen muss man mehr dran arbeiten. Und das mache ich gern.“ Sie sagt ihnen: „Wenn ich dir Ärger mache, dann, weil ich dir helfen will.“

An die Wand beim Biologie-Saal hatte lange vor dem Amoklauf ein Schüler ein Wort gekritzelt: „Bauerpower“. Ein anderer hatte ein Herzchen danebengemalt. Genau „in dieser Wand ist eine Kugel, die für mich bestimmt war, gelandet“. Es ist fast, als hätten die Zuneigungsbezeugungen der Schüler das Projektil abgelenkt und die Lehrerin behütet. Wenn sie heute dort steht, bekommt sie kein Herzklopfen, keinen Schweißausbruch. Dies ist „keine Stelle der Angst“. Es ist der Ort, wo „ich nicht gestorben bin“.

Ein Grundsatz

Niemand muss sich hier rechtfertigen für Gefühlslagen. Werner Klingel, Lehrer an der Albertville-Schule, über den Zusammenhalt im Kollegium seit dem 11. März 2009.

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