Amoklauf Winnenden - 10 Jahre danach Der Wunsch nach ungestörter Trauer

Ein Fenster der Albertville-Realschule nach der Tat. Foto: Bernhardt / ZVW

Winnenden. Zwei Stunden, nachdem Eltern aus Leutenbach die Nachricht vom Tod ihrer Tochter erhalten haben, steht der erste Reporter vor der Tür, stellt sich nicht vor, kondoliert nicht, sondern fragt nur: „Besitzen Sie Bilder von Ihrer Tochter? Hatte Ihre Tochter einen Freund?“ Und es bleibt nicht bei einem Besucher. Winnenden steht auch als Synonym für einen Amoklauf der Medien und das Versagen vieler Journalisten beim Opferschutz.


Die gesamte Berichterstattung und unser Archiv finden Sie hier.


Nach einer Katastrophe wie dem Amoklauf von Winnenden sind innerhalb kürzester Zeit unzählige Journalisten aus der ganzen Welt vor Ort. Viele von ihnen wollen nur das eine: Opfergeschichten. Tagelang klingelt es deshalb weiter an der Haustür oder am Telefon der Eltern. Die Gier nach der Opfergeschichte ist wichtiger als der Respekt vor der Trauer einer Familie, die ihr Kind verloren hat und die in dieser Situation keine Interviews geben will.

Opfergeschichten: Ein unreflektiertes Ritual

Den traurigen Standard für den Umgang mit den Opfern einer Katastrohe hat im Jahr 2000 der damalige Bild-Chefredakteur Udo Röbel beim Absturz der Concorde gesetzt. Die Zeitung veröffentlichte auf der Titelseite die Bilder deutscher Todesopfer - mit der zynischen Begründung, der Tragödie ein menschliches Gesicht zu geben. Daraus hat sich ein unreflektiertes Ritual entwickelt, das nach Katastrophen immer nach dem gleichen Schema abläuft: Opferfamilien bedrängen, Bilder aus trüben Quellen beschaffen und veröffentlichen - ohne Rücksicht auf die Folgen. Das war in Winnenden im März 2009 so und das passiert auch heute noch.

Die Polizei in Winnenden hat in den ersten Tagen nach dem Amoklauf mit einer Streife die Häuser von Opferfamilien vor zudringlichen Medienvertretern schützen müssen. Die tagelange Belagerung durch Journalisten an der Albertville-Realschule, dem Ort, an dem Menschen trauern wollten, in der Winnender Innenstadt oder am Wohnort des Attentäters wurde von vielen Menschen als belastend und respektlos empfunden. Die Stimmung vor Ort dokumentierte die Titelseite der Winnender Zeitung vom Samstag, 14. März 2009, mit der Zeile: „Lasst uns in Ruhe trauern“. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit.

Trotz Verbot: Fotos über die Friedhofsmauer

Doch der Wunsch, in Ruhe trauern zu können, wurde dreist missachtet. Drei Tage nach dem Amoklauf war die erste Beerdigung in Winnenden. Das NDR-Medienmagazin „Zapp“ hat damals das Verhalten von Journalisten öffentlich dokumentiert. Es gab ein Fotografierverbot rund um den Winnender Stadtfriedhof. Außerhalb der Bannmeile hatten sich Fotografen auf ihren Autos postiert, in Apartments eingemietet oder gegen Bezahlung Balkone benutzt, um Bilder von der Beerdigung zu machen.

Vor den Beerdigungen in Leutenbach hat die Gemeinde Anwohner des Friedhofes angesprochen, um zu verhindern, dass Balkone an Fotografen vermietet werden. In fast allen Gemeinden wurden vor weiteren Beerdigungen von Opfern des Amoklaufes sogenannte Allgemeinverfügungen gegen die Berichterstattung in Wort und Bild erlassen - zum Schutz der Trauernden. Fotos wurden damit trotzdem nicht verhindert, auch deutsche Nachrichtenagenturen haben sie verbreitet.

Winnenden steht ebenfalls für das Bedrängen schwer traumatisierter Menschen, darunter viele Minderjährige. Eine typische Fernsehfrage lautete: „Wie hast du dich gefühlt, als im Klassenraum deine Mitschüler erschossen wurden?“ Dabei wurde mit Geldbeträgen nachgeholfen, niedrige zwei- bis dreistellige Summen, berichten viele Winnender. Den höchsten Betrag mit 8000 Euro bot nach Polizeiangaben ein chinesischer Fernsehsender einem verletzten Schüler, der im Krankenbett seine Wunde zeigen und seine Geschichte erzählen sollte. Der Junge hat das Angebot abgelehnt.

Traumatisierte Menschen brauchen Hilfe und keine Kameras

Es gibt einen weiteren Grund, warum Journalisten traumatisierte Menschen in Ruhe lassen sollten: Traumatisierte Menschen sind keine zuverlässigen Quellen. Denn der Prozess der Traumatisierung beeinträchtigt die Wahrnehmung. Das ist ein Grund dafür, dass nach dem Amoklauf von Winnenden viele Geschichten erzählt wurden, die tatsächlich nie so passiert sind. Zum Beispiel, dass der Täter einen Kampfanzug trug.

Nach dem Ende der Belagerung Winnendens durch die Medien geisterten besonders unter jungen Menschen viele blutrünstige Geschichten über den vermeintlichen Hergang des Amoklaufes. Journalisten hätten viele Zeugen gefunden, die diese Geschichten bestätigt hätten. Unsere Redaktion hat diese Erzählungen gesammelt, aber nicht veröffentlicht. Die Redakteure haben sie dann, als der vorläufige Ermittlungsbericht vorlag, abgeglichen mit der Rekonstruktion der Ereignisse durch die Polizei. Das Ergebnis: Auch diese Geschichten sind real nie passiert.

Wir müssen nicht alles wissen und wir müssen nicht alles zeigen

Unsere Berichterstattung hat zu unserer eigenen Überraschung bundesweit Beachtung gefunden. Das lag an den emotionalen Titelbildern in der ersten Woche nach dem Amoklauf und an unserer redaktionellen Linie: Wir müssen nicht alles wissen, wir müssen nicht alles schreiben und wir müssen nicht alles zeigen - und können trotzdem eine gute Zeitung machen. Wir wollen nicht, dass die Opfer ein zweites Mal zum Opfer werden - diesmal durch die Berichterstattung der Medien.

Wir haben nicht über Beerdigungen berichtet. Wir haben unmittelbar nach dem Amoklauf keine Opfer-Fotos gezeigt und von uns aus keine Opfer-Familien angesprochen. Denn wir wollen aufklären und nicht mit schaurigen Geschichten unterhalten. „Über was haben Sie dann berichtet?“, hat mich eine Kollegin einmal etwas entgeistert gefragt. Die Antwort: Die Winnender Zeitung hat im März 2009 insgesamt 138 Seiten zum Thema Amoklauf und seinen Folgen veröffentlicht. Dabei ging es um das Täterprofil, die Frage nach der Verantwortung für die Tat, die Hilfsangebote für die Menschen in der Region oder um die Konsequenzen für unsere Gesellschaft, etwa beim Waffenrecht und beim Umgang mit Killerspielen.

Notwendig sind neue Maßstäbe für die Berichterstattung

Wir brauchen Regeln für die Berichterstattung, die über die allgemeinen Grundsätze des Pressekodexes hinausgehen. Dies ist erstmals zum ersten Jahrestag des Amoklaufes versucht worden. Jeder Journalist, der sich für die Berichterstattung akkreditiert hatte, erhielt eine „Stellungnahme der Psychologischen Nachsorge“. Die Psychologische Nachsorge hat in Winnenden traumatisierte Schüler, Eltern und Helfer betreut.

„Fotos, Berichte und Informationen zu Ereignissen wecken bei allen Menschen Erinnerungen an die Vergangenheit, auch an belastende und schmerzliche Erfahrungen“, heißt es in dem Papier. „Unser Ziel ist es, den Betroffenen und ihren Angehörigen den Schutzraum zu gewähren, den sie benötigen, um den Genesungsprozess fortsetzen zu können. Der Respekt vor der Würde des Menschen erfordert, die Betroffenen nicht erneut durch Bedrängnis von außen mit der belastenden Situation zu konfrontieren. Wir möchten, dass die Menschen in Winnenden in Ruhe trauern können.“

Acht wichtige Regeln für Journalisten

Dann folgen in dieser Erklärung acht Regeln für die Berichterstattung - in der Form von Bitten:

  •   „Halten Sie bitte Abstand zu Menschen, die trauern.
  •   Zeigen Sie bitte Respekt und bedrängen Sie die trauernden Menschen nicht.
  •   Akzeptieren Sie bitte ein „Nein“; akzeptieren Sie Ruhe- und Rückzugsbedürfnisse.
  •   Achten Sie bitte die Privatsphäre der Betroffenen und der Anwohner. Belagern Sie keine Häuser und Schulen.
  •   Bitte rufen Sie nicht ohne Erlaubnis Betroffene einfach zu Hause an.
  •   Fotografieren und filmen Sie bitte nicht die Gesichter von Menschen, die weinen.
  •   Befragen Sie bitte keine Minderjährigen.
  •   Fragen Sie bitte nicht nach dem persönlichen Erleben beim Amoklauf, weil dadurch die traumatischen Erfahrungen wiederbelebt werden. Außerdem kann dadurch der therapeutische Prozess bei den Betroffenen wieder zurückgeworfen werden.“

Es ist ganz einfach: Richte keinen Schaden an

Man kann diese Regeln noch einfacher formulieren: Journalisten sollten mit ihrer Berichterstattung über Unglücksfälle, Schwerverbrechen oder Amokläufe keinen Schaden anrichten. Wie kann man aber dieses Ziel in die journalistische Praxis umsetzen? Damit haben wir uns in den vergangenen zehn Jahren intensiv beschäftigt.

Wichtig ist dabei, sich ausreichend Zeit zu nehmen und über das eigene Handeln nachzudenken. Ein Beispiel dafür sind die Erinnerungen an die Opfer des Amoklaufes, die wir zum ersten Jahrestag 2010 veröffentlicht haben. Dazu haben wir uns vorab Regeln gegeben:

  •  Die Biografien erscheinen nur, wenn die Angehörigen zustimmen.
  •  Es gibt in der Regel nur eine indirekte Kontaktaufnahme.
  •  Jedes „Nein“ wird akzeptiert, niemand wird überredet.
  •  Alle Texte und Fotos werden mit den Angehörigen abgestimmt.
  •  Die Geschichten erscheinen in der Zeitung, nicht im Internet.
  •  In der Zeitung wird ausführlich erklärt, wie die Texte entstanden sind.
  •  Die Biografien erscheinen in der Mitte eines Zeitungsbuches und werden auf der Titelseite angekündigt, damit Menschen, die dies nicht lesen wollen und können, nicht unvermittelt auf diese Geschichten stoßen.
  •  Elf Familien haben sich vor neun Jahren daran beteiligt, ein Vater hat selber einen bewegenden Text geschrieben.

Wir haben in den Folgejahren einen Ethik-Katalog für Print und Online entwickelt, der sich an die Regeln der Psychologischen Nachsorge anlehnt. Klare Leitplanken für die eigene journalistische Arbeit sind wichtig, weil gerade die Berichterstattung im Internet uns vor große Herausforderungen stellt.

Die Beschleunigung des Nachrichtenstroms darf nicht zulasten von Genauigkeit und Opferschutz gehen. Und die Diskussion darüber ist bis heute nicht beendet. Denn auch wir machen nicht alles richtig, auch wir machen Fehler und wir müssen die Grenzen unserer Arbeit immer wieder neu definieren.

Eines ist aber klar: Opferschutz und Aufklärung gehören zusammen. Und beides ist möglich.

(Der Text ist die erweiterte Fassung eines Vortrages, den ich 2016 in der Akademie für Politische Bildung in Tutzing gehalten habe.)
 

Zwei-Klassen-Recht

Nach dem Amoklauf in Winnenden sind in vielen Zeitungen und Magazinen Bilder von getöteten Schülerinnen und Schülern erschienen, in den meisten Fällen gegen den Willen der Eltern. Selbst eine deutsche Nachrichtenagentur hat solche Porträt-Bilder verkauft.

Diese Fotos stammen oft aus trüben Quellen. Eine davon war der Schulfotograf der Albertville-Realschule, der nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft Bilder aus seinem Fundus über einen Rechtsanwalt verkauft hatte. Doch Fotos von minderjährigen Schülern sind keine freie Handelsware, über die bedenkenlos verfügt werden kann.

Das Verfahren gegen den Fotografen wurde eingestellt. Damit wurde eine Chance vertan, den Schutz von Opfern über Gerichtsurteile zu verbessern.

Leider gibt es in Deutschland de facto ein Zwei-Klassen-Presserecht. Prominente sind nach den Urteilen, die Prinzessin Caroline von Monaco in den vergangenen Jahren gegen die Boulevard-Presse durchgesetzt hat, inzwischen in ihrer Privatsphäre gut geschützt. Für Verbrechensopfer gilt dies immer noch nicht.

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