Amoklauf Winnenden - 10 Jahre danach Die Ängste haben sich tief eingenistet

Pia Sellmaier. Foto: Alexandra Palmizi

Leutenbach. „Mal fühlt sich das Ereignis ganz nah an, manchmal weit weg. Ich war ja noch so klein“, sagt die heute 18-jährige Pia Sellmaier aus Weiler zum Stein. Sie besuchte vor zehn Jahren noch die Grundschule. Doch eine der beim Amoklauf ermordeten Schülerinnen war ihre Freundin und Spielgefährtin – die Familien wohnten bis 2009 im gleichen Haus.


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Der Verlust schmerzt Pia Sellmaier bis heute. Zu Hause bewahrt sie die Schreibtischschublade des Mädchens auf – sie durfte sie mitnehmen, als ihre Familie im gleichen Jahr innerhalb des Orts umzog. „Ich hole sie immer wieder hervor, denke an die Freundin.“ Früher ist Pia Sellmaier deshalb auch oft auf den Friedhof gegangen, „doch ich will das nicht mehr, dort denke ich immer an den Tod“. Enorm wichtig sind ihr jedoch die Gedenkveranstaltungen am 11. März, morgens am „gebrochenen Ring“ und abends bei der Lichterkette des Jugendgemeinderats. „Ich finde, das setzt ein Zeichen, dass die Ermordeten nicht vergessen sind.“

In Pia Sellmaier hat sich ein Gefühl der latenten Bedrohung tief eingenistet. „Rückt der Jahrestag näher, werden die Ängste mehr“, sagt die 18-Jährige. „Ich habe längst nicht das erlebt, was die Schüler in den betroffenen Klassen erleben mussten. Dennoch belastet es mich. Ich kann in meinem Klassenzimmer und in manchen anderen Räumen nicht in Türnähe sitzen, erschrecke, wenn es klopft, und schaue mich um, wenn ich in der Schule aufs Klo oder auf den Bahnhof gehe.“ Noch ein gutes Jahr ist Pia Schülerin. In der siebten Klasse hatte sie vom Lessing-Gymnasium auf die Geschwister-Scholl-Realschule gewechselt und macht 2020 ihr Abitur im sozialwissenschaftlichen Gymnasium in Backnang.

Ein Filmschuss löst Albträume aus

Ihre Freundinnen wissen, dass sie Horrorfilme nicht ansehen kann und Schlafstörungen und Albträume bekommt, wenn in einem Spielfilm ein Schuss fällt – „sie sagen, dass das Ereignis etwas an mir verändert hat“. Die Hilfe eines Psychologen wollte Pia aber bisher nicht. „2009 hatte ich einen Termin, bin dann aber doch nicht hin. Ich rede mit meinen Freunden darüber. Sie sind mir das Wichtigste. Ich mache viel mit ihnen und fahre auch mit ihnen in Urlaub.“

Beim SV Hegnach spielt sie Fußball in der Oberliga, im Sturm. „Ich lege lieber vor, als dass ich selbst Tore schieße“, sagt Pia Sellmaier lächelnd. „Mein Papa war der Trainer, als ich mit vier Jahren begonnen habe.“ Sie wurde richtig gut, war bis vor zwei Jahren in der Junioren-Bundesliga, wechselte aber in der Prüfungszeit den Verein. Mit Fußball und dem Ereignis vom 11. März ist auch das ehrenamtliche Engagement ihrer Eltern stark verwoben: „Sie organisieren seit zehn Jahren den Freitagskick und das Benefizfußballturnier für den Förderverein der Stiftung gegen Gewalt an Schulen.“ Ihr Vater Tobias Sellmaier ist außerdem dessen Vorsitzender. „Ich finde es richtig gut, dass er sich so viel Mühe gibt. Es macht mich stolz, dass er dranbleibt.“

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