Amoklauf Winnenden - 10 Jahre danach Einmalig: Die Stiftung gegen Gewalt

Kuratoriumsmitglieder der Stiftung gegen Gewalt an Schulen: Bernd Carstensen (stellvertretender Vorsitzender des Kuratoriums), Rosemarie Gimbel-Ruess, Andreas Söltzer (Vorsitzender des Kuratoriums), Gisela Mayer (Vorstandsvorsitzende der Stiftung), Doris und Dieter Kleisch, Dirk Bloksma (Vorstand der Stiftung) und Tobias Sellmaier. Foto: Palmizi Foto: Palmizi / ZVW

Winnenden. Der gebogene Stahlring im Stadtgarten sagt es: Winnenden bäumt sich auf gegen den Amoklauf. Ein Zentrum dieses Aufbäumens ist die Stiftung gegen Gewalt an Schulen. Vor zehn Jahren, an den ersten Tagen nach dem Amoklauf, haben Eltern der ermordeten Kinder bei einem Treffen im Pfarrhaus von Weiler zum Stein beschlossen, dass sich diese Tat nicht wiederholen darf. Das war der Anfang eines Jahr für Jahr wachsenden Projekts.


Die gesamte Berichterstattung und unser Archiv finden Sie hier.


„Warum sind unsere Kinder getötet worden? Wie konnte so etwas geschehen? Was können wir tun, damit sich das nicht wiederholt?“ Mit diesen Fragen befassten sich die Eltern. „Wir haben uns zusammengeschlossen, um aktiv zu werden“, erzählt Gisela Mayer, Mutter der beim Amoklauf ermordeten Referendarin Nina Mayer, und die treibende Kraft in der Stiftung gegen Gewalt an Schulen. Sie nannten sich Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden und ihre erste Aktion war ein offener Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel und den Bundestag. Eine Unterschriftensammlung gegen Gewaltspiele folgte. Die Eltern fanden Gehör, weil sie sich zusammengetan hatten, weil sie klare Worte fanden und weil sie schnell kompetente und solidarische Mitstreiter an ihrer Seite hatten.

Der Kriminalist: Fachmann fürs Waffenrecht

Einer der ersten war der heute 66-jährige Bernd Carstensen aus Kronshagen bei Kiel, der damals Kriminalhauptkommissar und stellvertretender Vorsitzender des Bunds Deutscher Kriminalbeamter war. Von Journalisten und Politikern war er um eine kriminalistische Analyse zum Amoklauf gebeten worden, weshalb er nach Winnenden fuhr und mit Eltern sprach, bei Treffen dabei war und viel mit Hardy Schober und Gisela Mayer besprach. Das Ergebnis all seiner Gespräche und Analysen war: Die Waffengesetze müssen verschärft werden. Der Bund Deutsche Kriminalbeamter stellte sich an die Seite der Eltern von Winnenden. Carstensen verbreitete die Forderungen in Berlin, vermittelte Gesprächstermine und stand selbst mit seinem Fachwissen für die Winnender Forderungen gerade.

Das Leid der Eltern und die Überzeugung, dass er mit ihnen ein gemeinsames Ziel hat, hat ihn an Winnenden gebunden. Ohne Unterbrechung arbeitet dieser Kriminalist mit große Empathie für die Angehörigen der Ermordeten im Aktionsbündnis und in der Stiftung mit, in deren Kuratorium er stellvertretender Vorsitzender ist. Er blickt mit besonderer Intensität auf das Waffenrecht, ist froh, dass die Kontrollen verstärkt wurden, und weiß vor allem: „Das geschieht nicht nur in Baden-Württemberg, das ist in ganz Deutschland so. Ich weiß es sehr genau aus Schleswig-Holstein.“ Zwei mal im Jahr kommt Carstensen nach Winnenden, und das ganze Jahr über hält er Kontakt zum Stiftungsbüro in der Wallstraße.

Gründung 2009: Gisela Mayer ist Vorsitzende

Gegründet wurde die Stiftung gegen Gewalt an Schulen am 18. November 2009 als selbstständige kirchliche Stiftung. Am 9. Februar 2010 wurde sie offiziell mit Urkunde vom Kultusministerium anerkannt. Seither hat sie sich verändert, wurde größer und gefragter. Der Name Aktionsbündnis ist in den Hintergrund getreten. „Stiftung gegen Gewalt an Schulen“ steht weiter vorne. Die anfangs verbündeten Eltern sind zum Großteil ihre eigenen Wege gegangen. „Jeder trauert auf seine Weise“, sagt die Vorstandsvorsitzende der Stiftung, Gisela Mayer, „es gibt kein richtig oder falsch. Und wir freuen uns, wenn wir uns sehen, zum Beispiel beim Neujahrsempfang der Stadt.“

Das Aktionsbündnis fand Gehör in Stuttgart und Berlin. Politiker sind froh, organisierte Ansprechpartner zu haben, die es bei ähnlichen Ereignissen so nicht gab. Das Ergebnis allen Gehörtwerdens in der Politik fasst Gisela Mayer so zusammen: „Viel versprochen – Manches gehalten.“

Eigene Projekte: Wie verhindert man Schulmassaker?

Den Winnender Eltern und ihren Mitstreitern wurde bewusst: Sie müssen selbst etwas dafür tun, dass Gewalt an Schulen begegnet wird. „Wir haben eigene Projekte entwickelt, haben die Gewaltprävention selbst in die Hand genommen“, sagt Gisela Mayer. Am Anfang stand ein Klassenzimmer-Theaterstück mit Handpuppen, in dem Schüler selbst mitspielen durften und die Puppen reden ließen. Daraus entwickelte sich mehr. „Wir haben uns selbst gefragt: Wie entsteht Gewalt? Welche Worte sind verletzend?“ Das Theaterstück dazu hieß dann „War doch nur Spaß“ – eine beliebte Floskel, die noch etwas retten soll, wenn einer den anderen durch Sprache verletzt hat. „Der Erfolg hat uns überrascht, offensichtlich haben wir damit einen wesentlichen Punkt getroffen“, sagt Mayer. Von 2012 bis 2018 waren alle angebotenen Aufführungen gebucht. Jetzt hat die Stiftung es auslaufen lassen.

Montagstreffen: Wie sich die Stiftung organisiert

2015 verlor die Stiftung einen Mitgründer und Motor der Stiftungsarbeit: Hardy Schober, dessen Tochter Jana beim Amoklauf getötet wurde, hatte lange und mit großer Leidenschaft gegen Waffen Gesetze gekämpft und um Spenden geworben, damit die Präventionsarbeit finanziert werden kann, hat sich aber 2015 zurückgezogen. Der 51-jährige Unternehmer Dirk Bloksma, vor zehn Jahren Elternsprecher einer Winnender Schule, und seither in der Stiftung aktiv, hat Schobers Position eingenommen. Er bringt seinen Unternehmergeist ein, organisiert, koordiniert und sucht nach Gönnern und Sponsoren. „Inhaltlich kann ich nicht unterstützen. So viel wie Gisela Mayer verstehe ich nicht davon. Aber ich kann die Organisation mitgestalten. Wir treffen uns jeden Montag und gehen offene Posten durch. Dann sind die Aufgaben für die Woche abgesprochen. Gisela kriegt ein Feedback und erfährt, wo wir sie brauchen.“

Sie, die studierte Philosophin und praxiserfahrene Lehrerin, wird gebraucht, auch wenn sie mittlerweile weit entfernt von Winnenden wohnt und nicht mehr jede Woche zur Stiftung kommt. Vier Stunden am Tag arbeitet sie immer noch für die Stiftung, meist von 20 bis 24 Uhr. Sie telefoniert, organisiert und konzipiert. Mit ihr haben die Vorstände und das Kuratorium eine neue Struktur entwickelt, neue Projekte zur Gewaltprävention an Schulen gestartet. „Haltung zählt“, ist eines davon. „Da geht es um die innere Haltung zu Gewalt.“ Hauptsächlich umgesetzt wird es von unserer Fachkraft Lars Groven. Es gibt ein interaktives Theaterstück für Kinder und Jugendliche. Schauspieler spielen eine Szene, die kurz vor der Eskalation stehen bleibt. Schüler sagen dann, was die Schauspieler jetzt spielen sollen. „Dieses Stück ist unendlich nachgefragt“, sagt Mayer, „wir könnten noch zwei weitere Trainer fest anstellen, wenn es nach dem Bedarf ginge. Es fehlt nur das Geld dafür.“

Wenn es brodelt: Schüler können die Stiftung anrufen

Seit fünf Jahren bietet die Stiftung ein Akrobatikprojekt an. Pädagogen bauen mit Pyramiden Vertrauen auf. Schüler üben, ihren Platz zu finden, sich auf andere zu verlassen, ohne dass jemand groß drüber reden würde. Unendlich groß sei Nachfrage.

Die Stiftung hat eine Bibliothek aufgebaut, die alles beinhaltet, was zum Thema Schulmassaker bekannt wurde, alle Bücher zu Winnenden, alle wissenschaftlichen Erklärungsversuche zu Tätern, zur Entstehung von Gewalt zur Prävention und zum Waffenrecht, einfach alles.

Die Arbeit der Stiftung überzeugt viele, die vor zehn Jahren direkt mit den Folgen des Amoklaufs zu tun hatten. Jüngstes Beispiel ist der Stuttgarter IHK-Hauptgeschäftsführer Johannes Schmalzl, der damals Regierungspräsident war und die Landeshilfen für Winnenden koordinierte. Vor wenigen Wochen trat er dem Kuratorium der Stiftung bei und arbeitet jetzt regelmäßig mit: „Ich bin dabei, weil mich diese Aufgabe absolut überzeugt“, bekannte er im Interview mit ZVW-Online. Damals und heute beschäftigt ihn die Frage: „Was müssen wir tun, damit unsere Schulen sicherer werden?“

Was machen Schüler, wenn sie das Gefühl haben, es brodelt? Ein Mitschüler benimmt sich unheimlich? Sie können bei der Stiftung in Winnenden anrufen und sich beraten lassen. Telefonnummer: 07195-589570. „Es sind immer die Jugendlichen, die etwas mitkriegen. Lehrer weniger“, sagt Mayer. Fachleute wie Britta Bannenberg gehören zum Netzwerk dieser Beratungsaktion. „Dadurch ist bundesweit an verschiedenen Stellen schon Schlimmeres verhindert worden“, sagt Mayer.

Es sind viele solcher kleinen Signale, die ahnen lassen, dass die Stiftung wirkt. Seit 11. März 2009 hat sich in Deutschland kein Schulmassaker der Winnender Dimension mehr ereignet. Seitdem die Stiftung existiert, arbeitet sie gegen Gewalt an Schulen.

10 Jahre nach dem Amoklauf in Winnenden: Die Stiftung


Mehr Projekte

Außer den genannten Projekten trainiert Gisela Mayer an der Deutschen Journalistenschule in München Journalisten im Umgang mit traumatisierten Menschen. Ein Lehrbuch ist erschienen.

Lars Groven, der Trainer der Stiftung, führt Gespräche mit Jugendlichen, die wegen ihrer Gewaltneigung aufgefallen sind.

Kuratorium der Stiftung: Andreas Söltzer, Vorsitzender; Bernd Carstensen, stellvertretender Vorsitzender; Dekan Timmo Hertneck kraft Amtes, die Weiler Pfarrerin Rosemarie Gimbel-Rueß kraft Amtes, Andreas Bühler, Landtagsabgeordneter Willi Halder, Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth, Dieter und Doris Kleisch, Rektor Sven Kubick, Gerd Mayer, Johannes Schmalzl, Tobias Sellmaier.

  • Bewertung
    7

Heute in Ihrer Tageszeitung

  • Waiblinger Kreiszeitung
  • Schorndorfer Nachrichten
  • Winnender Zeitung
  • Welzheimer Zeitung
Lust auf mehr?

Lesen Sie Ihre Zeitung immer und überall digital: Hier ePAPER-Angebote entdecken!