Amoklauf Winnenden - 10 Jahre danach Fast nicht zu finden: Eine Therapie für Kinder

Warum geht es mir so schlecht? Manchmal brauchen Kinder die Hilfe von Therapeuten. Doch wer im Rems-Murr-Kreis einen Kinder- und Jugendpsychotherapeuten sucht, steht vor fast unlösbaren Problemen. Foto: RFBSIP - stock.adobe.com

Waiblingen. Manchmal braucht die Seele Hilfe. Immer mehr Kinder und Jugendliche leiden unter psychosomatischen Beschwerden, unter Depressionen und anderen Erkrankungen. Doch beim Versuch, dem Kind die Hilfe zu geben, die es braucht, geraten die Eltern oft in größte Not. Therapeuten? Freie Behandlungszeiten? Fehlanzeige. Auch noch zehn Jahre nach dem Amoklauf von Winnenden.

Vor mehr als zehn Jahren, als Winnenden noch eine Stadt ohne großes Unglück war, lebte dort in der Nähe ein Jugendlicher, der merkte, dass er Hilfe brauchte. Der Jugendliche – später wurde er als Tim K. und als jener 17-Jährige in den Medien bekannt, der beim Amoklauf von Winnenden und Wendlingen 15 Menschen erschossen hatte – kam nach Weinsberg in die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Er berichtete dort von heftigen Stimmungsschwankungen, erzählte von seinem Alleinsein und offenbarte, dass bisweilen schlimme Gedanken in ihm kreiselten: Er habe einen Hass auf die ganze Menschheit, er wolle alle umbringen.

In einem Abschlussgespräch im September 2008 empfahl die Weinsberger Psychiaterin, Tim K.s Probleme nicht auf sich beruhen zu lassen, der Junge solle eine ambulante Behandlung anfangen, in den therapeutischen Prozess sollten auch die Eltern einbezogen werden. Aber dazu kam es nie. Die Folgen waren die schrecklichsten, die ein Mensch sich nur denken kann.

Ein mitleidiges Lächeln: Es haben schon so viele gefragt

Und heute? Eine Mutter rennt in ihrem Dorf ein Treppenhaus hoch. Arztpraxen sind hier untergebracht. Und, das hat die Mutter gehört, seit neuestem gibt’s hier eine Psychotherapeutin. Die Mutter klingelt, wartet. Irgendwann öffnet sich die Tür. Allerdings nur einen Spalt – Psychotherapie braucht Diskretion. Sie habe gehört, dass diese Praxis neu aufgemacht habe, sagt die Mutter. Ob die Therapeutin denn auch Kinder behandle? Die Mutter bekommt ein sehr mitleidiges, ein sehr hilfloses Lächeln zu sehen. Nein, sagt die Therapeutin, Kinder behandle sie nicht. Und es hätten schon so, so viele danach gefragt.

Die direkte, ganz schnelle Hilfe funktioniere, so ist es allenthalben aus Schulen zu hören, sehr gut. Überall gibt es inzwischen Schul-Sozialpädagogen, die mit Terminen einspringen, wenn es im Zwischenmenschlichen brennt. Sie nehmen sich Zeit, auch für Einzelgespräche, sogar für mehrere, wenn es sein muss.

Beratungslehrer helfen bei der Bewältigung von Schulschwierigkeiten. Bei Konzentrationsschwierigkeiten oder fehlender Motivation sind sie Ansprechpartner. Wer sich nicht sicher ist, ob die Fähigkeiten des Kindes beim Lesen, Schreiben und Rechnen dem Alter entsprechend sind, kann das beim Beratungslehrer testen lassen. „Auffälligkeiten im Verhalten von Schülerinnen und Schülern und Schulschwierigkeiten treten nicht isoliert auf, sondern entwickeln sich in der Wechselwirkung zwischen Schülerpersönlichkeit, Elternhaus, Lehrer, Beziehung zu den Mitschülern und schulischer Organisation“, heißt es auf der Homepage des Regierungspräsidiums Stuttgart. Und: Man solle die Beratung bei der Bewältigung von Schulschwierigkeiten möglichst frühzeitig in Anspruch nehmen.

Hilfe an der Schule?

Jede Schule hat üblicherweise einen Beratungslehrer, der oft nicht aus dem eigenen Kollegium kommt. Damit sollen Distanz und Diskretion gewahrt und Voreingenommenheit verhindert werden. Beratungslehrer werden von den Schulpsychologen der Schulpsychologischen Beratungsstelle ausgebildet. Doch sie können, anders als Psychologen und genauso wenig wie Schul-Sozialpädagogen, keine Therapie anbieten.

Wenn aber wirklich und tatsächlich eine Therapie – meistens geht es um eine Verhaltenstherapie – notwendig ist, wird es schwierig. Immer noch und zehn Jahre nach dem Amoklauf von Winnenden.

Die Psychologen der Schulpsychologischen Beratungsstelle in Backnang sind für alle Schulen im Kreis zuständig. Dorthin wenden sich Eltern, wenn die Probleme massiver werden. Hier wird getestet, wenn ADHS oder eine Lese-Rechtschreib-Schwäche im Raum steht. Hat das Kind Schulangst oder verweigert die Teilnahme am Unterricht ganz, steht womöglich ein Suizid im Raum, dann sind die Schulpsychologen zuständig. Wer dorthin will, füllt einen Anmeldebogen aus und bekommt einen Termin. Wartezeit im guten Fall: zwei Wochen. In Zeiten, in denen bei allen der Druck steigt – Zeugnisse sind meist solch ein Auslöser: sechs Wochen. Oder gar mehr?

Die Schulpsychologen springen mit Überbrückungsterminen ein

Die Schulpsychologen klären die Umstände ab: Wo liegt das Problem? Was kann helfen? Muss eine Therapie folgen? Selbst therapieren die Schulpsychologen aber eigentlich nicht. Das Wörtchen „eigentlich“ besagt schon: Hier gibt’s einen Haken. Nämlich die schiere Unmöglichkeit, Therapieplätze zu finden. Darum springen die Schulpsychologen mit Überbrückungsterminen ein. Es gebe kein Limit, sagt Silke Fritz. Sie meint damit die Anzahl der Überbrückungstermine. Personell gibt’s dagegen freilich unüberwindbare Grenzen.

In dieselbe Bresche springen die Psychologen der drei Beratungsstellen für Kinder, Jugendliche und Familien des Kreisjugendamtes in Waiblingen, Schorndorf und Backnang. 21 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kümmern sich um die Kinder und Jugendlichen, drei davon sind Psychologen. Durchschnittlich zehn Stunden werden für Gespräche angesetzt, „zur Überbrückung“ heißt’s auch hier. Doch wohin soll die Brücke denn führen?

Manchen Kindern geht’s so schlecht, dass sie in der Kinderklinik in Winnenden landen. Prof. Dr. Ralf Rauch, Chef der Kinderklinik, hat auf seiner Allgemeinstation im Jahr 2018 fast 400 Kinder und Jugendliche betreut. Darunter sind freilich diverse Beinbrüche, Grippefälle oder Blinddarm-Geplagte, doch werden eben auch Gespräche mit Psychologen gebraucht, oft sogar mehrere. Es geht um Bauchschmerzen, Kopfschmerzen, sonstige Qualen, für die keine organischen Ursachen gefunden werden können. Das Kind leidet unter psychosomatischen Beschwerden. Das heißt: Die Psyche, die Seele des Kindes steht so unter Druck, dass der Körper mit Schmerzen, mit Erbrechen, mit allem Möglichen reagiert.

Kein vollständiges Verzeichnis von Kindertherapeuten

Auf der Allgemeinstation arbeiten zwei Kinderpsychologen. Es stehe die Diagnostik- und Wegweiserfunktion im Vordergrund, „oft aber kümmern sich die Kollegen auch darüber hinaus, obwohl sie damit zeitlich meist in eine Schieflage kommen“. Sie kümmern sich aber, weil sich nach dem Krankenhausaufenthalt auch hier – wie immer – das große Loch auftut.

Das Problem beginnt schon damit, dass offenbar niemand ein vollständiges Verzeichnis von Psychotherapeuten hat, die Kinder behandeln dürfen. Die Schulpsychologen sagen sogar explizit: „Wir dürfen niemanden empfehlen“ und verweisen auf die Homepage der Landespsychotherapeutenkammer. Dort gibt’s über eine Suchfunktion eine Liste – doch komplett ist die nicht. Krankenkassen arbeiten mit der Liste der Kassenärztlichen Vereinigung; auf deren Homepage gibt’s auch eine Suchfunktion. Treffer für den Rems-Murr-Kreis: zwei. Kann das sein? Sicher ist, dass hier nicht die Privatpraxen gelistet sind, die eigentlich nicht von den gesetzlichen Kassen gezahlt werden. Wieder das Wörtchen „eigentlich“: Denn auch die Kassen wissen, dass unter dieser Bedingung eine Therapie kaum möglich ist. Deshalb können Kassenpatienten auch in Privatpraxen gehen, wenn sie bereit sind, einen Stapel von Anträgen auszufüllen. Aber wie sollen sie die Praxen finden?

So beginnen Familien, sich Telefonnummern aus verschiedensten Quellen zusammenzustoppeln, suchen im Internet, wo oft nicht klar ersichtlich ist, ob Kinder behandelt werden dürfen oder nicht, ob die Therapeuten studiert haben oder Heilpraktiker sind, deren Berufsbezeichnung ungeschützt ist und deren Arbeit auf keinen Fall von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt wird. Telefonat über Telefonat wird geführt. Und das in einer Situation, in der sowieso schon alles über den Kopf wächst.

Die Telefonate enden oft so: Wir nehmen keine Patienten auf. Oder: Wartezeit zwei Jahre. Oder: Wir haben keine Warteliste. Sie müssen immer wieder anrufen und hoffen, dass ein Platz frei wird. Oder: Die einzige Möglichkeit, die wir haben, ist vormittags. Vormittags aber sind Kinder üblicherweise in der Schule – in die sie ja auch gehen sollen, vor allem bei Schulverweigerung.

Wer Glück hat, bekommt die letzte Lücke im Terminkalender angeboten

Wer Glück hat, bekommt die letzte Lücke im Terminkalender angeboten. Aber Kinder, auch solche, die eine Therapie brauchen, leben nicht im luftleeren Raum. Sie haben Schule bis mittags um 13 Uhr oder gar noch an zwei oder drei Nachmittagen. Sie spielen vielleicht ein Instrument, machen Sport. Und wollen auch Zeit haben, Freunde zu treffen. Ist es klug, auch im Sinne einer erfolgreichen Therapie, das alles in Frage zu stellen? Bei wem dieser eine Termin passt, der hat schon mehr als Glück.

Manche Mutter, mancher Vater weitet die Suche über den eigenen Kreis hinaus aus: In Ludwigsburg, Stuttgart, Weil der Stadt, Böblingen, Sindelfingen gibt’s ja auch noch Adressen. Doch Eltern dürfen nie vergessen: Auch sie leben nicht im luftleeren Raum! Auch sie müssen sich die Frage stellen: Schaffe ich es, mein Kind regelmäßig, Woche für Woche, womöglich 25 oder mehr Sitzungen lang, viele Kilometer durchs Land zu karren? Kann ich die Zeit aufbringen, die Kraft? Eine Therapie, die gelingen soll, dauert, sagt Schulpsychologin Silke Fritz, im Schnitt eineinhalb Jahre.

Angebote der Caritas

Die Caritas in Waiblingen bietet ebenfalls Beratungen für Familien, Kinder und Jugendliche an. An der Beratungsstelle arbeiten insgesamt sieben Fachleute in der Erziehungsberatung.

Im Jahr 2018 kamen 502 Familien zur Beratung. Bei 163 Familien war das angemeldete Kind bis fünf Jahre alt, bei 210 Familien war das angemeldete Kind zwischen sechs und elf Jahren alt und bei 129 Familien war das angemeldete Kind zwischen zwölf und 18 Jahren alt.

Eltern melden sich, so Roland Lachnit von der Caritas, wenn Konflikte in der Familie schwelen, wegen Fragen zur Entwicklung der Kinder, Fragen bei Schulleistungsproblemen, Mobbing, Schulausschluss, wegen emotionaler und sozialer Probleme der Kinder, wegen Trennung und Scheidung der Eltern.

Die Caritas bietet Hilfe in Einzelgesprächen und Familiensettings. Es gibt verschiedene Gruppenangebote für Kinder und für Eltern. Die Angebote der Caritas sind ein Teil der Kinder- und Jugendhilfe nach dem Sozialgesetzbuch VIII.

Eine Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie gibt es allerdings an der Beratungsstelle auch nicht.

Im Durchschnitt nehmen Familien fünf Beratungssitzungen in Anspruch. Familien können aber auch über einen längeren Zeitraum beraten und betreut werden.

Wenn eine ambulante oder stationäre Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie indiziert ist, helfen die Fachleute der Caritas, einen geeigneten Therapieplatz zu finden.

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