Amoklauf Winnenden - 10 Jahre danach Jedes Jahr wächst die Distanz

Jennifer Schreiber. Foto: Gabriel Habermann

Winnenden. „Mir geht’s gut“, sagt Jennifer Schreiber mit fester Stimme. Zum Amoklauf, bei dem ihre Mitschülerinnen, ein Mitschüler und Lehrerinnen ermordet worden sind, hat sie Abstand gewonnen. „Ganz vergessen werde ich das Ereignis nie. Ich denke hin und wieder daran, aber es belastet mich nicht.“


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Geholfen hat der 25-Jährigen der „tolle Rückhalt aus meiner Familie, ich kann immer mit jemandem reden“, sagt sie. Sie wohnt noch zu Hause mit ihren Eltern und ihren beiden Geschwistern. Mit ihren Freunden trifft sie sich oft, aus der Zeit an der Albertvilleschule sind aber keine mehr dabei, „sie sind weit verstreut“.

Beruflich hat Jennifer Schreiber ihre Erfüllung gefunden: „Es war der richtige Weg, Erzieherin zu werden, es macht unglaublich viel Spaß, ich kann mir nichts Schöneres vorstellen“, sagt sie über die Arbeit mit den spontanen, unverstellten und Vertrauen fassenden Kindern. Sie mag es, zu schauen, was sie brauchen, und danach den Tag zu gestalten. Derzeit ist sie im Dekanat Waiblingen Springerin für die kirchlichen Kindergärten, kommt zum Einsatz, wenn jemand krank wird. Demnächst wird sie eine Vollzeitstelle antreten.

„Es tut uns auch mal gut, nicht in Winnenden zu sein.“

„Wenn ich mir den Montag freihalten kann, würde ich gerne zum öffentlichen Gedenken in den Stadtgarten gehen, eventuell auch an die Albertville-Schule. Vor allem, weil es der zehnte Jahrestag ist.“ Jennifer Schreiber hat jeden Jahrestag mit ihrer Familie ein bisschen anders gestaltet. „Einmal hatten wir einen Termin. Wir haben trotzdem daran gedacht, aber wir merkten hinterher: Es tut uns auch mal gut, nicht in Winnenden zu sein.“ So konnte Jennifer Schreiber Jahr für Jahr mehr Distanz einnehmen.

„Einmal, während der Erzieherinnen-Ausbildung, wollte ich am Jahrestag unbedingt in der Schule in Weinstadt sein. Ich habe aber meinem Lehrer erklärt, dass ich betroffen war, und bat ihn, die für den Tag angesetzte Klassenarbeit zu verschieben. Das hat er gemacht, ohne den anderen zu sagen, warum.“ Jennifer Schreiber ist froh über dieses Erlebnis: Sie konnte den Jahrestag ohne Probleme an einer anderen Schule verbringen.

Den Fehlalarm hat sie nicht an sich rangelassen

„Ich habe mittlerweile viele andere Dinge im Kopf, rede nur gelegentlich über den 11. März und gehe keineswegs damit hausieren“, sagt Jennifer Schreiber. Sie schluckte es sogar hinunter, dass sich eine Lehrerin über die neuen Sicherheitsschlösser lustig machte. „Die anderen Schüler sprangen auf den Zug auf und machten Witze darüber. ,Wieso gerade bei uns?’, fragten sie. Dabei kam der Amoklauf in Winnenden ja auch ohne Vorwarnung.“ Eine andere Lehrerin merkte, dass diese Äußerungen Jennifer Schreiber nervten. Sie hatte anlässlich eines Jahrestags von ihrem Schicksal in der Zeitung gelesen und bat alle Kollegen allgemein, das Thema nicht ins Lächerliche zu ziehen. Das wirkte.

Als eines Vormittags im Oktober 2018 die Polizei bei einem Großeinsatz und Hubschraubern einen bewaffneten Mann suchte, der durch den Winnender Schlosspark gelaufen sein sollte, befand sich Jennifer Schreiber gerade im Schelmenholz bei einer Bewerbungshospitanz in einem Kindergarten. „Ich versuchte, den Alarm nicht an mich ranzulassen, zu mir wurde auch nichts gesagt. Ich erfuhr erst in meiner Pause übers Handy, was los war. Und am Mittag, dass es ein Fehlalarm war. Aber mir ist das lieber so, wenn die Polizei eine Beobachtung ernst nimmt – auch wenn sie sich hinterher als falsch herausstellt.“

10 Jahre nach dem Amoklauf: Die Schüler

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