Amoklauf Winnenden - 10 Jahre danach Lehrer: Den Traum von der Zukunft lebendig halten

Die Albertville Realschule zehn Jahre nach dem Amoklauf. Foto: Tantschinez/ZVW

Winnenden.
Schule als Lebensraum, als Ort der Fürsorge und des aufmerksamen Miteinanders: So verstehen die Albertville-Lehrkräfte ihre Rolle. Ein Gespräch mit Heinz Rupp, Marion Bauer, Johannes Herter und Werner Klingel.


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Den Weg in die Zukunft mitzugestalten: Das war „meine Art der Bewältigung“, sagt Werner Klingel. Am 11. März hätte er erst später Unterricht zu halten gehabt; als er ankam, lief bereits die Evakuierung. Danach habe er „nicht eine Sekunde“ erwogen, sich an eine andere Schule versetzen zu lassen. „Wir haben hier“, findet er, „einen Auftrag“: im „fürsorglichen Umgang“ miteinander zu ergründen, „was Schule sein soll“; an diesem Ort der Erschütterung „Schule als Lebensraum“ zu begreifen und nicht nur als Einrichtung „zum Abhandeln eines Fächerkanons“.

Der katholische Religionslehrer Heinz Rupp war am 11. März nicht in der Schule. Auch er spürte: Daraus erwächst dir eine Aufgabe, du bist nicht traumatisiert, du kannst mit dem, was geschehen ist, anders umgehen, „du bist jetzt an dieser Stelle, es ist wichtig, dass du da bist“.

Manche sagten damals inmitten der Erschütterung: Wir wollen an der Schule Kirche erleben! Andere wandten ein: Nein, in die Kirche kann ich nicht mehr, denn wo war Gott an jenem Tag – aber gemeinsam auf Sinnsuche gehen, doch, das könnte auch mir guttun. Also baute Heinz Rupp die Ökumenische Schulgemeinschaft mit auf. Ob jemand an Gott, Allah oder gar kein höheres Wesen glaubt, ist egal – was zählt, ist der Wille, gemeinsam Werte zu pflegen.

Der „Raum der Stille“

Sie gestalteten einen „Raum der Stille“: Wenn ein Schüler nicht mehr konnte im Unterricht, durfte er jederzeit hierher, um durchzuatmen. Sie machten eine Schreibwerkstatt: Kinder und Jugendliche gaben ihrer Trauer eine Sprache, ein bewegendes Buch entstand daraus. Jährliche Besinnungstage im Kloster: Auch das wurde Tradition. Ehemalige Schüler werden dazu eingeladen – man sieht sich wieder oder lernt sich neu kennen.

Die Erinnerung bewahren: Der Albertville-Schule ist das gelungen. Das beeindruckendste Zeugnis ist ein „Gedenkraum“, bei seiner Gestaltung halfen Experten vom „Haus der Geschichte“: 15 Pulte für die Getöteten, darauf Fotos und Erinnerungsstücke, die vom Alltag erzählen, von Hobbys und Träumen, ein Schlüsselbund, ein Fußball, ein Ring; man muss diese Menschen nicht gekannt haben, um sich ihnen hier nahe zu fühlen.

Immer vor einem Jahrestag steht ein Briefkasten vor jedem Pult im Gedenkraum, „Post für Dich“, heißt die Aktion: Wer möchte, kann seine Gedanken zu Papier bringen und einwerfen. Der Inhalt bleibt vertraulich, niemand wird das lesen; aber all die Zettel werden danach in Wachs eingelassen – und die Angehörigen der Verstorbenen erhalten Kerzen, deren Schein sich nährt von liebenden Erinnerungen.

Die Sinngemeinschaft

Mit der Zeit habe sich ihr „Auftrag ein Stück gewandelt“, sagt Klingel: Anfangs ging es vor allem darum, einander in der Trauer zu helfen, mittlerweile ist die Albertville-Schule zu einer Art Labor des guten Miteinanders geworden.

Aktuell gibt es erstaunliche 15 Sozialprojekte, vom Fair-Trade-Laden bis zu Altenheimbesuchen, vom Capoeira-Kurs (ein brasilianischer Kampftanz) bis zum Raufclub, wo Kinder sich nach Regeln austoben können. Aus der Leidensgemeinschaft ist eine „Sinngemeinschaft“ geworden, sagt Heinz Rupp.

Etwas zurückgeben

Noch ein weiteres Bedürfnis wuchs „ganz stark“, erzählt Werner Klingel: „Wir haben so viel gekriegt von außen, aus der ganzen Welt ist was gekommen“, Beileidsschreiben, Trostbotschaften, Hilfsangebote – „wir wollen etwas zurückgeben!“ Schüler schlugen vor, Menschen in Afrika zu helfen. Das Ehepaar Barbara und Jürgen Marx – sie hatten beim Amoklauf ihre Selina verloren – wusste um ein gutes Projekt: Der Hoachanas Children Fund baut in Namibia Suppenküchen und übernimmt Patenschaften für Schüler. Seit mittlerweile mehr als sechs Jahren sammeln die Albertville-Schüler dafür regelmäßig Geld, die Benefiz-Partys sind Höhepunkte im Jahreslauf, deutsch-namibische Brieffreundschaften sind entstanden.

„Wir haben einen Traum“, sagten die Schüler nach dem 11. März bei der großen Gedenkfeier. „Ich habe einen Traum“: Das Zitat stammt von Martin Luther King. Er wolle, beschwor der Bürgerrechtler einst in seiner berühmten Rede, „aus dem Berg der Verzweiflung einen Stein der Hoffnung hauen“.

Genau darum geht es, findet Werner Klingel: „Wir ermöglichen uns nach diesem Ereignis eine Zukunft. Bei allem, was absolut grausam ist“ – der Zusammenhalt an der Schule war immer stark. „Das weiterzuführen, ist unser Auftrag.“ Das Albertville-Kollegium hat ihn angenommen.

Vergessene Versprechen

Andere sind zur Tagesordnung übergegangen. Eine „Kultur der Achtsamkeit“ an unseren Schulen! Wie viele Politiker haben das wortreich beschworen nach dem 11. März, in der ersten Zeit der tiefen Betroffenheit und der kostenlosen Lippenbekenntnisse? Danach wurden Versprechen in Schubladen gepackt und vergessen.

Wer Schule als Keimzelle der Gesellschaft beschwört, muss sie auch entsprechend ausstatten – ein wichtiger Hebel wäre der sogenannte Klassenteiler: Er definiert, wie groß eine Schulklasse sein darf. In kleineren Gruppen können Lehrkräften intensiver auf das einzelne Kind eingehen. Im Januar 2011 schrieb die Landesregierung: Der Klassenteiler werde zum neuen Schuljahr „zunächst“ von 32 auf 30 verringert – und „in den Folgejahren dann auf 28“. Acht Jahre später steht noch immer die 30.

„Wir müssen aufeinander achten“, sagt Klingel: Diesen Auftrag gilt es „immer wieder zu erneuern“. Es kommt vor, dass ein Schüler sich an ihn wendet und sagt: Da drüben ist einer, ich glaub, der fühlt sich nicht gut. Es ist „toll, erhebend, rührend“, wenn derlei geschieht.

Die Sicht des Neuen

Ich habe stark das Gefühl, dass hier vieles gewachsen ist, was heute positiv ist. Ich spüre schon ein bisschen was von Schicksalsgemeinschaft. Johannes Herter, evangelischer Religionslehrer, seit Anfang des Schuljahres neu an der Albertville-Realschule.

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