Amoklauf Winnenden - 10 Jahre danach Schülerkunst gegen Gewalt

Kunst zum Thema Gewalt ist in Winnenden angekommen und wird von Andreas Söltzer gesichtet und in ein Buch aufgenommen. Foto: Gabriel Habermann

Winnenden. Kunst kann eine Haltung ausdrücken. Das beste Beispiel ist die berühmte Pistole vor dem UN-Gebäude in New York, die einen Knoten im Lauf hat: gestoppte Gewalt. In Winnenden sind gerade an die 100 Kunstobjekte von Schülern aus Baden-Württemberg versammelt, die eine Haltung gegen Gewalt zeigen.


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Die Stiftung gegen Gewalt an Schulen hat eine Kunstaktion initiiert und zusammen mit dem Kultusministerium umgesetzt: „SAVE – Stories Against Violence“ heißt das Projekt, Geschichten gegen Gewalt. Schüler im ganzen Land waren aufgerufen, ihre Geschichte zum Thema Gewalt einzuschicken, diese Geschichte zu malen, in Figuren zu formen, sie zu schreiben oder im Video zu filmen. An die 100 Einsendungen kamen bei der Stiftung in der Winnender Wallstraße an. Und dort behandeln die Ehrenamtlichen die Kunstobjekte mit großer, fast ehrfürchtiger Sorgfalt.

Andreas Söltzer bereitet ein 100-seitiges Buch mit Schülerkunst vor

Andreas Söltzer vom Kuratorium der Stiftung schaut fast täglich nach den Objekten, staunt über die Ideen, sortiert sie, setzt sie in gutes Licht und bereitet ein Buch über die Kunst vor, das 100 Seiten haben und noch rechtzeitig zum 11. März fertig werden soll. Im Auftrag der Stiftung fotografiert Hans-Martin Fischer Objekt für Objekt sorgsam ab.

Es sind imponierende Werke: Die Gewalt einer roten Faust, gezähmt in Ketten und gefangen in einem Drahtkäfig; eine Rose mit Stiel und Dornen aus Stacheldraht und einer gebrochenen Messerklinge darunter: „Don’t kill. Plant Roses,“ – „Töte nicht. Pflanze Rosen.“ Ein aus Pappe, Gips und Farbe gemachter Schulranzen, mit Stichwörtern, die ein Schüler brauchen könnte, wenn er sich auf den Weg zur Schule macht: „Gute Freunde“, „Mut“, „Toleranz“.

Höfener Schüler haben ihr Klassenzimmer in Puppenstubenform gebastelt aus einem Karton und haben in mehreren Bildern die Geschichte von einem dicken Schüler erzählt, der nicht mitspielen darf. Mobbing, Gewalt durch Worte – sind die Themen der Schüler. Andreas Söltzer ist beeindruckt, wie viel Unterschiedliches Schülern einfällt, wie kreativ sie werden, wenn sie dieses Thema gestellt bekommen.

Es geht um eine Haltung gegen Gewalt

Die Stiftung gegen Gewalt an Schulen ist eine Winnender Reaktion auf den Amoklauf von vor zehn Jahren. Sie wurde gegründet von Eltern, die ihr Kind durch das Attentat verloren haben. Es geht ihr um mehr als die Beschäftigung mit dem Amoklauf. Sie befasst sich mit allen Facetten von Gewalt an Schulen. Sie beruft sich auf Neurologen, die gemessen haben, dass mit Gewalt durch Worte genau die gleichen Gehirnreaktionen ausgelöst werden wie mit körperlicher Gewalt. Seit einigen Jahren befassen sich die Stiftung und ihre Mitarbeiter mit Projekten gegen Mobbing und verbale Gewalt und haben das Ziel, dass Schüler eine Haltung einnehmen gegen Gewalt in jeder Form. Die Kunstaktion kann diese Haltung fördern.

Gewalt kommt in der Kunst immer wieder vor. Berühmte Gemälde zeigen Gewaltszenen, zum Beispiel „Die Erschießung des Kaisers Maximilian“ von Edouard Manet aus dem Jahr 1869. Es zeigt die Hinrichtung eines Kaisers von Mexiko und seiner beiden Generäle. Antonia Gressing und Seray Yilmaz aus Nagold haben Manets Gewaltbild ohne Gewehre gemalt und den Figuren ein heutiges Aussehen gegeben. So wurde daraus eine Mobbing-Szene, vielleicht auf einem Schulhof, in der man die Gewalt zu spüren meint, auch wenn sie gar nicht körperlich ist. Und noch eins hat mit nichtkörperlicher Gewalt zu tun: Bei Manet und im Schülerbild glotzen Gaffer über eine Mauer auf die gewalttätige Szene. Andreas Söltzer, der Macher der Kunstaktion, fragt: „Haben die Schülerinnen so eine Szene vielleicht selbst erlebt?“

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