Amoklauf Winnenden - 10 Jahre danach Teil 1: Wie es dazu kam - Vorgeschichte des Amoklaufs

Veränderung: Lehrer und Schüler haben nach dem Amoklauf ihre Schule wieder bezogen – dabei war es aber wichtig, einen auch architektonisch erlebbaren Neuanfang zu markieren. Der markante, holzverkleidete Anbau mit dem hoffnungsgrün schimmernden Glaseinsatz ist zum Wahrzeichen geworden für eine Schule, die sich der Zukunft stellt, ohne die Vergangenheit zu verdrängen. Foto: Pavlovic/ZVW (Archiv)

Winnenden. Eine gestörte Psyche, familiäre Wahrnehmungsschwächen, der fatale Umgang mit Waffen, Weinsberger Fehler. Der Amoklauf vom 11. März 2009 war keine unabwendbare Naturgewalt – zu seiner Vorgeschichte gehört eine Verkettung von Irrtümern, Fehlern und schweren Versäumnissen.


Teil 1: Psychische Voraussetzungen, familiäre Konstellation - Sie sind hier
Teil 2: Schießkult, Weinsberger Fehler, bittere Erkenntnis

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Wie kam es dazu? Warum konnte es geschehen? Oft nach dem 11. März 2009 wurden diese Fragen gestellt. Anfangs schien es, als sei die einzige Antwort: Ratlosigkeit. Aber längst wissen wir vieles über die Vorgeschichte des Winnender Amoklaufs. Die Ermittlungen der Polizei und der wichtige Strafprozess wegen fahrlässiger Tötung gegen Jörg K., den Vater des Täters, haben Aufschlussreiches zutage gefördert. Auch die Geschehnisse in der Weinsberger Psychiatrie, wo Tim K. zwischen April und September 2008 mehrmals zu Therapiegesprächen weilte, sind gerichtlich aufgearbeitet. Und es gibt einen habhaften wissenschaftlichen Erkenntnisstand zum Phänomen School-Shooting. Als bahnbrechend gilt die Studie „Amok im Kopf – warum Schüler töten“ des amerikanischen Psychiaters Peter Langman. Er hat Tagebücher toter Amokläufer ausgewertet und mit Tätern gesprochen, die ihre Tat überlebten.

Das Wissen der Forschung und das Wissen um den konkreten Fall – wir können diese beiden Bilder ineinanderblenden und umrissartig erkennen: So kam es dazu. Deshalb konnte es geschehen.

Nicht normal - Psychische Voraussetzungen

Schul-Amokläufer, schreibt Peter Langman, „sind keine normalen Jugendlichen, die sich für Mobbing rächen. Es sind keine normalen Jugendlichen, die zu viele Videospiele spielen. Es sind keine normalen Jugendlichen, die einfach mal berühmt sein wollten. Es sind einfach keine normalen Jugendlichen. Es sind Jugendliche mit schweren psychischen Störungen.“

Die von Langman untersuchten Täter waren oft „gehemmt und phobisch“, litten an geringem Selbstwertgefühl, Sozialangst, einer schwachen Ich-Identität und einer narzisstischen Übersensibilität, die sie „auf kleine Kränkungen und normale Frustrationen überreagieren“ ließ. Und all das traf in katastrophaler Weise auf Größenfantasien – „ein explosives Gemisch aus Unterlegenheit und Überlegenheit“.

Die Vorstellung, dass Amokläufer sich mit ihrer Tat gegen Mobbing wehren, habe „das Ausmaß eines Mythos angenommen“, schreibt Langman. In Wahrheit ließ sich diese Vermutung bei keinem der von dem Psychiater untersuchten Fälle erhärten. Sicher, es gab „Hänseleien“ – vor allem aber waren die Betroffenen „hochempfindlich“: so labil, dass sie harmlose Sticheleien als dramatische Erschütterungen empfanden.

Auffallend oft findet sich nach Langman folgendes Muster: Die Täter hatten erfolgreiche Eltern, leistungsstarke, sozial hoch anerkannte Geschwister und lebten nicht in der Großstadt, wo es zur Alltagserfahrung jedes Außenseiters gehört, dass es außer ihm noch viele andere am Rande Stehende gibt, sondern in einem kleinstädtischen Umfeld. Gerade hier, wo „jeder ein erfolgreiches Leben zu führen“ scheint, werde dem Kranken das eigene Anderssein umso drängender bewusst. Die von Langman Untersuchten konnten in ihren Familien, in der Schule „nicht mithalten“, die Eltern „waren von ihnen enttäuscht und stritten darüber, wie mit ihnen umzugehen sei“. Sie „fühlten sich sozial unbeholfen. Selbst wenn sie Freunde hatten, fühlten sie sich hoffnungslos allein. Sie fühlten sich ungeliebt und unliebbar. Und sie verstanden nicht, warum. Warum sie? Warum waren alle anderen normal?“

Die Skizze passt detailpräzise zu Tim K.s Persönlichkeitsprofil, wie es die psychiatrischen Gutachter im Stuttgarter Strafprozess gegen den Vater klar herausgearbeitet haben: auch hier Menschenscheu, Kontaktunfähigkeit und ein überfeines Sensorium für reale oder eingebildete Demütigungen; auch hier ein Gebräu aus Ohnmachtsempfindungen und Allmachtsideen, das sich „explosionsartig“ entlud; auch hier eine brüchige Schullaufbahn, die nicht den Hoffnungen der beruflich erfolgreichen, unternehmerisch tätigen Eltern entsprach, während die Schwester sich beim Lernen wie im Umgang mit Menschen leichttat. Tim K. habe unter emotionalen, sozialen, kommunikativen Defiziten und hoher „Selbstunsicherheit“ bei gleichzeitig massiver „narzisstischer Kränkbarkeit“ gelitten: eine „kombinierte Persönlichkeitsstörung“, die „insgesamt als schwer einzustufen“ sei.

Tim K. war, um es mit Peter Langmans Worten zu sagen, „einfach kein normaler Jugendlicher“.

Poker - Familiäre Konstellationen

Tim K.s Eltern kümmerten sich um den Sohn: Der Vater fuhr jährlich Tausende von Kilometern, um den Jungen zum Armwrestling bei Pforzheim zu bringen oder nach Erdmannshausen zum Tischtennis, er bezahlte gar einen Vereinstrainer, um den Jungen zu fördern. Die Eltern waren dabei nicht von totalem Leistungsdenken getrieben. Ein Lehrer der privaten Berufsschule, wo Tim in den Monaten vor seiner Tat war, berichtete vor Gericht: Bei einem Gespräch hätten ihn die Ks zunächst ausführlich nach Sozialkontakten und Verhalten des Jungen gefragt, erst am Ende nach Noten.

Tims Schwester nahm die Probleme des älteren Bruders wach wahr – im Internet-Chat schrieb sie, er habe „Scheißnoten“, sei „ein Problemkind“, wirke „voll verzweifelt“, sie habe Angst, dass er sich was antue, er sei „total gestört und komisch“, sie sehe in seinen Augen, „wie zerbrochen“ er sei.

Auch Tim K. selber spürte offenkundig, dass ihm sein Leben entglitt: Im Frühjahr 2008 suchte er im Internet nach einem psychischen Krankheitsbild, in dem er sich wiedererkennen könnte. Als die Eltern von dieser Recherche erfuhren, reagierten sie entschlossen: bemühten sich sofort um einen Psychiatrie-Termin in Weinsberg.

Zu unterstellen, dass es in der Familie K. durch und durch kaltherzig und achtlos zugegangen sei, wäre ungerecht.

Aufgabe als Eltern

Immer wieder aber warf der Amokprozess Schlaglichter auf die Unfähigkeit der Eltern, die Beziehung zum Sohn emotional auszuloten und auszuleben, ihn richtig zu verstehen, sein Innenleben aufzuschließen. Was in dieser Familie womöglich fehlte, hat Barbara Nalepa, Mutter der erschossenen Nicole, einmal gefühlsklug beschrieben: „Ich konnte bei meinem Kind erkennen an einer kleinen Grimasse, wie es ihm geht. Das ist doch unsere Aufgabe als Eltern – wenn ein Kind traurig nach Hause kommt, zu fragen: Was ist passiert? Vielleicht sagt das Kind, ich will jetzt nicht reden. Gut, dann soll man dem Kind die Freiheit lassen. Und eine halbe Stunde später wieder hingehen: Komm, vielleicht geht’s dir besser, wenn du erzählst ...“

Offenbar konnte Jörg K. das nicht. Sein getrübter Blick für feinere Stimmungsnuancen ist allen psychiatrischen Gutachtern aufgefallen, die mit ihm zu tun hatten. Einer von ihnen berichtete im Amokprozess: Der Vater habe im Gespräch „eindeutig eine Schwäche im Wahrnehmen und Ausdrücken von Gefühlen“ offenbart, es habe da „wenig emotionales Mitschwingen“ gegeben. Manches spricht dafür, dass auch die Mutter vor Tims Unzugänglichkeit schlicht kapitulierte.

All das korrespondierte fatal mit einer besonderen Gabe von Tim K.: Er war ein meisterhafter Pokerspieler. Viele Zeugen haben im Prozess von dieser Leidenschaft, diesem Talent des Jungen berichtet.

Der Poker-Crack macht sein Innenleben unentzifferbar: Wilde Vorfreude angesichts eines Siegerblattes, adrenalinsatte Angstlust vor dem großen Bluff, nackte Panik, wenn sich eine Falle auftut – nichts von alldem spiegelt sich auf der reglosen Oberfläche des Pokerface. Es sei nicht verwunderlich, erklärte ein Psychiater im Prozess, dass Tim K. sich ausgerechnet in diesem Spiel so zu Hause fühlte: Es war ihm gemäß; er pokerte nicht nur am Kartentisch. Die Aufwühlung, die in den Wochen vor dem Amoklauf in seinem Inneren getobt haben muss, drang nicht nach außen, sondern staute sich inwendig, bis sie sich schrecklich eruptiv entlud.

Zu den Fotografien

Die Rekonstruktion der Tatvorgeschichte auf dieser Seite und der nächsten kreist um die Person des Täters – sich mit ihm zu befassen, ist unvermeidlich, wenn man zu ergründen versucht, wie es dazu kam.

Weil aber nach dem Amoklauf die Eltern von Getöteten wünschten, dass die Medien keine Fotos des Mörders zeigen, haben wir diesem Wunsch in den vergangenen zehn Jahren entsprochen und werden uns auch weiterhin daran halten.

Zur Bebilderung dieser Seiten haben wir uns deshalb für Fotografien entscheiden, die auf den ersten Blick wenig, auf den zweiten aber sehr viel mit der Frage, „wie es dazu kam“, zu tun haben: Die Bilder unseres Fotografen Benjamin Büttner veranschaulichen auf stille Art, welche tief reichenden Auswirkungen diese Tat bis zum heutigen Tag und über ihn hinaus hat.

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