Amoklauf Winnenden - 10 Jahre danach Teil 2: Wie es dazu kam - Vorgeschichte des Amoklaufs

Gedankenstrich: Das Schreckliche geschah am 11. März 2009 von 9.33 Uhr, dem Zeitpunkt, als der erste Notruf bei der Polizei einging, bis  ... Die Wandinschrift im Gedenkraum der Albertville-Schule verzeichnet kein Ende. Denn dieses Ereignis wirkt in die Zukunft hinein, bis heute, zehn Jahre danach, und darüber hinaus. Foto: Büttner/ZVW

Winnenden. Eine gestörte Psyche, familiäre Wahrnehmungsschwächen, der fatale Umgang mit Waffen, Weinsberger Fehler. Der Amoklauf vom 11. März 2009 war keine unabwendbare Naturgewalt – zu seiner Vorgeschichte gehört eine Verkettung von Irrtümern, Fehlern und schweren Versäumnissen.


Teil 1: Psychische Voraussetzungen, familiäre Konstellation
Teil 2: Schießkult, Weinsberger Fehler, bittere Erkenntnis - Sie sind hier

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Schießkult und Waffen-Schlamperei

Manche sagen: Hätte Tim K. im Elternhaus keinen Zugang zu einer Waffe gehabt, hätte er sich eben woanders eine beschafft; und wäre ihm das nicht gelungen, hätte er eine Bombe gebastelt. Die wohlfeile Spekulation ist unglaubwürdig. Es ist schwer vorstellbar, wie ein dermaßen kontaktgestörter Junge mal eben Zugang zu Schwarzmarkt-Händlern finden sollte, als sei er ein ausgebuffter Mafioso; und Bombenbastel-Experimente hätten wohl kaum unauffällig ablaufen können. Vor allem aber: Es ist typisch für jugendliche Amokläufer, dass sie in Verhältnissen aufwuchsen, wo Waffen „ein akzeptierter Bestandteil des Lebens“ waren, in Familien, „die traditionell einen legalen Umgang mit Waffen pflegten“, schreibt Peter Langman. „Die meisten Schul-Amokläufer bekommen ihre Waffen zu Hause, im Haus ihrer Großeltern oder von Freunden und Nachbarn.“

Der Vater von Tim K. erlaubte sich gewohnheitsmäßige Verstöße gegen das Waffengesetz, er schlampte nicht bloß einmal, er schlampte über Monate hinweg, schlampte mit der tödlichen Beretta, die er unverschlossen im Schlafzimmer deponierte, schlampte mit der Munition; ließ Kugeln in der Sporttasche herumliegen, im Keller, in Schubladen, im Werkzeug-, im Schlafzimmer-Schrank, und ermöglichte es so dem Jungen, sich Zug um Zug die Tatmittel zusammenzuhamstern.

Der Vater wurde für diese schrecklich folgenreiche Achtlosigkeit zu Recht verurteilt, wegen fahrlässiger Tötung in 15 Fällen; allenfalls lässt sich darüber streiten, ob die Strafe – anderthalb Jahre auf Bewährung – dem Ausmaß der Verantwortungslosigkeit gerecht wird.

Es geht aber noch um mehr in diesem Fall: nicht nur um die bequeme Verfügbarkeit von Waffen, sondern auch um die Gewöhnung daran, die Vertrautheit damit; um das, was die Forscherin Britta Bannenberg als „väterliche Waffenkultur“ bezeichnet.

Waffen im Haus

Jörg K. besaß vier Revolver, zehn Gewehre, drei Softair-Pistolen, vier Schreckschusspistolen und jene 9mm-Beretta. Waffen hatten für ihn offenbar einen hohen emotionalen Wert. Als einmal jugendliche Kumpels bei Tim zu Besuch waren, fragte der Vater unaufgefordert die Burschen, die er nicht einmal recht kannte, ob sie mal was sehen wollten: Er öffnete den Tresor und ließ die Gäste seine Waffen anfassen.

In Tim K.s Zimmer an der Wand über dem Schreibtisch hingen sechs Softair-Waffen, täuschend echt aussehend – drei Maschinengewehre, drei Pistolen, eine davon ein Imitat der väterlichen 9mm-Beretta. Diesen Nachbau hatte der Vater dem Sohn bereits 2004 geschenkt. Der Junge bekam früh die Waffenfaszination eingepflanzt, bekam früh vorgelebt, wie sinnstiftend und attraktiv Schusswerkzeuge sind.

Tim K. litt unter schweren Selbstwertzweifeln – Schusswaffen aber, schreibt Peter Langman, vermitteln „ein Gefühl persönlicher Macht“. Für die School-Shooter gilt: „Ohne Waffen sind sie nichts“, mit Waffen sind sie „Herr über Leben und Tod“. Wie wird man von einem Niemand zu einem Jemand? „Durch Gewalt.“ Nichts ermöglicht die radikale Umwandlung von Ohnmacht in Allmacht bequemer als die Schusswaffe. Die Allgegenwart von Waffen und Tims psychische Probleme: Das passte zueinander wie Schlüssel und Schloss.

Aufgrund der psychischen Gefahrensignale, die spätestens 2008 nicht mehr übersehbar waren, „wäre es dringlich geboten gewesen“, den Jungen „vom Gebrauch scharfer Waffen abzuhalten“ und „besondere Sorgfalt“ walten zu lassen, bilanzierte Richter Reiner Skujat im Amokprozess. Es geschah das Gegenteil. Am 6. Mai 2008, nur zwei Wochen, nachdem Tim K. bei einem Therapiegespräch in Weinsberg von Tötungsfantasien berichtet hatte, ging der Vater mit dem Sohn nach Leutenbach zum Schießen, lehrte ihn den Umgang mit der großkalibrigen Beretta. Der Mann, der das Schießen seit der eigenen Jugendzeit als Hobby und Leidenschaft pflegte, war mit Blindheit geschlagen für das zerstörerische Potenzial der Waffenkultur. Er scheint, kurzum, Waffen für eine Lösung gehalten zu haben und nicht für das Problem.

Alle umbringen - Weinsberger Fehler

Ein 16-Jähriger spürt, dass etwas nicht mit ihm stimmt: Schlimme Gedanken suchen ihn heim, er ist sich selbst nicht mehr geheuer. Er glaube, er sei psychisch krank, sagt er der Mutter, worauf sie ihm einen raschen Termin in Weinsberg verschafft. Er geht hin, und dort geschieht Verblüffendes. Während er sich sonst abkapselt, springt er beim allerersten Gespräch in der Jugendpsychiatrie über den eigenen Schatten, nimmt für einen Moment die Maske der Verschlossenheit ab, der Leidensdruck ist offenbar groß, da muss etwas raus ...

Im April 2008 offenbarte Tim K. in Weinsberg einer Psychotherapeutin: Manchmal überfalle ihn ein „Gedankenkreisen“, er fühle einen derartigen „Hass auf die Menschheit“, dass er nicht mehr von der Vorstellung loskomme, „andere Menschen umzubringen“, zu „erschießen“. Er müsse dann stundenlang am PC spielen, um sich abzulenken und loszukommen von diesen beängstigenden Ideen.

Wenn dich solche Visionen plagen, hast du auch die Möglichkeit, sie umzusetzen? Womit willst du jemand erschießen? Hast du Zugang zu Waffen? Diese Fragen drängten sich auf nach einer derart alarmierenden Äußerung – die Weinsberger Experten stellten sie nicht.

Aber auch die Eltern, die in die folgenden Therapie-Gespräche teilweise eingebunden waren, wiesen nie von sich aus die Behandelnden darauf hin, dass der psychisch labile Junge in einem hochgerüsteten, einem waffenstarrenden Haus lebte. Niemand, nicht die eine Seite, nicht die andere, redete über das dringlich Naheliegende.

Bei den Folgeterminen in Weinsberg musste Tim K. ein paar Standard-Fragebögen ausfüllen, Multiple-Choice-Tests. Business as usual: Der Junge saß da und kreuzte Kästchen auf Papier an – er soll dabei genervt gewirkt haben. Haben die Weinsberger Fachleute die Tötungsfantasien je noch einmal angesprochen bei den weiteren Treffen mit Tim K.? Haben sie ihn je gefragt: Wuchern die Ideen immer noch in dir? Darauf findet sich in den schriftlichen Notizen der Klinik aus der Behandlungszeit keinerlei Hinweis.

Tim K.s Weinsberger Zeit endete im September 2008 mit einem Abschlussgespräch. Mit dabei war diesmal ein Oberarzt, er sah den Patienten zum ersten Mal. Die Therapeuten sagten – zumindest beschrieben das die Eltern später gegenüber der Polizei so: Tim habe Kontaktprobleme, man solle schauen, dass er unter Leute komme. Eine ambulante Anschlusstherapie sei zu empfehlen, aber wenn der Junge das nicht wolle, bringe es nichts. Tim sei ein Spätzünder, das würde sich schon geben, das wachse sich aus. Die Eltern waren danach offenbar erleichtert: alles halb so wild.

Auf ein Abschlussgespräch folgt – normalerweise – ein Abschlussbericht, der die Erkenntnisse zusammenfasst und Eltern und Hausarzt Orientierung geben soll. Dieser Expertenbrief geht – normalerweise – nach einigen Werktagen in die Post oder spätestens nach ein paar Wochen. Das Klinikum Weinsberg versandte rund ein halbes Jahr lang – bis nach dem Amoklauf! – kein solches Schreiben. Die Zuständigen begründeten ihr Versäumnis später mit „Überlastung“.

Wegen all dieser Ungereimtheiten verklagten die Eltern K. die Klinik Weinsberg auf Schadensersatz. Im Jahr 2016 verwarf das Landgericht Heilbronn dieses Begehr: Zwar hätten die Ärzte und Therapeuten im Umgang mit Tim K. eindeutig „Behandlungsfehler“ begangen; ob der Amoklauf bei korrektem Vorgehen zu verhindern gewesen wäre, sei aber nicht „beweisbar“.

Die Kette - Eine bittere Erkenntnis

Ein in all seiner Banalität unabweisbar richtiger Satz: Hinterher ist man immer klüger. Wer wollte sich anmaßen zu sagen, eine derart monströse und seltene Mordtat sei vorhersehbar gewesen? Aber das ist nur die eine Hälfte der Wahrheit.

Die andere: Es führten Spuren zu diesem schrecklichen Tag, manche waren vage und schwer lesbar, andere deutlicher. Es gab konkrete Gefahrenpotenziale und eine Risiko-Konstellation – die durchaus erkennbaren psychischen Probleme Tim K.s, seine Tötungsfantasien, der allgegenwärtige, von keinerlei Problembewusstsein angekränkelte Waffenkult im Vaterhaus. Die frei herumliegende Beretta.

Der Amoklauf vom 11. März war keine unabwendbare Naturgewalt. Zu seiner Vorgeschichte gehört eine Verkettung von Unachtsamkeiten, Irrtümern und krassem Fehlverhalten. So kam es dazu. Deshalb konnte es geschehen.

Lektüre

Das Buch „Amok im Kopf: Warum Schüler töten“ von Peter Langman ist erschienen im Verlag Beltz; 334 Seiten. Der amerikanische Psychologe analysierte für dieses Buch 27 000 Seiten Gesprächsprotokolle, Schulaufsätze und Tagebücher von zehn Todesschützen bei Amokläufen in den USA, unter anderen an der Columbine High School 1999 in Littleton.

Teil 1: Psychische Voraussetzungen, familiäre Konstellation
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