Amoklauf Winnenden - 10 Jahre danach „Von Bekannten erwarte ich Feingefühl“

Steffen Sailer hat eine eigene Wohnung, ist aber nah bei seiner Familie. Foto: Alexandra Palmizi

Leutenbach/Winnenden. Drei Schulklassen der Albertville-Realschule Winnenden waren vom Anschlag am 11. März 2009 direkt betroffen. Steffen Sailer war in der 9c, wo die Tat begann. Er berichtet, wie es ihm heute geht.


Die gesamte Berichterstattung und unser Archiv finden Sie hier.


„Im September arbeite ich zehn Jahre bei der Stadt Waiblingen“, sagt Steffen Sailer. Er staunt selbst, wie nah zeitlich der 11. März, sein Schulabschluss und sein Ausbildungsbeginn zum Verwaltungswirt lagen. Der jähe Bruch seines bisherigen Lebens und der Neustart in einer Berufslaufbahn erfolgten innerhalb eines halben Jahres. Wobei die Anfangszeit ein steiniger Weg war, auf dem Steffen Sailer um seine psychische Stabilität rang. Seine Prüfung bestand er knapp nicht, bekam aber Nachhilfe und eine zweite Chance, die er meisterte. Die Stadt Waiblingen hat ihn 2014 übernommen. Seit vier Jahren arbeitet er im Rathaus im Einwohnermeldeamt. „Dort fühle ich mich wohl, ich sitze in einem Großraumbüro und habe viel Kundschaft.“ Der 25-Jährige hat eine abwechslungsreiche Arbeit, dauernd mit Menschen zu tun.

Sein Therapeut von damals ist immer noch sein Vertrauter

Regelmäßige Therapiesitzungen braucht Steffen Sailer nicht mehr. „Oft bin ich einfach zu meiner Mutter und habe drauflosgeredet, wenn mir danach war“, sagt der 25-Jährige. Doch 2016 geriet er in eine neuerliche Krise. „Ich hatte Sommerurlaub, saß aber nur zu Hause auf meiner Couch.“ Er ging wieder zu seinem Therapeuten, der ihn seit dem 11. März 2009 begleitet. Der Mann ist eigentlich auf Kinder und Jugendliche spezialisiert. „Doch ich darf immer noch zu ihm kommen. Das ist mir auch sehr wichtig, ich will nicht alles von vorne und neu besprechen.“ Sein Vertrauter half ihm, wieder aus dem Loch rauszukommen. „Ich machte einen Stundenplan, was ich mir Tag für Tag vornehme. Seitdem mache ich dreimal die Woche Sport.“ Vielleicht, sinniert Steffen Sailer noch, „wäre diese Krise auch ohne das Ereignis gekommen – aber mit dieser Erfahrung habe ich mich getraut, darüber mit dem Therapeuten zu reden.“

Und im Fitnessstudio kann Steffen Sailer sich nun regelmäßig auspowern und den Kopf abschalten. Spaß und Ablenkung findet er auch bei den Heimspielen des VfB Stuttgart, „manchmal fahre ich auch zu den Auswärtsspielen.“ Das macht er seit vielen Jahren und hat dabei einige Leute kennengelernt, die er gern im Stadion wiedertrifft.

Wohltuend: Nähe zur Familie und der Besuch von Hip-Hop-Konzerten

„Ich gehe auch oft auf Hip-Hop-Konzerte, meist zu etwas unbekannteren Künstlern.“ Zu einigen Musikern hat Steffen Sailer schon Kontakte geschlossen, eine fast freundschaftliche Beziehung hat sich entwickelt. „Der ein oder andere weiß, wie gut mir diese Abende tun“, sagt Steffen Sailer. Meist ist seine „kleine“ Schwester auch dabei. Die Familie und die Nähe zu ihr sind ihm ebenfalls enorm wichtig. Er hat inzwischen eine eigene Wohnung, sie befindet sich im Haus der älteren Schwester neben dem Haus der Eltern in Weiler zum Stein. „Sie kennen mich gut, wissen, was war, behandeln mich aber nicht wie ein rohes Ei - das ist gut“, sagt der 25-Jährige.

Mit neuen Bekanntschaften ist das aber eine andere Sache. „Ich erwarte Feingefühl, wenn andere mit mir reden. Wenn die Sprache auf das Ereignis kommt, rede ich darüber. Wenn die Leute aber nachfragen, ob ich den Täter gekannt habe, dann sage ich nur noch das Nötigste. Ich will ihm keine Bühne bieten.“ Sensationsgelüste bedient Steffen Sailer nicht. Stellt allerdings nüchtern an sich selbst Regungen in diese Richtung fest. Schlägt ihm beim Surfen im Internet Youtube Dokumentationen über Erfurt oder Winnenden vor, klickt er jedoch auf „Verbergen“, damit die Videoplattform sein Desinteresse abspeichert. Bei Fernsehfilmen macht es ihm zwar nichts aus, wenn geschossen wird - „aber spielt das an einer Schule, fährt es mir in den Bauch und ich zappe weiter, das gucke ich mir nicht an.“

Die Gedanken an den Tag sind unterschiedlich

Steffen Sailers Gedanken an den 11. März sind nicht immer gleich. Manchmal schafft er es, die Erinnerungen nicht an sich ranzulasssen. „Manchmal aber schwirren mir die Bilder nur so durch den Kopf. Ich habe Probleme, mich zu konzentrieren, oder bekomme Herzrasen.“ Der Therapeut hat ihm Tipps gegeben, wie er damit umgehen kann.

Am Gedenktag selbst wird Steffen Sailer mit seinem Kumpel und ehemaligen Nebensitzer wieder in ihr früheres Klassenzimmer gehen. „Es ist jetzt eine Bücherei. Unser Ritual ist, dass wir uns an den Platz stellen, wo wir gesessen sind. Wir quatschen über den Tag damals und irgendwann über Gott und die Welt.“

10 Jahre nach dem Amoklauf: Die Schüler

Wie geht es anderen Betroffenen heute?

Pia Sellmaier: Die Ängste haben sich tief eingenistet

Jennifer Schreiber: Jedes Jahr wächst die Distanz
 

„Die Schüler von Winnenden“

Im Jahr 2013 hat Jennifer Schreiber ihre Tagebuchaufzeichnungen von 2009 für das Buch „Die Schüler von Winnenden - Unser Leben nach dem Amoklauf“ zur Verfügung gestellt. Steffen Sailer und Pia Sellmaier haben sich, wie zwei weitere Schülerinnen und eine Lehrerin, mit dem Ghostwriter des Buchs, Oliver Bachmann, unterhalten.

Die im Präsens geschriebenen Texte sind erschütternde Zeitzeugnisse. Je näher man selbst am Geschehen war, desto mehr wird einem der Inhalt an die Nieren gehen. Unbeteiligten erlaubt es einen nicht sensationsheischenden Blick auf die Geschehnisse aus verschiedenen Perspektiven.

Das Buch ist im Arena-Verlag erschienen und noch erhältlich (empfohlen ab elf Jahren). Begleitend stellt der Verlag eine Unterrichtserarbeitung zur Verfügung. (gin)

  • Bewertung
    16

Heute in Ihrer Tageszeitung

  • Waiblinger Kreiszeitung
  • Schorndorfer Nachrichten
  • Winnender Zeitung
  • Welzheimer Zeitung
Lust auf mehr?

Lesen Sie Ihre Zeitung immer und überall digital: Hier ePAPER-Angebote entdecken!