Amoklauf Winnenden - 10 Jahre danach Wie lernfähig ist der deutsche Journalismus?

Der Tag nach dem Amoklauf an der Albertville Realschule in Winnenden. Foto: Bernhardt / ZVW

Winnenden. Hat der Journalismus in Deutschland Lehren aus dem Amoklauf von Winnenden gezogen? Ein Jahrzehnt ist inzwischen vergangen, hat sich in der Branche tatsächlich etwas geändert? Wir haben nachgefragt, die Antworten fallen gemischt aus.


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„Ich habe heute noch das Bild im Kopf, wie Fotografen ihre Leitern vor der Friedhofsmauer aufgebaut hatten und auf einem Pick-up standen, um Aufnahmen von der ersten Beerdigung zu machen“, sagt Anne Ruprecht. Sie hat zusammen mit ihrer Kollegin Gita Datta das Verhalten der Journalisten in Winnenden dokumentiert.

Die beiden waren für das NDR-Medienmagazin Zapp unterwegs. „Besonders in Erinnerung geblieben sind mir auch die Eltern, die uns von ihrer Angst erzählten, bei der Beerdigung ihrer Tochter könne jemand heimlich in den offenen Sarg hinein fotografieren“, erinnert sich Anne Ruprecht. „Daran musste ich oft denken, das hat sich mir eingeprägt.“

Sie arbeitet weiter beim Fernsehen, inzwischen für die Panorama-Sendungen. „Als Journalisten stehen wir immer wieder vor den gleichen Fragen: Wo sind die Grenzen der Berichterstattung? Was können wir noch verantworten?“ Für die Zukunft ist Anne Ruprecht eher skeptisch. Die Medienlandschaft hat sich verändert. Journalisten sind nicht mehr alleine. Soziale Netzwerke werden immer einflussreicher. „Die News-Welt dreht sich immer schneller“, sagt sie, und deshalb ist im Alltag von Journalisten eines sehr wichtig geworden: „Wir müssen da immer wieder innehalten und uns fragen: Müssen wir das überhaupt berichten?“

Liveticker einfach ignorieren

Die gleiche Entwicklung beklagt Gita Datta: „Wo früher an Haustüren bei Nachbarn geklingelt wurde, wird heute gezielt bei Facebook, Twitter und Instagram nach Spuren gesucht. Und das Gefundene veröffentlicht. Ohne Angehörige zu fragen.“ Sie fordert einen anderen Umgang des Publikums mit dem Internet: „Wer braucht Liveticker, in denen sich Medien meist gegenseitig zitieren? Medienmacher werden diese Art der Berichterstattung nur ändern, wenn die Zuschauer/Leser so ein Programm ignorieren. Die Macht, etwas zu ändern, hätten sie.“

Überraschend ist die Antwort von Gisela Mayer. Sie ist die Vorstandsvorsitzende der Stiftung gegen Gewalt an Schulen, die nach dem Amoklauf gegründet wurde. Gisela Mayer hat seit zehn Jahren Erfahrungen mit Journalisten. Heute sagt sie: „Es hat sich etwas verändert, aber nicht bei allen.“ Natürlich gebe es noch Journalisten, die die gleichen Fragen stellen wie vor zehn Jahren. Da geht es nur um Emotionen, Gefühle und Tränen von Opfern und Angehörigen. Da gibt es kein Interesse an dem, was die Menschen wirklich sagen wollen.

Aber Gisela Mayer macht zunehmend andere Erfahrungen. „Es werden Fragen gestellt, die vor zehn Jahren kein Thema waren.“ Etwa die Frage, wie intensiv über den Täter berichtet werden soll, ob Bilder gezeigt oder Namen genannt werden. Dahinter steckt ein großes Problem. Denn der Umfang der Berichterstattung ist eine Motivation für potenzielle Täter. „Hier geht es um das Thema Prävention. Das ist fachlich sehr wichtig“, sagt Gisela Mayer.

Ein anderes Problem, das viel stärker in den Blick rückt, ist die sekundäre Traumatisierung von Betroffenen durch die Berichterstattung. Durch gezielte Fragen nach der Tat, durch Wiederholung von bestimmten Bildern können Betroffene erneut Schaden erleiden. „Es gibt inzwischen Journalisten, die sehr reflektiert nach Handlungsempfehlungen fragen“, berichtet Gisela Mayer. „Wir sind auf dem richtigen Weg, aber wir müssen dranbleiben.“

Geändert hat sich auch die Spruchpraxis des Deutschen Presserates, der über die journalistische Ethik wachen soll. Noch 2009 ging er relativ milde mit der Veröffentlichung von Opfer-Bildern um, die oft aus sozialen Netzwerken kopiert wurden. Damals hieß es in einer Pressemitteilung zu den Rügen im Fall Winnenden: „Generell stellt der Presserat fest, dass das Mediennutzungsverhalten der Gesellschaft sich durch das Internet sehr gewandelt hat. Visualisierung ist wichtiger geworden, der Umgang der Menschen mit eigenen Daten wie Fotos hat sich stark verändert. Dies hat auch Folgen für die Art der Berichterstattung und die Spruchpraxis des Presserats.“

Presserat rügt Opfergalerien

Vier Jahre nach dem Amoklauf von Winnenden hat der Presserat dann seine Richtlinien zum Opferschutz verschärft. Für die sogenannten Opfergalerien gelten strengere Maßstäbe. Jetzt wird die Zustimmung der Betroffenen oder der Angehörigen zur Veröffentlichung der Fotos verlangt: „Die Identität von Opfern ist besonders zu schützen. Für das Verständnis eines Unfallgeschehens, Unglücks bzw. Tathergangs ist das Wissen um die Identität des Opfers in der Regel unerheblich. Name und Foto eines Opfers können veröffentlicht werden, wenn das Opfer bzw. Angehörige oder sonstige befugte Personen zugestimmt haben, oder wenn es sich bei dem Opfer um eine Person des öffentlichen Lebens handelt“, heißt es nun in der neuen Richtlinie 8.2 des Pressekodexes.

Erste Konsequenzen hatte die neue Richtlinie nach dem Absturz des Fluges MH 17 in der Ukraine im Juli 2014. Bild.de erhielt eine Missbilligung für Opfergalerien im Internet und der Spiegel für seine Titelseite vom 27. Juli mit der Zeile „Stoppt Putin jetzt“. Aus der Sicht des Presserates „wurden die Opferfotos auf der Titelseite für eine politische Aussage instrumentalisiert. Damit wurde auch hier der Opferschutz verletzt“, hieß es in einer Pressemitteilung.

Ursula Ernst, Vorsitzende des Beschwerdeausschusses, erklärte damals: „Nur weil jemand zufällig Opfer eines schrecklichen Ereignisses wird, darf er nicht automatisch mit Foto in der Presse gezeigt werden.“

Bis heute rügt der Presserat die Veröffentlichung von Bildergalerien. Die letzte Rüge stammt vom Dezember 2018 und richtete sich gegen bild.de. Die Boulevardzeitung hatte auf ihrer Internetseite eine Bildergalerie mit den Opfern des Brückeneinsturzes von Genua veröffentlicht.
 

Nächste Folge

Dienstag, 26. Februar: Ehemalige Schüler der Albertville-Schule berichten.

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