Amoklauf Winnenden - 10 Jahre danach Wie Schulen sicherere Orte werden

Präventionsexperte Leo Keidel und seine Kollegin Michaela Kreß: Sie sind nicht nur Ansprechpartner für die Schulen im Rems-Murr-Kreis, sondern im ganzen Land als Planer für einheitliche Farbleitsysteme gefragt. Foto: ZVW/Gabriel Habermann

Winnenden/Fellbach. Leo Keidel und die Polizei im Rems-Murr-Kreis setzen sich nicht erst seit dem 11. März 2009 mit dem Thema Gewalt an Schulen auseinander. Keidel kümmert sich bereits seit 2001 um Prävention und ist Ansprechpartner für die Schulen beim Polizeipräsidium.

Der Amoklauf in Winnenden war ein Einschnitt, der auf traurige Weise aufzeigte, dass die Verwaltungsvorschrift des Kultusministeriums vom Sommer 2006 „Verhalten bei Gewaltvorfällen und Schadensereignissen“ durchaus ihre Berechtigung hatte. Auf einem Zeitstrahl hat Leo Keidel die markanten Eckdaten notiert, an denen sich die polizeiliche Präventionsarbeit im Rems-Murr-Kreis gegen Gewalt an Schulen nachvollziehen lässt. Am Anfang stand im Juni 2006 die Verwaltungsvorschrift des Landes, die aber weithin unbeachtet geblieben sei. Im Rems-Murr-Kreis habe der damalige Chef der Polizeidirektion, Ralf Michelfelder, jedoch die Initiative ergriffen.

Wunsch nach Transparenz und hellen Räumen

Er suchte den Kontakt zu den Schulen und entwickelte den ersten Krisenordner „Power ohne Fäuste“ nach der Devise, dass 170 Schulen zwischen Rems und Murr nicht 170-mal eine Lösung finden müssen, wie sie die Verwaltungsvorschrift umsetzen können. Eine Amokdrohung in Offenburg zum Nikolaustag 2006 machte deutlich, wie notwendig es war, sich auf den Tag X vorzubereiten. Nach einer Auftaktveranstaltung, an der sich die meisten Schulen beteiligt hatten, folgten 2007 Fortbildungen der Krisenteams der Polizei und 2008 eine Amok-Datenbank der Polizeidirektion.

Der 11. März 2009 hat Präventionsexperten wie Leo Keidel wichtige Erkenntnisse gebracht, die seither in die Krisenordner eingeflossen sind. Ein Schaubild zeigt, welche Bereiche eines Klassenzimmers bei einem Amoklauf sehr gefährdet sind und wo es relativ sicher ist. Die Betonung liegt auf relativ. Bei der Gestaltung von Schulen weiß Keidel um den Spagat zwischen Sicherheit und dem Wunsch nach Transparenz und hellen Räumen. Wenn schon Glasfronten, so Keidel, dann mit Sichtschutz.

Einheitliches Farbleitsystem an den Schulen im Kreis

Wichtige Marksteine bei seiner Arbeit sind das einheitliche Farbleitsystem an Schulen im Jahr 2011 (siehe unten: „Die Beschilderung“), die zweite Verwaltungsvorschrift bei Gewaltvorfällen 2012 und das Einsatztrainingszentrum in Waiblingen. 2014 starteten die Fortbildungen der Krisenteams von Schulpsychologen und Polizei. Keidels Zeitstrahl endet mit dem NGRS-Pilotprojekt am Salier-Schulzentrum in Waiblingen, das bei einem Amokalarm den direkten Draht von der Schule zur Polizei schafft.

An seinem Bildschirm demonstrieren Erster Kriminalhauptkommissar Keidel und seine Kollegin, Polizeikommissarin Michaela Kreß, welche Informationen schon heute dem Führungs- und Lagezentrum der Polizei zur Verfügung stehen. Musste der PvD früher zum Krisenordner der Schule im Regal greifen, aus der ein Alarm kam, hat er heute online Zugriff auf alle relevanten Daten und Informationen über die Schule und ihre örtlichen Begebenheiten.

Projekttage und Antiaggressionstrainings

In einem Punkt ist sich Keidel sicher. Der Rems-Murr-Kreis steht gut da in Sachen sichere Schulen. Längst berät er nicht nur Schulen im Kreis, sondern auch die in den zum Präsidium gehörenden Kreisen Ostalb und Schwäbisch Hall, wie Schulen zu sicheren Orten gemacht werden können. Auch von Schulen aus anderen Kreisen im Land liegen Anfragen auf seinem überquellenden Schreibtisch, wie sie ein Farbleitsystem umsetzen können.

Allerdings bedauert Keidel, dass er nur Empfehlungen aussprechen kann. Die Verbindlichkeit fehle und es bleibe dem Schulträger überlassen, ob und wie viel Geld er zu investieren bereit ist. Gleiches gilt für Projekte der Gewaltprävention an den Schulen, eines der Herzensanliegen von Keidel, der auch Geschäftsführer der Initiative Sicherer Landkreis Rems-Murr ist. Der Sonderausschuss des Landtages zum Amoklauf hatte den Schulen ausdrücklich das Programm nach dem skandinavischen Psychologen Dan Olweus empfohlen.

Dazu kam es genauso wenig wie zu anderen verbindlichen Angeboten an den Schulen. So versucht es die eine Schule mit Streitschlichtern, die andere mit Medienscouts und die nächste behilft sich mit Projekttagen und Antiaggressionstrainings. Am guten Willen, weiß Keidel um die Herausforderungen der Schulen im Alltag samt Unterrichtsausfall, fehle es den Schulen aber meist nicht.

Krisenpläne: Die Schulen wissen, was sie im Fall der Fälle zu tun haben

Den ersten Krisenordner „Power ohne Fäuste“ hat die damalige Polizeidirektion Waiblingen im Jahr 2006 herausgegeben, also fast drei Jahre vor dem Amoklauf am 11. März 2009. Es ging und geht allgemein darum, der Gewalt an Schulen vorzubeugen und zu begegnen.

Wie notwendig die Verwaltungsvorschrift des Landes war, zeigte der 5. Dezember 2006, erinnert sich Leo Keidel, der Präventionsexperte des Polizeipräsidiums Aalen. Im Internet kursierte die Drohung, dass am Nikolaustag an einer Schule etwas Schlimmes passiere. Die Herausforderungen für die Polizei begannen damit, an einem Nachmittag die Leitungen von 170 Schulen im Rems-Murr-Kreis über die Amokdrohung zu unterrichten und zu erklären, wie die Polizei mit der Gefahrenlage umgehen wird. „Das war für uns ein Zeichen, dass es sich nicht nur um eine abstrakte Verwaltungsvorschrift handelt, sondern dass wir sie konkret umsetzen müssen.“ Leo Keidel entwickelte den „roten Krisenordner“, zu dem auch Verhaltensempfehlungen für Schulleitungen und Lehrerschaft gehörten.

Wie ernst die Verwaltungsvorschrift im Landkreis genommen wurde, zeigt ein zweites Beispiel. Im Landkreis wurden alle Polizisten geschult, wie sie bei einem Amoklauf vorzugehen haben. Statt wie bis dahin üblich das Gebäude zu umstellen und zu sichern, drangen drei Beamte des Winnender Reviers in die Albertville-Realschule vor und stellten den Amokläufer – ein richtiges Vorgehen, das in Winnenden mutmaßlich mehr Opfer an der Schule verhinderte.

„Wir hatten unsere Hausaufgaben gemacht“, stellt Keidel fest. Zu einem landesweiten Pilotprojekt reichte es dennoch nicht, bedauert er.

Beschilderung: Einheitliche Schilder für die 170 Schulen im Kreis

Oppenweiler und Spiegelberg machten 2010 die Vorreiter. Inzwischen sind die meisten der 170 Schulen im Kreis einheitlich ausgeschildert. Für die Polizei wie auch Rettungsdienste und Feuerwehr ein wichtiges Hilfsmittel.

Für das Lagezentrum der Polizei ist das Rätselraten groß, wenn ein Notruf aus der „9 c der XY-Schule“ kommt. Wo befindet sich das Klassenzimmer der 9 c? Und um welches Gebäude handelt es sich in einem großen Schulkomplex? Von Schule zu Schule gab es eine unterschiedliche Systematik, wie die Zimmer gekennzeichnet wurden. Leo Keidel hat im Rems-Murr-Kreis mit dem Sammelsurium aufgeräumt und das „Einheitliche Orientierungssystem Schule“, kurz EOS, eingeführt. Es bringt mit Farben für die Gebäude und mit einer im Uhrzeigersystem laufenden Nummerierung Ordnung in die Schule. Es gilt bundesweit als beispielhaft.

Die blauen Schilder hängen nicht neben, sondern über der Tür, so dass sie nicht überklebt werden können. Die Nummer findet sich auch im Klassenzimmer wieder, so dass der Notruf nicht aus der 9 c, sondern aus dem Raum 2.01.1 kommt. Im Führungs- und Lagezentrum der Polizei sind die Lagepläne online hinterlegt. Nach wenigen Klicks weiß der Polizeiführer vom Dienst, wo sich der Notfall ereignet hat und welche Wege hinführen. Er kann die Beamten im Einsatz zielsicher vor Ort führen.

Für Leo Keidel ist das Farbleitsystem für Gebäudekomplexe besonders wichtig. Während schulintern der „Neubau“ durchaus ein Begriff ist, findet sich ein Außenstehender im Komplex besser zurecht, wenn er nach dem „Gelben Gebäude“ sucht. Leo Keidel hat inzwischen aber auch seine Erfahrungen mit Schulleitern und Architekten gemacht, die bei den Schildern lieber eigene Wege gehen. Oft mühselig nennt er das Unterfangen, sie von seiner polizeilichen Logik zu überzeugen.

Alarmierung: NGRS im Salier-Schulzentrum: Der direkte Draht zur Polizei

Zum Jahrestag des Amoklaufes sollte am Salier-Schulzentrum in Waiblingen ein völlig neues Alarmsystem in Betrieb gehen. Bei einem Amokalarm kann die Polizei in die Klassenzimmer hineinhorchen und sich akustisch ein Bild von der Lage machen.

Nachdem die rechtlichen Hürden endlich überwunden waren, haben technische Probleme die Inbetriebnahme des sogenannten NGRS-Systems verzögert, sagt Leo Keidel. Das Salier-Schulzentrum wird Vorreiter sein, in dem erprobt wird, ob sich das System bewährt. „Die Stadt wollte den großen Wurf“, sagt Keidel lobend über das ambitionierte Projekt in Waiblingen. Ist der rote Knopf gedrückt, wird nicht nur schulintern Alarm ausgelöst, sondern auch bei der Polizei. Das Führungs- und Lagezentrum kann ins Klassenzimmer hineinhorchen und weiß unter Umständen sofort, dass es ein Fehlalarm ist – oder nicht.

Fehlalarme bei den heute installierten Amok-Meldern seien selten. Keidel führt dies auf eine höhere Hemmschwelle zurück im Vergleich zu Brandmeldern. Der Alarm löst automatisch eine Ansage in der Schule aus, die dreimal wiederholt wird. Keidel empfiehlt den Text: „Wir haben eine Gefährdungssituation an der Schule. Sofort alle Klassenzimmer und Räume verschließen. Bitte den Anweisungen der Lehrer folgen und Ruhe bewahren.“ Dieser Alarm über die Sprechanlage sei jedoch nur schulintern. Auf jeden Fall muss darüber hinaus die Polizei informiert werden, solange es sich um kein NGRS-System handelt.

Im Gegensatz zum Feueralarm, bei dem die Schule sofort geräumt wird, geht es bei Gewaltvorfällen im Gegenteil darum, Klassenräume nicht zu verlassen und im geschützten Bereich zu bleiben. „Durchsagen im Klartest mit konkreten Verhaltensregeln verhindern Missverständnisse“, heißt es in den „Polizeilichen Sicherungsempfehlungen für Schulen und Schulträger“, an denen Leo Keidel mitgearbeitet hat.

Abschließbare Türen: Zuständig sind die Schulträger

„Zum besseren Schutz sind die Türen zu verschließen oder – wenn diese nicht verschließbar sind – zu verbarrikadieren.“ So lauten die polizeilichen Sicherungsempfehlungen bei Gewaltvorfällen. Ob und wie Klassenräume verschließbar sind, hängt oft genug von der Kassenlage der Kommunen ab.

Wie bei der einheitlichen Beschilderung gibt es auch für abschließbare Türen keine gesetzliche Vorgabe, bedauert Präventionsexperte Leo Keidel. Letztlich sei es egal, ob ein Türknauf installiert ist oder ein Lehrer mit dem Schlüssel die Tür abschließen kann. Hauptsache ist, dass der Täter nicht einfach ins Klassenzimmer hineinspazieren kann. Wichtig sei, dass nach einem Alarm die Türen unter allen Umständen geschlossen bleiben.

Der Sonderausschuss des Landtages zum Amoklauf in Winnenden und Wendlingen hatte in seinen 83 Handlungsempfehlungen ausdrücklich geraten, Türen mit einem Türknaufsystem auszurüsten – und bei der Umsetzung sofort ein Schlupfloch geöffnet mit dem Hinweis „unter der Wahrung der Zuständigkeit der Schulträger“. Die Zuständigkeit der Städte und Gemeinden ist für Keidel die Krux nicht nur bei den Türschlössern.

Die Kommunen im Rems-Murr-Kreis zeigen sich aus der Erfahrung des Amoklaufes in Winnenden aufgeschlossener für Sicherungsmaßnahmen als anderswo im Land. „Die Städte und Gemeinden haben auf die Vorschläge der Polizei reagiert, obwohl diese nicht verbindlich und mit Kosten verbunden sind“, stellt Leo Keidel die Vorreiterrolle des Rems-Murr-Kreises in Sachen Sicherheit bei Gewaltvorfällen an Schulen heraus. Immer stärker geraten heute aber Kitas oder Grundschulen in den Blick der Polizei, wo der elterliche Streit um Umgangsrechte mit dem Kind gewaltsam ausgetragen wird und Väter unbefugt eindringen. Gegen solche Fälle müssten sich die Einrichtungen zunehmend wappnen.

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