Amtsgericht Waiblingen Vorbestrafter Schulhof-Schläger muss in Haft

Symbolbild. Foto: Habermann/ZVW

Waiblingen. Ein Jahr und zehn Monate Haft lautet das Urteil gegen einen vielfach vorbestraften 24-Jährigen, der an Ostern zwei 17-Jährige auf dem Salier-Schulgelände überfallen haben soll. Wegen seiner Drogen- und Alkoholabhängigkeit soll der Mann in einer Entziehungsanstalt untergebracht werden.

Endlich. Das jedenfalls schienen Richter, Schöffen, Nebenklägerin und Staatsanwältin bei der Urteilsverkündung zu denken. Nachdem der Prozess sich über Monate hingezogen hatte – immer wieder verzögert durch neue Anträge der Verteidigung – ist ein 24-Jähriger nun vor dem Amtsgericht Waiblingen zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten sowie zur Zahlung eines Schmerzensgeldes verurteilt worden. Er wird in einer Entziehungsanstalt untergebracht, zunächst bleibt er jedoch in Untersuchungshaft. Die Höhe des Schmerzensgeldes muss ein Zivilgericht klären. Der Richter sah es als erwiesen an, dass der Mann am Ostermontag dieses Jahres unter dem Einfluss von Alkohol und Drogen zwei 17-Jährige auf dem Salier-Schulgelände überfallen hatte.

Familiäre Situation ist prekär

Der gebürtige Kasache soll die zwei Mädchen aufgefordert haben, ihre Smartphones herauszugeben. Dabei soll er sie bedroht, geschubst und eine der beiden getreten haben. Die Geschädigte erlitt einen Rippenbruch, sie trat vor Gericht als Nebenklägerin auf. An diesem letzten von vielen Verhandlungstagen wurde zum wiederholten Male auch die Drogen- und Alkoholsucht sowie die prekäre familiäre Situation des Angeklagten thematisiert.

Vater: "Wir wollten ihn nicht rauslassen, aber er ist alt genug"

So sagte beispielsweise der Vater des jungen Mannes aus. Er erinnerte sich an den Tag der Verhaftung und daran, wie sein Sohn nach einem Streit mit seiner Freundin bereits am Vormittag begonnen habe, Bier und Cognac zu trinken und Marihuana zu rauchen. Am Abend sei er in einem desolaten Zustand gewesen. „Wir wollten ihn nicht rauslassen, aber er ist alt genug“, so der Vater. Sein Sohn sei eine „Katastrophe“, wenn er trinke, fügte der Mann hinzu, der laut Zeugenaussagen selbst ein Alkoholproblem hat. Und: „Wenn er trinkt, trinkt er bis er umfällt.“ Der Zeuge erwähnte auch die Krankheit seines Sohnes (auf Nachfrage des Verteidigers als ADHS präzisiert) sowie dessen Polytoximanie (Abhängigkeit von mehreren Suchtmitteln, Anm. d. Redaktion).

Keine Anhaltspunkte für Persönlichkeitsstörung

Aufschluss über den tatsächlichen Zustand des Angeklagten am Tag der Tat gab die Aussage jedoch nicht, auch nicht auf Nachfrage des Sachverständigen. Jener war als sogenannter Obergutachter geladen worden, nachdem die Verteidigung einen Befangenheitsantrag gegen den bisherigen Sachverständigen gestellt hatte. Der forensische Psychiater kam in seiner Einschätzung des Falls zu einem ähnlichen Ergebnis wie sein Vorgänger – mit einem Unterschied. Zwar sah auch er keine Anhaltspunkte für eine Persönlichkeitsstörung des Angeklagten, jedoch sei dieser zum Tatzeitpunkt ohne Zweifel erheblich berauscht gewesen, weshalb eine verminderte Schuldfähigkeit zumindest möglich sei. Der Gutachter empfahl angesichts der Drogenabhängigkeit des Täters die längerfristige Unterbringung in einer Entzugsanstalt.

Verteidiger forderte Freispruch

Die Plädoyers der Staatsanwältin und des Nebenklagevertreters gingen in dieselbe Richtung: Beide sahen die Schuld des Angeklagten als erwiesen an und betonten die mangelnde Einsicht des Angeklagten sowie dessen zahlreiche Vorstrafen. Einen ganz anderen Ansatz hingegen verfolgte der Verteidiger. Er forderte den Freispruch für seinen Mandanten. Er habe immer schon wegen seiner ADHS und seiner Sucht Schwierigkeiten im Leben gehabt. Zudem sei es nicht klar belegt, wie die Verletzungen der Nebenklägerin zustande gekommen seien. Sein Mandant sei bereit, sich in eine langfristige Therapie zu begeben, schloss der Verteidiger.

Angeklagter bei Verhandlung aggressiv: "Ich bin auf 180"

Das letzte Wort hatte der Angeklagte selbst – und zeigte, was in ihm steckt, nämlich sein volles Aggressionspotenzial. „Ich bin auf 180“, stieß er mehrmals hervor, gestikulierte wild, zeigte auf die Nebenklägerin, schlug mit der Faust auf den Tisch. Auf den Hinweis des Richters hin, er solle keinen Kontakt zu der jungen Frau aufnehmen, platzte er heraus: „Also, die lügt. Das ist hundertprozentig“, und nickte dabei in deren Richtung. Irgendwann wurde es selbst dem Verteidiger zu bunt, er wurde laut und wies seinen Mandanten scharf zurecht: „Lassen Sie diese Fuchtelei und Gestikuliererei. Das dürfen Sie nicht!“


Vor Gericht ein alter Bekannter

Der Angeklagte – und nun zum wiederholten Male Verurteilte – ist vor dem Waiblinger Amtsgericht kein Unbekannter. Zahlreiche Vorstrafen stehen in seinem Bundeszentralregistereintrag.

So könne es nicht weitergehen, betonte der Vorsitzende Richter Kärcher. Es sei ein Unding, dass der junge Mann sich „in zugedröhntem Zustand“ immer wieder auf Auseinandersetzungen einlasse – und dass dabei immer wieder andere Menschen zu Schaden kämen.

Bei einem Rückfall im vergangenen Jahr war ein „Zwei-Euro-Diebstahl“ in einem Rewe-Markt zu einer Schlägerei mit dem Marktleiter ausgeartet.

Ein andermal lieferte er sich eine Prügelei mit einem Ladendetektiv, ebenfalls, nachdem er beim Diebstahl ertappt worden war.

„So geht es zurück bis 2011“, sagte der Richter. Dass die Strafe unter diesen Umständen keinesfalls zur Bewährung ausgesetzt werden könne, liege auf der Hand.

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