Astrid Szelest aus Welzheim Unter Bären: Vom Drang, in der Wildnis zu leben

Astrid Szelest mit ihrem Mann Rüdiger dort, wo sie sich am wohlsten fühlt: In der freien Natur. Hier in der Taiga Russlands, wo die beiden eine Holzhütte haben, die sie regelmäßig aufsuchen. Foto: privat

Welzheim. Sie hat unter Bären gelebt, ist den Fährten von Schneeleoparden gefolgt, hat das Konzept Naturparkschule entwickelt, die Limesläufe mitorganisiert und das Jugendrotkreuz in Welzheim aufgebaut. In Backnang leitet sie zudem seit zwölf Jahren die Schulverwaltung. Am Freitag feierte die naturverbundene Welzheimerin Astrid Szelest nun ihren 50. Geburtstag.

Neugierig, und ja, auch ein bisschen verrückt – so beschreibt sie sich selbst. Und beides muss wohl auch sein, wer sich wie Astrid Szelest immer wieder voll und ganz auf die Natur einlässt, dabei die Elemente nicht fürchtet und auch keine Angst vor der Begegnung mit Raubtieren in freier Wildbahn hat. Den Rückzug in die Natur, im besten Falle alleine, betreibt die Welzheimerin so regelmäßig wie konsequent. Einmal, als ihr Mann Rüdiger keinen Sommerurlaub nehmen konnte, hat sie vier Wochen in jener Blockhütte in der russischen Taiga verbracht, zu der sie immer wieder reist und auch geführte Touren anbietet.

Rückzug in eine Taiga-Blockhütte ohne Strom und fließend Wasser

Nur von dem, was die Natur hergab, hat sie sich in jenem Sommer ernährt, hat Beeren gesammelt, gefischt oder Pilze gegessen. Strom, fließendes Wasser oder Handyempfang gibt es dort selbstredend nicht. Und das nächste Dorf ist erst nach einem dreistündigen Fußmarsch zu erreichen. Dafür leben in direkter Nähe der Hütte Bären, Elche und Schlangen, denen sie immer wieder begegnet. Im Sommer wird es dort gerne mal 40 Grad heiß – und im Winter bis zu 45 Grad kalt. In der Taiga sein zu können und den Jäger und Sammler in sich zu trainieren, das empfindet Szelest nicht als Herausforderung, sondern als „große Freiheit“.

„Wir leben ja in einer Versicherungsgesellschaft“, sagt sie. Draußen in der Taiga jedoch, da ist jeder für sich selbst verantwortlich. „Da geht die Aufmerksamkeit richtig auf.“ Schließlich gibt es auch keinerlei Ablenkung – und weit und breit kein Krankenhaus. „Gesund sein, das ist meine Lebensversicherung.“

Den unbändigen Drang, draußen zu schlafen, in und mit der Natur zu leben, barfuß durch den Wald zu laufen, hatte die Welzheimerin bereits als Kind. Eine Lehrerin meinte einmal beruhigend zu den Eltern, das wachse sich aus. Tat es aber nicht. Im Gegenteil: Die Faszination für die Wildnis sollte sie nie wieder loslassen. Noch heute schläft die Welzheimerin deshalb lieber im „Tausend-Sternen-Zelt“ als im Haus.

Ein Herz für Bären und Wölfe

Ihre ersten 18 Jahre verbrachte Astrid Szelest auf dem Schafhof, wo sie sich viel im Wald und an der Lein herumtrieb. Die Verbundenheit mit der Natur verdankt sie ihrer Großmutter. In ihrem Mann Rüdiger fand sie schließlich einen Partner, der bereit war, diesen Weg mitzugehen. In den vergangenen 33 Jahren bereisten die beiden mit dem Rucksack viele Länder und besuchten dort soziale und ökologische Projekte. Sie halfen Straßenkindern in Südafrika, Schneeleoparden in Kirgisien und waren in den letzten zwölf Jahren vor allem in Russland aktiv, wo sie ein Wolfsprojekt und eine Bärenstation unterstützen. Über dieses Artenschutzprojekt entstand auch die Leidenschaft für die russische Taiga.

Auch wenn sie regelmäßig das Fernweh packt: Mindestens genauso wichtig ist ihr der Welzheimer Wald. Szelest ist seit vielen Jahren als Zweite Vorsitzende aktiv bei der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald Rems-Murr. Die Verbindung zur Region ist tief. „Heimat, Natur und Wald, das gehört für mich zusammen.“ Die Quellen, Klingen und Feuchtwiesen beschreibt sie nicht nur als traumhaft schön, sie erden sie auch. Besonders angetan hat es ihr der Ebnisee. Wenn sie von der Arbeit nach Hause fährt und der Kopf voll ist, macht sie dort regelmäßig einen Stopp und geht schwimmen – und das bei jedem Wetter, auch im Winter, ohne Neoprenanzug, „um mich abzuhärten“. Schließlich muss sie gesund sein, um in der Wildnis überleben zu können.

Tagsüber Chefin im Büro, nach Feierabend im Welzheimer Wald

Die Natur ist für sie stets auch ein Ausgleich zu ihrer hauptberuflichen Arbeit in der Verwaltung. Szelest hat einst auf dem Welzheimer Rathaus gelernt, war dann nach Stationen in Stuttgart und Winterbach sechs Jahr Hauptamtsleiterin in Lichtenwalde (Kreis Esslingen). Seit nunmehr zwölf Jahren leitet sie die Schulverwaltung in Backnang, ist dort zuständig für elf Schulen, organisiert Betreuungsangebote, leitet die Schulsozialarbeit und trägt Verantwortung für rund 100 Mitarbeiter.

Szelest befindet sich in der glücklichen Lage, ihre Liebe zur Natur mit ihrem Beruf verbinden zu können. So durfte sie (gemeinsam mit Bernhard Drixler, dem Geschäftsführer des Naturparks Schwäbisch-Fränkischer Wald) auf Bundesebene das Konzept Naturparkschule entwickeln. Die Kaisersbacher Grundschule und die Welzheimer Janusz-Korczak-Schule haben es bereits umgesetzt und Natur, Heimat und Umwelt verstärkt in den Lehrplan integriert.

Auch darüber hinaus arbeitet sie viel mit Kindern. Gemeinsam mit ihrem Mann Rüdiger hat sie in Welzheim einst das Jugendrotkreuz aufgebaut. Auch bei den Leichtathleten der TSF waren die beiden als Trainer aktiv. Szelest hat zudem viele Jahre die Limesläufe mitorganisiert.

Welzheimer Wald: "Es ist wichtig, lokal zu handeln"

Sie hat sich zudem zur Wildnispädagogin und Fährtenleserin ausbilden lassen, leitet einen Stützpunkt der Wildnisschule „Wildnis-Wissen“ und bietet nicht nur Bärencamps in der Taiga an, sondern vermittelt die Natur vor allem direkt vor Ort, im Welzheimer Wald, begleitet Schulprojekte und hat das „Wildnis-Camp“ initiiert, das gerade wieder an der Laufenmühle stattfindet.

Bei den Kindern möchte sie Hemmschwellen abbauen und dazu anregen, rauszugehen, die Elemente zu spüren. Sie möchte zeigen, was sich in der Natur alles machen lässt. Und stellt immer wieder fest: „Nach kurzer Zeit springt bei uns die Software der Jäger und Sammler wieder an.“

Szelest freut sich, dass zuletzt das Interesse an der Natur, gerade bei jungen Familien, spürbar zugenommen hat. Denn „was der Mensch kennt, das schätzt er auch“.

Die Welzheimerin findet: „Es ist wichtig, lokal zu handeln und etwas für die Heimat zu geben, aber zugleich den Blick über den Tellerrand hinaus zu wagen und global zu denken.“ Es gibt wohl wenige Menschen, die dieser Maxime so konsequent folgen wie Astrid Szelest.


Blog und Website

Wer mehr über die Aktivitäten von Astrid und Rüdiger Szelest erfahren möchte, dem sei die Homepage (inklusive Blog) der beiden empfohlen.

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