Außenpolitik-Forum Schuster holt die Welt nach Stuttgart

Der ehemalige Oberbürgermeister Stuttgarts, Wolfgang Schuster. Foto: Leif Piechowski

Stuttgart - Was für ein Symbol: Während fast zeitgleich in Berlin US-Präsident Barack Obama seine etwas matte Vision der transatlantischen Freundschaft darlegt, präsentiert Shi Mingde, Chinas Botschafter in Deutschland, vor dem neu gegründeten Baden-Württemberg-Forum der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Stuttgart mit Verve die Politik der neuen asiatischen Weltmacht.

Vorsitzender des regionalen Ablegers der angesehenen Denkfabrik in Berlin ist der frühere Oberbürgermeister Wolfgang Schuster. Gerade in Stuttgart mit seiner Internationalität und den weltwirtschaftlichen Verflechtungen müsse das Interesse an außenpolitischen Debatten groß sein. „Hier leben 170 Nationen“, und: „Als Exportregion Nummer eins in Europa gehören wir zu den Gewinnern der Globalisierung“, meint der Ex-OB zur Begründung, warum ihn die DGAP für seine neue Aufgabe gewinnen konnte. Es gehe aber nicht nur darum, Produkte zu verkaufen, sondern auch darum, andere Menschen zu verstehen. Mit regelmäßigen Veranstaltungen an verschiedenen Orten – bei der nächsten am 18. Juli geht es um „Indiens neue Mittelschicht“ – will man „Brücken bauen“. Unterstützt wird Schuster von einer Teilzeitkraft in seinem Büro am Charlottenplatz. Als Zielgruppe hat er die Mittelständler, die weltweit operieren, und jüngere Leute im Auge. Zum Auftakt am Mittwoch bei der Robert-Bosch-Stiftung kamen rund 100 Gäste aus Wirtschaft, konsularischem Korps und von Kultureinrichtungen.

Doch warum kommt die Gründung des Baden-Württemberg-Forums eigentlich so spät, fragt kritisch der Unternehmer und DGAP-Präsident Arend Oetker. Andernorts gebe es diese Institution bereits seit Jahren. „Liegt es an der natürlichen Distanz hierzulande zu Berlin?“, fragt er, nach dem Motto: „Wir schaffen, die geben es aus“.

China strebt „Gesellschaft des bescheidenen Wohlstands“ an

Chinas Botschafter Shi zeigte sich als selbstbewusster Repräsentant des neuen China, der auch die Probleme des Riesenreichs offen ansprach – übrigens in flüssigem Deutsch. Denn er kam bereits vor mehr als 40 Jahren das erste Mal als Student nach Ostberlin. Insgesamt hat er 25 Jahre in Deutschland verbracht. „Er ist ein großer Kenner und Freund Deutschlands“, wie Joachim Rogall, Geschäftsführer der Bosch-Stiftung, betont.

China wolle „den Sozialismus chinesischer Prägung unbeirrt fortsetzen“, sagte der Diplomat. Dabei verfolge man weiter ehrgeizige Ziele: „Bis zum Jahr 2020 wollen wir Wirtschaftskraft und Einkommen verdoppeln.“ Mit einem Pro-Kopf-Einkommen von 9100 Euro im Jahr strebe sein Land eine „Gesellschaft des bescheidenen Wohlstands“ an. Die Herausforderungen seien enorm: Mehr als 50 Prozent der Rohstoffe müssten importiert werden, die Umweltschäden seien enorm, die soziale Kluft wachse, und die Korruption untergrabe das Vertrauen der Bevölkerung in die Politik.

Trotz allem: Die bisherige schnelle Entwicklung „verdient gebührende Anerkennung“, meint der Botschafter. Als Vertreter der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt spricht er auch ganz offen von Chinas gewachsenem Machtanspruch in der Welt. Doch er beteuert: „Wir brauchen eine friedliche Umgebung.“ Nur die Nachbarstaaten sind sich da nicht so sicher und haben sich zuletzt verstärkt um den militärischen Schutz der USA bemüht. Mit Blick auf die USA klingen Shis Worte relativ freundlich. Bewertete Peking Obamas Neuausrichtung nach Asien zuvor als Eindämmung Chinas, billigt er der US-Rolle nun „eine stabilisierende Rolle in der Region“ zu. Europa fordert er zu mehr Engagement in Asien auf: „Die Europäer sind zu sehr mit sich selbst beschäftigt.“ Im Handelsstreit mit der EU um Solarmodule sieht er die Schuld aber bei der EU-Kommission, die vorschnell „einseitige Strafmaßnahmen“ verhängt habe. Das führe zu Gegenmaßnahmen Pekings. „Wir stehen gemeinsam mit Deutschland“, meint er verschmitzt und spielt auf die Uneinigkeit der Europäer an. Der Auftritt von Chinas Botschafter macht klar: An China führt kein Weg mehr vorbei. Es ist also höchste Eisenbahn, dass der Westen sich zusammenrauft. Sonst muss er sich dem chinesischen Riesen allein wegen dessen Dimensionen fügen.

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