Autohersteller Daimler-Aktionäre ziehen sich zurück

Die Marke mit dem Stern hat an Glanz verloren – zumindest an der Börse. Foto: dpa

Frankfurt - Es ist nur etwas mehr als zwanzig Jahre her, da träumten die Aktionäre der Daimler-Benz AG noch von der „Hochzeit im Himmel“. Daimler hatte damals den amerikanischen Autobauer Chrysler übernommen, die Börse jubelte und der Marktwert des gemeinsamen Unternehmens lag bei 166 Milliarden D-Mark (umgerechnet rund 83 Milliarden Euro). Die Ehe scheiterte, aber auch die „alte“ Daimler-Benz AG konnte sich im Wettbewerb gut behaupten, die großen Wachstumsideen blieben allerdings Visionen.

Und jetzt, zwanzig Jahre später, suchen die Aktionäre nach neuen Wachstumsideen. Der Marktwert an der Börse liegt zwar immer noch bei knapp 70 Milliarden Euro, aber seit Jahresbeginn sinkt der Kurs fast kontinuierlich. Das ist besonders deshalb erstaunlich, weil Daimler noch im Frühjahr für 2017 ein Rekordergebnis vorgelegt hatte. Doch dann kamen Donald Trump, der Dieselskandal und nun auch noch die Turbulenzen in der Türkei. All das trifft den Stuttgarter Autobauer, weil die vom US-Präsidenten zwischenzeitlich angedrohten Strafzölle auf deutsche und europäische Autos den Absatz auf dem anderen Kontinent erheblich senken könnten. Auch ist noch nicht sicher, ob Daimler nicht doch noch in den Strudel des VW-Dieselskandals gelangen wird – wenn es dumm läuft, dann muss Daimler nach Schätzungen von Analysten allein in den USA zehn, 20 oder sogar 30 Milliarden Euro an Strafen bezahlen und die zukünftigen Gewinne würden sich auf absehbare Zeit auf rund fünf Milliarden Euro halbieren. Der faire Wert der Aktie wäre dann wahrscheinlich im Bereich von 50 Euro oder sogar noch etwas tiefer anzusiedeln, heißt es in mehreren Studien. Auch in Europa holt der Abgasskandal die Stuttgarter ein: Daimler muss deutschlandweit 280 000 Fahrzeuge wegen unzulässiger Abschalteinrichtungen zurückrufen, europaweit sind es etwa 700 000 Autos.

Auch der Krisenherd Türkei könnte Daimler schwer treffen

Und dann ist da noch der neue Krisenherd Türkei, der Daimler auch treffen könne. Der Euro zieht zum US-Dollar wieder an und drückt ohnehin auf die Exportmargen. Und nun könnte auch noch die Türkei als Absatzmarkt wegbrechen, angesichts des rapiden Anstiegs des Euro zur Lira. Schon im Juli waren Daimlers Verkaufszahlen auffallend schwach. Bei der Berenberg Bank glaubt man daher nicht daran, dass die Daimler Aktie schon ihr Tief gesehen hat. Der Aktienkurs des Dax-Konzerns war zuletzt auf bis zu 54,22 Euro gefallen, schon fast 30 Prozent unter dem Jahreshoch aus dem Januar. Auf diesem Niveau kommt von Berenberg ein „Verkaufen” als Einstufung. Zudem senken die Experten begleitend zu der Verkaufsempfehlung ihr Kursziel für den Auto-Titel von 57 Euro auf 52 Euro, basierend auf gesenkten Prognosen. Es gibt aber auch nach wie vor Analysten, die in den aktuellen Kursen eine Einstiegsmöglichkeit sehen, weil sie den Stuttgarter Ingenieuren und Managern zutrauen, dass sie eine Wende herbeiführen können. So hat etwa die Schweizer UBS ihr Kursziel gar auf 92 Euro angehoben, weil sie der Branche insgesamt im zweiten Halbjahr einen deutlichen Aufwärtstrend zutraut. Ähnlich sehen das auch die Analysten der Deutschen Bank, die ihr Ziel bei 90 Euro sehen. Auch die Commerzbank hat die Aktie wieder aufgenommen, ihr Kurziel aber auf 54 Euro gesenkt; sie rät den Kunden, ihren Bestand zu reduzieren. Die meisten Experten rechnen jedoch für die nähere Zukunft mit Kursen zwischen 60 und 70 Euro.

Daimler verdient 3000 Euro an jedem verkauften Auto – Ferrari rund 69 000 Euro

Die Berenberg-Analysten gehen in ihrer aktuellen Branchenstudie davon aus, dass im Autobau der positive Zyklus auf sein Ende zugeht. In der Branche würden Cashflows und Gewinnspannen sinken. Und Daimler zähle dabei schon bisher nicht unbedingt zu den Vorreitern.

Entscheidend wird also sein, ob und wie schnell die Stuttgarter eine Antwort auf die Zukunftsfrage der neuen Antriebe finden. Die Suche nach der richtigen Lösung für Elektro-, Hybrid- oder Brennstoffzellenantriebe läuft inzwischen auch bei den deutschen Autobauern auf Hochtouren. Dabei müssen sie große Summen in Forschung und Entwicklung investieren – und zugleich an den Autos, die schon auf dem Markt sind, auch Geld verdienen. Hier liegen die Spannen aber nach Ansicht des CAR-Instituts der Universität Duisburg-Essen weit auseinander. Während Ferrari an jedem verkauften Luxusauto rund 69 000 Euro verdiene, sind es bei Daimler oder BMW nur 3000 Euro. Tesla oder auch Bentley legen sogar darüber. Daimler-Chef Dieter Zetsche müsse daher möglichst schnell neue Konzepte in Sachen Elektromobilität oder neue Mobilitätskonzepte präsentieren, meint CAR-Chef Ferdinand Dudenhöffer. Sollte Daimler in absehbarer Zeit eine zukunftsträchtige Lösung auf den Markt bringen, könnten die branchenspezifischen Probleme in den Hintergrund gedrängt werden, meinen Autoanalysten. Dann könnte der Jahresgewinn nachhaltig eher über zehn Milliarden Euro liegen, der Kurs könnte dann die Marke von 100 Euro knacken. Bis dahin liegt vor dem Konzern jedoch noch ein weiter Weg.

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