Autozulieferer Mahle Protest gegen Verkaufspläne von Behr Thermot-Tronik

Überdimensionale Kolben vor der Mahle-Zentrale. Foto: dpa

Erst im Oktober hat der Stuttgarter Mahle-Konzern die Mehrheit am Autozulieferer Behr übernommen. Jetzt soll die dazugehörige Behr Thermot-Tronik mit Sitz in Kornwestheim an einen Finanzinvestor verkauft werden. Der Frust bei den Mitarbeitern sitzt tief.

Stuttgart - „Wir wollen nicht an eine Heuschrecke verkauft werden“, sagt die Kornwestheimer Betriebsratsvorsitzende Nektaria Christidou den Stuttgarter Nachrichten. Am Donnerstag hat der Betriebsrat die Mitarbeiter über die Verkaufspläne an einen Finanzinvestor informiert. In Kornwestheim beschäftigt Behr Thermot-Tronik (BTT), ein Spezialist für Temperaturregelung von Motoren und Getrieben, rund 290 Mitarbeiter, weltweit sind es etwa 930 Beschäftigte. Der Umsatz liegt bei rund 120 Millionen Euro.

Wie Mahle mit den Beschäftigten umgehe, sei erbärmlich, sagt Christidou. Die Mitarbeiter wollen sich wehren. Sie haben eine Unterschriftenaktion gegen den Verkauf gestartet und für kommenden Dienstag eine Protestkundgebung vor der Mahle-Zentrale in Stuttgart geplant. An diesem Tag tagt der Mahle-Aufsichtsrat. „Von der Stiftung zur Heuschrecke“ steht auf den Flugblättern. Dem Mahle-Management sollen dann die Unterschriften übergeben werden. Die Stimmung der Mitarbeiter ist auf dem Nullpunkt. „Ausgelutscht, verraten und verkauft“ – so beschreibt Betriebsratsvorsitzende Christidou die Gefühle der Beschäftigten. Als der Betriebsrat Ende September erstmals über mögliche Verkaufspläne vom Management informiert wurde, habe es schließlich geheißen, man wolle den Marktwert von Behr Thermot-Tronik prüfen, sagt Christidou.

Auch Bernd Hofmaier-Schäfer, dem Mahle-Gesamtbetriebsratsvorsitzenden und stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden, stoßen die Verkaufspläne sauer auf. Erst zum 1. Oktober habe Mahle 51 Prozent an Behr übernommen, und nun werde schon die erste Firma verkauft. „Das ist Monopoly, was Mahle macht“, sagt er .

Unternehmen steckt mitten in Verkaufsverhandlungen

Der Verkauf kommt überraschend, denn nach mehreren Verlustjahren wird BTT dieses Jahr erstmals wieder schwarze Zahlen schreiben. Der Verkauf könnte mit anderen Mahle-Plänen zusammenhängen, bei denen Mahle offenbar kartellrechtliche Probleme fürchtet. Nach Informationen der Stuttgarter Nachrichten will Mahle den Esslinger Autozulieferer Gustav Wahler übernehmen. Auf Anfrage wollte Mahle dazu keinen Kommentar abgeben. Das Familienunternehmen Gustav Wahler stellt ebenfalls Thermostate her, hat aber auch Komponenten für Abgasrückführungssysteme und Leitungen für den motornahen Einsatz im Produktprogramm, was sehr gut zum Motorkomponentenspezialisten Mahle passen würde.

Bei Wahler war keiner für eine Stellungnahme zu erreichen. Wahler, im Jahr 1902 gegründet, beschäftigt weltweit über 1400 Mitarbeiter und hat unter anderem Werke in Esslingen und Oberboihingen. Der zuletzt ausgewiesene Umsatz lag bei über 300 Millionen Euro.

Das Unternehmen steckt mitten in Verkaufsverhandlungen. Interessenten waren schon vor Ort in den Werken. Es gebe mindestens zwei ernst zu nehmende Interessenten, sagt Jürgen Groß von der IG Metall Esslingen. Wahler gilt als solides Familienunternehmen mit guter Auftragslage. Derzeit gelte noch ein Sanierungstarifvertrag, sagt Groß. Gestundete Gelder könnten aber bald zurückgezahlt werden.

Zum Hintergrund: Gustav Wahler drohte vor allem durch hohe Investitionen in neue Produkte das Geld auszugehen. Deshalb wurde von den geldgebenden Banken ein Chefrestrukturierer eingesetzt, um das Unternehmen zu sanieren. Eigentümer, Banken und Beschäftigte haben einen Beitrag geleistet. Im Frühjahr wurde ein Sanierungstarifvertrag abgeschlossen, wonach unter anderem die Tariferhöhung 2013 gestundet wurde, ebenso Teile des Urlaubs- und Weihnachtsgelds.

„Für uns ist das eine Hängepartie sondergleichen“, sagt BTT-Betriebsratsvorsitzende Christidou. Für Behr hätten die Beschäftigten Sanierungsbeiträge geleistet und auf die Hälfte des Urlaubs- und Weihnachtsgelds verzichtet – im Gegenzug wurde ihnen eine Beschäftigungssicherung bis Mitte 2015 zugesagt und eine Standortgarantie bis Ende 2016. Auch wenn man den Verkauf nicht verhindern könne, wolle man das Beste für die Mitarbeiter herausholen, sagt sie. Will heißen: Beschäftigungs- und Standortgarantie sollen auch vom neuen Eigentümer eingehalten werden; auch die Tarifbindung steht auf dem Forderungskatalog. „Wir wollen bei Mahle bleiben“, sagt Christidou. Als Mahle bei Behr eingestiegen sei, habe man sich gefreut: Endlich einen starken Konzern im Rücken. Entsprechend groß sei jetzt die Enttäuschung über die Verkaufspläne.

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