Backnang Lebensretter in höchster Not

Backnang.
Dramatische Szenen spielen sich in einem dreistöckigen Gebäude mit Mietwohnungen und 21 Bewohnern ab. Rauch quillt aus einem Kellerfenster. Die Brüder Caner und Taner Bakir (30 und 27) sowie Yasar Arik (22) verteilen in dieser Nacht zum Donnerstag, 28. November, gerade Flyer für den Antalya-Markt in die Briefkästen, erkennen die Gefahr und alarmieren Feuerwehr und Polizei. Dann klingeln sie Sturm. Doch obwohl sie alle Klingeln drücken, öffnet längere Zeit niemand.

Sonja S. wohnt im Erdgeschoss. Sie hört zwar die Klingel, dreht sich im Bett jedoch noch einmal auf die andere Seite. In der Vergangenheit hatte es immer wieder Klingelstreiche gegeben. Vielleicht auch diesmal? Dann kommt der 48-Jährigen die Sache doch spanisch vor. Sie steht auf und geht in Richtung Wohnungstür. Sie riecht Rauch! Jemand anderes öffnet derweil den Gebäude-Eingang unten. Als Sonja S. die Haustür aufmacht, stürmen die drei jungen Männer an ihr vorbei und trommeln im Treppenhaus an jede Eingangstür. Die Rauchentwicklung nimmt schlagartig zu.

„Raus, raus! Es brennt bei euch!“

Im ersten Stock öffnet Fred Steinebronn. Der 73-Jährige, dem vor Jahren ein Bein amputiert werden musste, sitzt im Rollstuhl. Sowohl er als auch seine Partnerin Doris Berreth (75) hören sehr schlecht, die Klingel eigentlich gar nicht. Trotzdem hat der Senior im Unterbewusstsein mitbekommen, dass etwas nicht normal ist. Taner Bakir ruft: „Raus, raus, es brennt bei euch.“ Als er sieht, dass Steinebronn ein Bein fehlt, verspricht er ihm, gleich wiederzukommen und zu helfen, erst jedoch müsse er die anderen Hausbewohner wecken.

Auch im zweiten Stock öffnet ein Mann im Rollstuhl, ein 90-Jähriger. Während Taner Bakir in den dritten Stock rennt, tragen sein Bruder Caner und ein Nachbar den 90-Jährigen die Treppe hinunter. Der Rauch wird Sekunde um Sekunde immer schlimmer, erschwert die Sicht. Schwarzer Qualm beißt in Augen, Nase und Lunge. „Es war schwer, Luft zu holen“, erinnert sich Taner Bakir. Er zieht sich den Pullover über Mund und Nase, aber das hilft wenig. „Im dritten Stock konnte ich fast nicht mehr atmen.“

Mit ein paar Tagen Abstand ist dem Backnanger wohl klar, „wir haben unser Leben riskiert, aber das war uns in dem Moment nicht bewusst. Uns ging es darum, dass den Bewohnern nichts passiert. Wir konnten doch nicht vor der Tür warten und von draußen zusehen. Da waren Rentner drin, die im Rollstuhl saßen, und kleine Kinder. Ich würde heute wieder das Gleiche tun.“

Auch der 73-jährige Fred Steinebronn aus dem ersten Stock des Gebäudes Dresdener Ring 20 in Backnang weiß, wie bedrohlich die Lage war: „Wir können froh sein, dass wir noch leben.“ Er fand gerade noch die Zeit, seine Prothese umzuschnallen. Dann verließen er und seine Partnerin die Wohnung über die Terrasse.

In Schlafanzügen in die kalte Nacht nach draußen geeilt

Auch für Doris Berreth wäre der Weg allein übers Treppenhaus wohl nicht mehr möglich gewesen, sie bekommt aufgrund einer Stimmbandoperation ohnehin schon schlecht Luft, „mit Rauch habe ich massive Probleme“. Zwar konnte Steinebronn auf dem Rasen hinterm Haus mit seiner Prothese nicht alleine gehen, aber zu diesem Zeitpunkt war schon die Feuerwehr vor Ort und stützte ihn, so dass er den Gefahrenbereich hinter sich lassen konnte. Als die Sanitäter kurz danach die beiden untersuchten, lag der Blutdruck bei fast 200.

Während und vor allem nach den Löscharbeiten kümmerten sich die Rettungskräfte um die Anwohner, die fast durchweg in Schlafanzügen in die kalte Nacht geeilt waren. Ein beheiztes Zelt wurde aufgebaut. Kleinkinder wurden in den Fahrzeugen versorgt. Nachdem die Feuerwehr mit großen Ventilatoren den Rauch aus dem Gebäude herausgeblasen hatte, konnten mit Ausnahme von zwei Parteien, die direkt über dem Brandherd wohnen, alle Bewohner wieder zurück in ihre Wohnungen. Am Vormittag danach durften auch die letzten Mieter wieder zurück in ihr Heim.

Bewohnerin: Retter sollen für Zivilcourage ausgezeichnet werden

Jan Kusche, der Sprecher der Freiwilligen Feuerwehr Backnang, zollt den drei jungen Männern, die mutig in das Treppenhaus eingedrungen sind, um alle Bewohner schnellstmöglich zu alarmieren, höchstes Lob. Bewohnerin Doris Berreth hat sich vorgenommen, die drei Helden bei der Stadtverwaltung zu melden, sie sollen für ihre Zivilcourage ausgezeichnet werden. „Wenn sie nicht gewesen wären, wären wir alle eingeschlafen. Und zwar für immer.“

Auch Sonja S. will Danke sagen. Sie berichtet, dass alle Bewohner des Hauses für ihre Retter Geld gesammelt und eine Danke-Karte unterzeichnet haben. „Alle acht Familien haben etwas gegeben. Wir sind unsagbar dankbar.“

Aber warum waren die drei Lebensretter überhaupt so spät in der Nacht in Backnang unterwegs? Nun, die Bakir-Brüder wollten ihre Eltern unterstützen, die in der Sulzbacher Straße das Lebensmittelgeschäft Antalya-Markt betreiben. Aus diesem Grund haben sie und ihr Freund in dieser Nacht nach ihrem Feierabend, sie selbst betreiben die Shisha-Bar Déjà-vu, Werbeflyer des Markts im Gebiet rund um die Hochhäuser verteilt. So ermöglichte die eine gute Tat gleich die zweite.

Brandursache weiter unklar, die Polizei ermittelt

Auch mehr als eine Woche nach dem Feuer (am Donnerstag, 28. November, im Gebäude Dresdner Ring 22 in Backnang) ist die Brandursache noch ungeklärt. Die Polizei schließt aber einen technischen Defekt aus. Weil die Ermittlungen vor Ort noch nicht abgeschlossen sind, ist der Keller noch versiegelt.

Aus diesem Grund können auch noch keine notwendigen Installationsarbeiten vorgenommen werden. Mit der Folge, dass im Kellerbereich kein Strom vorhanden ist. Die Klingelanlage und das Treppenhauslicht funktionieren ebenso wenig wie Internet und Fernsehen. Immerhin gibt es in den Wohnungen Strom. Auch die Gasheizung konnte am Abend des Brandtags wieder in Betrieb genommen werden.

Eine 90-jährige Frau und ihr ebenfalls 90-jähriger Ehemann wurden leicht verletzt. Die Höhe des Sachschadens wird derzeit auf 30 000 bis 40 000 Euro geschätzt.

Die Feuerwehr war mit vier Löschfahrzeugen, einer Drehleiter und zwei Führungsfahrzeugen sowie mit 40 Mann im Einsatz. Die Wehrmänner konnten den Brand innerhalb weniger Minuten löschen. Es war ein glücklicher Umstand, dass das Feuer so früh bemerkt wurde. So schlugen die Flammen nur aus den Kellerfenstern. Grundsätzlich hatte das Feuer das Potenzial gehabt, sich viel weiter auszubreiten.

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