Backnang Wie "Die Partei" die Kommunalpolitik aufmischen will

„Außergewöhnlich schön und außergewöhnlich klug“ (von links): Kai-Uwe Beißwenger (Social-Cyber-Beauftragter), Jonas Blochinger (2. Vorsitzender), Marco Schlich (Ostvorsitzender), Mascha Indira Hausschildt (Schatzmeisterin) und Patrick Vetter (Cyber-Beauftragter) bilden den Vorstand der Partei „Die Partei Ortsverband Backnanger Bucht“. Foto: Die Partei

Backnang. Die kommunalpolitische Welt in Backnang ist etwas bunter geworden: Die Satire-Partei „Die Partei“ hat jetzt auch hier einen Ortsverband. Ihr Ziel: irgendwann einmal das Ruder übernehmen. Doch bis dahin bleibt noch etwas Zeit – oder doch nicht?

Bei der Europawahl 2019 sorgten sie für eine der größten Überraschungen, bekamen fast 900 000 Stimmen und waren bei manchen Wählergruppen zweitstärkste Kraft nach der CDU. Die Rede ist von der Partei „Die Partei“. Und seit etwas mehr als einer Woche gibt es sie auch in Backnang – im „Wohnzimmer“ organisierten sie ihre Gründungsversammlung. Und die erste Aktion der Backnanger Ortsgruppe fand übrigens am Sonntagnachmittag im „Wonnemar“ statt: In Burkini und Badebekleidung der 1920er Jahre ging's ab ins Wasser.

Mascha Indira Hausschildt, Schatzmeisterin des Ortsverbands, zu dieser Aktion: „Dadurch, dass auch Männer Burkini getragen haben, kann das Argument, er steht für die Unterdrückung der Frau, auch nicht mehr genutzt werden.“ Bei dem Erscheinen in der Badehalle gab es ein wenig Diskussion unter den Bademeistern. „Von Seiten der Badegäste bekamen wir keinerlei negative Kritik, obwohl wir natürlich auffielen und von vielen Seiten beobachtet wurden“, fasst Ortsvorsitzender Schlich zusammen. Einige Badegäste waren dann aber doch neugierig und hakten nach. „Den allermeisten Badegästen war unser Aussehen allerdings schlichtweg egal. Ach ja, wichtige Zusatzinformation: Anzahl der wegen uns weinenden Kinder in vier Stunden: null.“

Auch die Gründungsversammlung des Ortsverbandes sei sehr lustig und feuchtfröhlich gewesen – kein Wunder, jeder zweite Tagesordnungspunkt der Sitzung hieß schließlich „Biertrinken“. Und mit den 25 Mitgliedern, die der Ortsverband nun hat, ist der Vorstand sehr zufrieden. Wieso es in der beschaulichen Murr-Kommune jetzt einen Ableger der „Partei“ gibt, kann der Ortsvorsitzende Marco Schlich ganz einfach und mit bestechender Logik begründen: „Es gab bislang keinen.“ Zudem böten sich die Aktivitäten des Backnanger Gemeinderats geradezu an, hier als „Die Partei“ in Aktion zu treten.

„Politik darf auch Spaß machen“

Genau heißt der Ableger übrigens „Die Partei Ortsverband Backnanger Bucht“, damit sich auch die Menschen der angrenzenden Orte angesprochen fühlen. Den Vorwurf, dass sie eine Spaßpartei sind und sich gar nicht wirklich für Politik interessieren, wollen die Mitglieder nicht einfach so stehenlassen: „Wir sind eine Satirepartei. Als Spaßparteien verstehen wir andere, so wie etwa die CSU, die beispielsweise eine Autobahnmaut durchbringen will, die aber laut europäischem Recht gar nicht möglich ist.“

Schlich betont außerdem: „Wir machen reale Politik mit den Mitteln der Satire. Und bei uns ist eben auch alles ein bisschen lockerer. Denn: Politik darf auch Spaß machen.“ Man wolle vor allem Missstände aufzeigen, zum Nachdenken und Diskutieren anregen.

„Durch so etwas machen wir auch die Normalos auf die aktuellen Themen aufmerksam"

Immer wieder erregt „Die Partei“ Aufmerksamkeit. Wahlplakate mit Botschaften wie „Wer Neuland nicht liebt, soll Neuland verlassen“ oder das Bild eines Kükens neben dem Spruch „Genieße jeden Tag, als sei es dein letzter“ provozieren – und passen nicht allen. „Man regt sich über uns und unsere Plakate auf, dabei sollte man sich eigentlich über die Probleme aufregen, die wir darstellen“, fordert Schlich. „Durch so etwas machen wir auch die Normalos, die sich für Politik sonst nicht interessieren, auf die aktuellen Themen aufmerksam“, erklärt Mascha Indira Hausschildt, Schatzmeisterin des Ortsverbands.

„Die Partei“ provoziert. Und das tut sie gerne und wissentlich. Auch Hausschildt und Schlich wissen, dass der eine oder andere sich über ihre Äußerungen aufregt und aufregen wird. Trotzdem – oder vermutlich gerade deshalb – fallen im Gespräch mit unserer Zeitung auch Sätze wie „Die Dummen wählen aus Protest die AfD, die Klugen wählen aus Protest ,Die Partei‘. Weil wir einfach immer noch die menschliche Lösung sind.“

„Wir sind die extreme Mitte, weder links noch rechts“

Doch trotz solcher Aussagen wollen sie sich keinem politischen Spektrum zuordnen lassen. „Wir sind die extreme Mitte, weder links noch rechts, weder liberal noch konservativ. Wir wollen aus dem gesamten Spektrum Wähler abgreifen, und sind da auch ziemlich pragmatisch: Wir lassen uns von allen wählen“, erklärt Schlich. „Wir sind die einzige Partei, die wirklich in der Mitte steht. Und das ist manchmal nicht einfach, wenn man immer von Spaßparteien umzingelt ist.“

Ob „Die Partei“ bei der nächsten Gemeinderatswahl mit einer eigenen Liste in Backnang antreten wird, ist noch nicht sicher, 2019 kandidierte Schlich noch für die Backnanger Demokraten. „Mal schauen. Angesichts des Klimawandels bleibt uns ja nicht mehr viel Zeit, das Ruder herumzureißen. Und es ist noch nicht entschieden, ob wir uns da nicht lieber auf unser nahendes Ende vorbereiten, als für den Gemeinderat zu kandidieren“, sagt der 43-Jährige.

„Irgendwann wollen wir hier schon das Ruder übernehmen"

Sollte man allerdings mit einer Liste antreten, dann sei das Ziel schon jetzt klar: 100 Prozent plus X. „Der Himmel ist das Limit. Irgendwann wollen wir hier schon das Ruder übernehmen“, so der Vorsitzende. Das Positive sei dann, dass man einfach die Liste der vielen Versprechen abarbeiten könne, „die in der Vergangenheit vom Gemeinderat gemacht, aber nie gehalten wurden“, wie beispielsweise eine Skateranlage oder bessere Fahrradwege. „Und die Liste ist lang. Wir müssten uns gar keine eigenen Gedanken machen, sondern könnten stattdessen jeden Tag Eis essen gehen.“ Doch noch ist es nicht so weit. Daher sehe man sich jetzt erst einmal als „außergemeinderätliche Opposition“.


Ende Juni sorgten zwei Frauen im Backnanger Freibad Wonnemar bei Badegästen für Empörung, weil sie im Burkini ins Becken stiegen. Es entstand ein Streit darüber, welche Kleidung beim Aufenthalt im Freibad getragen werden dürfe. Der Streit ging sogar soweit, dass der Erste Bürgermeister Siegfried Janocha sich einschaltete. Janocha, der auch Aufsichtsratsvorsitzender der Städtischen Bädergesellschaft ist, hatte in der Folge ein Verbot des Besuchs der Murrbäder in Vollverschleierung ausgesprochen.

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