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Backnang Zwei Betreiber fahren auf der Murrbahn

Schöne neu Züge-Welt: Go-Ahead will ein in den Landesfarben gestaltetes Triebfahrzeug vom Typ Flirt der schweizerischen Firma Stadler. Foto: Go-ahead

Backnang/Stuttgart. Eine ganz spezielle Konstellation ergibt sich künftig auf der Murrbahn: Auf der Strecke verkehren von Ende 2019 an nicht nur Züge der Deutschen Bahn wie bisher, sondern auch Triebfahrzeuge der Go-Ahead-Verkehrsgesellschaft Deutschland GmbH. Beide haben jeweils für eines der beiden sich überlagernden Netze den Zuschlag erhalten. Bei den Tarifen soll aber nicht differenziert werden, erklärt das Ministerium.

Bislang war alles kein Problem: Solange die Netze 3 a und 3 b von der Bahn betrieben wurden, musste kein Nutzer über die Beförderungsleistungen und Ticketpreise nachdenken. Es kam ja alles aus einer Hand. Bald aber sind zwei verschiedene Unternehmen auf den Schienen im Murrtal unterwegs – und das hängt mit den unterschiedlichen Netzen zusammen, die das Verkehrsministerium in Stuttgart getrennt ausgeschrieben und vergeben hat.

Zuerst fiel die Vergabeentscheidung für das Netz 3 b. Bereits im August 2015 gab das Ministerium bekannt, dass der Zuschlag wie gehabt an die Deutsche Bahn gegangen sei. Bei diesem Netz namens Gäu-Murr handelt es sich um eine Kulisse im Schienenpersonennahverkehr mit zwei Ästen: Es geht einerseits um die Regionalzüge auf der Murrbahn zwischen Crailsheim und Stuttgart und andererseits um die Verbindung zwischen Stuttgart, Horb und Singen beziehungsweise Freudenstadt.

Bahn setzt bereits ab Dezember neue Fahrzeuge ein

Das Verkehrsministerium kündigte damals gleichzeitig an, dass die DB Regio die 40 Jahre alten Silberlinge ausmustern werde. Bereits ab Dezember 2017 – ein Jahr früher als zunächst geplant – würden neue Fahrzeuge eingesetzt, nämlich in den Landesfarben gestaltete Wagen des kanadischen Herstellers Bombardier. Diese Fahrzeuge vom Typ „Talent 2“ werden in Hennigsdorf produziert. „Talent“ steht dabei für „Talbot leichter Nahverkehrs-Triebwagen“, eine Reverenz an die Waggonfabrik Talbot in Aachen, die ab 1995 zu Bombardier gehörte. Laut Ministerium sind die Wagen barrierefrei zugänglich und verfügen über ausreichende Fahrradmitnahmekapazitäten sowie WLAN.

Mit der Neuvergabe dieses Netzes verbunden ist auch ein Plus bei den Fahrten. Geplant ist, dass zwischen Stuttgart und Murrhardt künftig von Montag bis Samstag ganztags bis zum frühen Abend halbstündliche Verbindungen angeboten werden. Auch Gaildorf-West soll mit zwei Zügen pro Stunde bedient werden. In den Hauptverkehrszeiten wird der Halbstundentakt sogar bis Schwäbisch Hall ausgedehnt. Überdies verkürzen sich die Fahrzeiten zwischen Crailsheim und Stuttgart dank der leistungsfähigeren Fahrzeuge um bis zu 15 Minuten.

Die Vergabeentscheidung für das andere Netz, das auf der Murrbahn liegt, das Netz 3 a, ist erst in diesem Sommer gefallen. Es beinhaltet die Strecke Stuttgart–Nürnberg und wurde gemeinsam mit dem Freistaat Bayern ausgeschrieben. Den Zuschlag dafür hat die Go-Ahead-Verkehrsgesellschaft Deutschland GmbH erhalten.

Britischer Konzern

Das Unternehmen gehört zur Go-Ahead Group plc, einem britischen Konzern. Go-Ahead wurde 1987 gegründet und betreibt inzwischen in mehreren Ländern weltweit Busse und Bahnen. Das Unternehmen hat bei verschiedenen Ausschreibungen im Südwesten das Rennen gemacht, so auch bei der Remsbahn. Eigens für die Aktivitäten in Baden-Württemberg wurde mittlerweile die Go-Ahead Baden-Württemberg GmbH gegründet. Die Vergabe des Netzes 3 a an Go-Ahead wurde zunächst von Mitbewerberseite angefochten. Den Einspruch wies die Vergabekammer jedoch zurück. Daraufhin verzichtete der Konkurrent auf weitere rechtliche Schritte, so dass der Zuschlag am 4. September endgültig erteilt werden konnte. Go-Ahead will sich, wie Stefan Krispin, Geschäftsführer der Go-Ahead-Verkehrsgesellschaft Deutschland GmbH, nach der Vergabe sagte, „als verlässlicher und verantwortungsbewusster Partner im Eisenbahnverkehr etablieren“.

Das Ministerium hat mit dem Unternehmen einen Verkehrsvertrag geschlossen, der bis Ende 2032 läuft. Demnach nimmt Go-Ahead den Betrieb auf der Murrbahnstrecke Mitte Dezember 2019 auf. Die Züge zwischen Stuttgart und Nürnberg sollen dann wie bisher im Zwei-Stunden-Takt fahren. Weil sich das Netz 3 a und andere Netze teilweise überlagern, ergeben sich auf einzelnen Streckenabschnitten jenseits von Schwäbisch Hall dichtere Angebote als bisher. Neu eingeführt wird laut Ministerium eine letzte Abfahrt von Stuttgart nach Nürnberg um 20.53 Uhr (statt wie bisher um 18.43 Uhr) und eine letzte Abfahrt von Nürnberg nach Crailsheim um 22.36 Uhr statt um 20.36 Uhr wie bisher.

Schweizer Triebfahrzeuge

Go-Ahead setzt Triebfahrzeuge vom Typ Flirt der schweizer Firma Stadler Rail ein. „Flirt“ steht dabei für „Flinker leichter innovativer Regional-Triebzug“. Auch mit diesem Material verkürzt sich die Reisezeit zwischen Stuttgart und Crailsheim um 15 Minuten. Reichlich Fahrradmitnahmemöglichkeiten, WLAN und andere Annehmlichkeiten listet das Ministerium als Pluspunkte auf.

Auch barrierefreie Einstiegsmöglichkeiten für Rollstuhlfahrer und Reisende mit Kinderwagen soll es geben, allerdings mit baubedingten Einschränkungen. So ist laut Ministerium der niveaugleiche Einstieg zwar an Bahnsteigen mit einer Höhe von 76 Zentimetern möglich. An 55 Zentimeter hohen Bahnsteigen müssen jedoch Rampen angelegt werden – ein Umstand, der auch von der S-Bahn her schon hinlänglich bekannt ist.

Welche Konsequenzen aber bringt die neue Konstellation mit zwei Betreibern auf der Murrbahn für die Fahrgäste mit sich? Haben Reisende, die beispielsweise ein Ticket von Backnang nach Crailsheim lösen, die freie Wahl, welche Verbindung sie nutzen? Oder gibt es unterschiedliche Fahrkarten, und der Kunde muss sich vor dem Fahrkartenkauf entscheiden, ob er mit dem einen oder dem anderen Anbieter fährt?

 

Einheitliche Tarife bei beiden Betreibern

„Bei den Tarifen wird nicht differenziert“, erklärt Edgar Neumann, Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Ministeriums für Verkehr in Stuttgart. Es werde einheitliche Tarife geben, versichert er – auch wenn Go-Ahead eigene Fahrkartenautomaten aufstellt. Das Ticket, das bei der Bahn gilt, würde jedenfalls auch bei Go-Ahead gelten. Denn die gegenseitige Anerkennung der Tarifangebote sei Bestandteil der Ausschreibungen gewesen. Neumann fügt an: „Zudem wird Ende 2018 der Baden-Württemberg-Tarif eingeführt, der Fahrten über Verbundgrenzen – auch bei den neuen Betreibern – noch einfacher macht.“ Dieser BW-Tarif werde von allen Eisenbahnverkehrsunternehmen anerkannt. Und innerhalb des Verkehrs- und Tarifverbunds Stuttgart (VVS) herrschen sowieso einheitliche Tarife, an die die Verkehrsanbieter gebunden sind. Änderungen werde es lediglich bei den Abrechnungsmodalitäten zwischen dem Betreiber, also dem einzelnen Unternehmen, und dem Besteller, also dem Land, geben. „Aber das betrifft die Kunden nicht“, unterstreicht Ministeriumssprecher Neumann.

 

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