Baden-Württemberg Hunderttausende barrierefreie Wohnungen fehlen

Thaddäus Kunzmann, der Demografie-Beauftragte des Landes Baden-Württemberg. Foto: Bernd Weissbrod Foto: dpa

Stuttgart.
Zu viele Stufen oder Schwellen, die Flure zu eng oder die Türen zu schmal: Jahr für Jahr werden in Baden-Württemberg Zehntausende Wohnungen gebaut, aber nur die wenigsten von ihnen sind für ältere Menschen geeignet. Der Landesdemografiebeauftragte Thaddäus Kunzmann warnt daher vor dem "krassen Missverhältnis" von Bedarf und Bestand.

Beim Blick auf die Prognosen wird seine Wortwahl zunehmend schärfer: Der derzeitige Wohnungsbau sei eigentlich nicht zukunftsfähig, sagte der 55-Jährige am Montag in Stuttgart. Hoffnungen auf bessere Zeiten macht er auch nicht wirklich: kein Konzept, kein Bauland, keine Handwerker, fasste Kunzmann zusammen.

Nach mehreren Studien fehlen in Baden-Württemberg Hunderttausende barrierefreie Wohnungen für ältere Menschen in den kommenden Jahrzehnten. Weder Politik noch Wirtschaft hätten eine Lösung auf dem Schirm. "Es wird in diesem Bereich nicht genug investiert und erst recht nicht genug gebaut", kritisierte Kunzmann.

Vor drei Jahren habe es in Deutschland rund 770 000 altersgerechte Wohnungen gegeben, doch seien das nur zwei Prozent des gesamten Wohnungsbestandes gewesen. Im Jahr 2025 würden nach einer Studie des Instituts für Bauforschung (Hannover) aber bereits zwei Millionen und bis 2030 sogar drei Millionen Wohnungen für Senioren in Deutschland benötigt. Und bis zum Jahr 2040 seien allein im Südwesten rund 486 000 barrierefreie Wohnungen nötig.

"Im Grunde wird um die Hälfte zu wenig gebaut. Und das, was gebaut wird, entspricht oftmals nicht dem Bedarf in der Zukunft", sagte der Demografieexperte. "Wir brauchen grundsätzlich ein Umdenken beim Wohnungsbau."

Der Landesseniorenrat stimmt zu und kritisiert die Politik, die die Voraussetzungen für ein altersgerechtes Wohnen in den vergangenen Jahrzehnten nicht im Blick gehabt habe. "Die Politik hat den Wohnraummangel verschlafen", sagte der Beiratsvorsitzende Uwe Bähr in Göppingen. "Sie denkt zu kurzfristig und hat nicht den Mut, zu klotzen." Er schlägt ein Sonderprogramm vor für Baugesellschaften, die vorhandenen Wohnraum in altersgerechte Angebote umbauen.

Gerald Lipka, der Geschäftsführer des BFW Landesverbandes Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen Baden-Württemberg, hält dagegen: "Im klassischen Wohnungs-Neubau ist es zur Regel geworden, zwar nicht barrierefrei, so doch zumindest barrierearm zu bauen." Das entspreche auch immer stärker dem allgemeinen Bedarf und lasse die Baukosten vergleichsweise geringer steigen. "Für viele ältere Menschen reicht diese Form der Barrierearmut bereits aus, um lange problemfrei in der eigenen Wohnung zu leben."

Kunzmann dagegen erneuerte seine Forderung aus dem vergangenen Jahr, die Mittel der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) im Programm zum altersgerechten Umbau mindestens zu verdoppeln auf 150 Millionen Euro: "Die Mittel sind regelmäßig zur Jahresmitte ausgeschöpft. So können auch aktuell keine Mittel mehr abgerufen werden." Außerdem müssten Beratungen angeboten werden zum Umbau von Wohnraum auf dem Land; ebenfalls notwendig sei ein Kompetenzzentrum von Architekten und Handwerkern. Grundrisse von neuen Wohnungen sollten so gestaltet werden, dass sie altersunabhängig genutzt werden könnten.

Nach Angaben Kunzmanns sind derzeit etwa 7 Prozent der Menschen in Baden-Württemberg 80 Jahre und älter; im Jahr 2060 werden es 12 Prozent sein. Im selben Zeitraum wird die Zahl der Menschen unter 65 Jahren von 79 Prozent auf 70 Prozent zurückgehen. "Die Menschen werden immer älter, sie wohnen zunehmend auch im hohen Alter alleine. Wir benötigen dringend mehr Wohnraum - und dennoch sind 82 Prozent der Wohngebäude in Baden-Württemberg Ein- oder Zwei-Familienhäuser", bemängelte der 55-Jährige. Außerdem seien 85 Prozent der Wohnungen, in denen Senioren heute wohnten, älter als 30 Jahre und meistens nicht altersgerecht ausgestattet.

"In Baden-Württemberg ist das Gespür für die Wucht der Herausforderungen des demografischen Wandels zu wenig ausgeprägt", sagte Kunzmann, der selbst zur Generation der sogenannten Baby-Boomer gehört. Viele schauten zu stark auf die Organisation von Pflege. "Aber wenn wir uns zu stark darauf verlassen und zu wenig auf Themen wie Wohnen, Mobilität und Versorgung, dann ist das eine Falle für die nachfolgenden Generationen", warnte Kunzmann, der nach eigenen Worten der einzige weisungsungebundene Demografiebeauftragte in den Bundesländern ist. Der 55-Jährige ist dem Sozialministerium zugeordnet, arbeitet aber ressortübergreifend.

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