Baden-Württemberg Lucha: Beim Kinderschutz mehr aus der Vergangenheit lernen

, aktualisiert am 17.02.2020 - 15:07 Uhr
Manne Lucha (Bündnis 90/Die Grünen) blickt nach vorn. Foto: Felix Kästle/dpa/Archivbild Foto: dpa

Stuttgart.
Der Fall erschütterte bis ins Mark. Da vergewaltigt eine Mutter ihr Kind mit ihrem Partner, das Paar verkauft den Jungen sogar an andere. Der Kleine geht vor die Hunde im Kompetenzgerangel zwischen Behörden und Justiz. Das durfte nie wieder passieren, nahm sich die Landesregierung vor, und rief eine Kinderschutz-Kommission ins Leben. Auf stattlichen 200 Seiten empfiehlt die Experten-Task-Force nun, was besser werden muss, um Kinderschicksale zu schützen vor Missbrauch. "Wir müssen den Kindern besser zuhören. Und wir müssen besser zusammenarbeiten", erklärte das Fachgremium am Montag bei der Vorlage seines ersten Berichts.

Der Bericht setzt dort an, wo die Behörden in Staufen gescheitert sind. "Die Ergebnisse der Kommission Kinderschutz zeigen, dass alle beteiligten Behörden, Stellen und Institutionen noch intensiver zusammenarbeiten müssen", sagte Sozialminister Manne Lucha (Grüne). "Wir regeln künftig gesetzlich, dass Jugendamt und Familiengericht miteinander reden müssen." Der Austausch der Systeme komme nach wie vor zu kurz, sagte auch Jörg Fegert von der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universitätsklinik Ulm.

Für die Gefährdungseinschätzung durch Jugendamt und Familiengericht empfiehlt die Kommission "aussagekräftige sowie praktisch gut handhabbare Standards". Das Netz der Anlaufstellen für Hilfesuchende soll dichter geknüpft und das Mitwirken der Jugendämter in familiengerichtlichen Verfahren ausdrücklich gesetzlich verankert werden. Ziel müsse es auch sein, betroffene Minderjährige im Kinderschutzverfahren anzuhören. "Es ist wichtig, Kindern eine Stimme zu geben und sie angemessen zu hören", sagte Sabine Walper vom Deutschen Jugendinstitut.

Ebenfalls empfohlen werden Methoden, mit denen ein Jugendamts-Mitarbeiter das Gefährdungsrisiko eines Jungen oder Mädchens besser einschätzen kann. Deutlich besser könne zudem die Fortbildung für alle werden, die am Kinderschutz beteiligt sind, darunter auch Richter und Richterinnen der Familiengerichte. Nach Ansicht Luchas sollten frühere Straftaten genauer analysiert werden, um "aus der Vergangenheit zu lernen".

Auch andere Bundesländer hätten sich interessiert gezeigt an den Ergebnissen der Kommission, sagte der Grünen-Minister. Nachfragen gebe es aus dem Saarland, aus Niedersachsen und dem zuletzt von schweren Missbrauchsfällen erschütterten Nordrhein-Westfalen. "Die Problematiken herrschen auch in allen anderen Bundesländern vor", sagte Petra Sandles, die Vizepräsidentin des Bayerischen Landeskriminalamtes.

Die Empfehlungen sollen nun nach Angaben des Ministeriums im Kabinett beraten werden, einige wurden bereits umgesetzt, andere sollen noch vor der kommenden Bundestagswahl in Berlin diskutiert werde. "Wir trauen uns die Umsetzung zu ohne zusätzliche Ressourcen, sondern durch eine intelligente Abstimmung."

Das sieht der Leiter des Jugendamts im Landkreis Böblingen, Wolfgang Trede, ähnlich. Natürlich gebe es immer wieder besondere Fälle, bei denen Mitarbeiter bis an die Grenzen belastet würden. "Aber grundsätzlich lassen sich die Empfehlungen umsetzen, ohne beim Personal größere Änderungen zu haben."

Die "Kommission Kinderschutz zur Aufarbeitung des Missbrauchsfalls in Staufen und zur Weiterentwicklung des Kinderschutzes" war im Herbst 2018 von der Landesregierung eingesetzt worden, um Defizite im Kinderschutz zu analysieren. Sie setzt sich aus fünf externen Experten sowie je einem Vertreter des Sozial-, Justiz-, Kultus-, Innen- und Staatsministeriums zusammen. Zu den Experten zählen zwei Kinderpsychologen sowie ein Richter, ein Generalstaatsanwalt und die Vizepräsidentin des Bayerischen Landeskriminalamts.

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