Bahnhof Rommelshausen Gefährlicher Bahnsteig: 10-Jähriger stürzt in Spalt

In Rommelshausen fällt der Ein- und Ausstieg in die S-Bahn schwer. Zu breit und zu hoch ist der Abstand zwischen Bahnsteig und Zug. Foto: ZVW/Gabriel Habermann (Archiv)

Kernen-Rommelshausen. Ein 10-Jähriger ist Anfang April am Bahnhof Rommelshausen am Bahnsteig abgerutscht und in den Spalt zwischen Bahnsteigkante und Zug gefallen, als er die S-Bahn-Tür öffnen wollte. Zum Glück ist dem Jungen nichts passiert, doch schon viele vor ihm haben aufgrund des stellenweise großen Abstands Verletzungen davongetragen. Seine Familie fragt sich: Wann tut sich endlich was in Rommelshausen?

„10-Jähriger beim Einsteigen in die S-Bahn tödlich verunglückt“ – so betitelte eine Rommelshausener Familie, die anonym bleiben möchte, ihren Brief an die Verantwortlichen der Deutschen Bahn und des Verbands Region Stuttgart. Was nach einer schrecklichen Schlagzeile klingt, hätte für ihren 10-jährigen Sohn real werden können: Er fiel am Bahnhof Rommelshausen in den Spalt zwischen Bahnsteig und Zug.

Ein Fahrgast half dem Jungen rechtzeitig aus dem Spalt

Anfang des Monats war der Junge auf dem Weg zur Schule. Um 7.37 Uhr wollte er in die S 2 nach Waiblingen einsteigen. Wie die Familie in ihrem Brief beschreibt, rutschte er an der feuchten Bahnsteigkante ab, als er sich der S-Bahn näherte, um den Türöffner zu drücken. Der Abstand zwischen Zug und Bahnsteig sei an dieser Stelle so breit gewesen, „dass unser Sohn in den Spalt gerutscht ist, und zwar so tief, dass er mit den Füßen zum Gleisbett Kontakt hatte“. Letztlich habe nur der Schulranzen auf seinem Rücken verhindert, dass er bis auf den Boden fiel. Ein Fahrgast half ihm aus dem Spalt heraus, bevor die Bahn weiterfuhr. Die Familie fragt: „Aber was, wenn dies nicht der Fall gewesen wäre? Das mag man sich nicht ausmalen.“

Seit knapp zwanzig Jahren ist ein barrierefreier Ausbau angekündigt

Seit mehreren Jahren ist das Problem an den Bahnhöfen Rommelshausen und Stetten-Beinstein bekannt. Mehrere Menschen stürzten und verletzten sich dabei: Beckenprellung, Kreuzbandriss, Schürfwunde – über solche und weitere Verletzungen hat unsere Redaktion bereits berichtet.

Ende der neunziger Jahre sagte die Bahn der Gemeinde zu, dass die beiden Haltestellen barrierefrei ausgebaut werden. In Rommelshausen gibt es mittlerweile einen Aufzug. Im Bahnhof Stetten-Beinstein ist dieser zumindest geplant: Die Bauarbeiten beginnen im November dieses Jahres und sollen Ende 2020 fertig sein.

Altenberger zeigt sich der Bahn gegenüber verständnislos

Die Gemeinde Kernen fordert die Deutsche Bahn darüber hinaus dazu auf, die Bahnsteige beider Bahnhöfe zu erhöhen oder zu verlängern. Eine entsprechende Resolution beschloss der Gemeinderat Anfang des Jahres 2015. So sollen die Bahnhöfe vollständig barrierefrei werden. Bürgermeister Stefan Altenberger zeigt sich der Bahn gegenüber verständnislos: „Es wird immer wieder auf die laufende Planung verwiesen.“ Scheinbar tut sich im Hintergrund etwas, „aber so ätzend langsam, dass das Verständnis mittlerweile fehlt“.

Seit mehreren Jahren setzt sich auch der Landtagsabgeordnete Jochen Haußmann für eine barrierefreie Lösung ein. Nachdem die Familie ihn über den Vorfall informiert hatte, schrieb dieser direkt einen Brief an den Konzernbevollmächtigten der Deutschen Bahn für Baden-Württemberg, Thorsten Krenz.

Kompletter Neubau geplant

In einem Schreiben der Deutschen Bahn, das Haußmann vor einem Jahr erhielt, kündigt das Unternehmen an, den barrierefreien Ausbau der Bahnsteige im ersten Halbjahr 2021 beginnen zu wollen.

Ein Bahnsprecher teilte nun auf Anfrage unserer Zeitung mit, dass inzwischen die Entscheidung getroffen wurde, „nicht nur eine einfache Erhöhung der Bahnsteige vorzunehmen, sondern einen kompletten Neubau der Bahnsteige durchzuführen, um den Bahnsteig optimal an der Gleisachse auszurichten“. Durch den geplanten Neubau verlängere sich aber die Planungs- und Genehmigungsdauer, so dass der Start der Hauptbaumaßnahme nun erst im Februar 2022 vorgesehen ist.

Kurvenlage bleibt problematisch

Doch auch wenn der Bahnsteig angepasst wird, bleibt die schwierige Einsteigesituation bestehen, berichtet ein weiterer Pressesprecher der S-Bahn Stuttgart. Dadurch, dass der Bahnhof in einer Kurve liegt, ist eine der Schienen höher als die andere. Trotz einer Aufhöhung würde durch die Schräglage eine Lücke entstehen. „Die wird man nicht wegbekommen“, sagt er. Das liege auch daran, dass auf der Strecke Mischverkehr herrscht, also neben Regional- und Fernverkehr auch breitere Güterzüge die Gleise nutzen. „Man wird immer die Situation haben, dass es keinen höhengleichen Einstieg in das S-Bahn-Fahrzeug gibt.“

Auf den Brief hat die Familie bis jetzt keine Antwort erhalten. Sie fragt sich: „Was muss eigentlich noch passieren, bis endlich etwas passiert?“


Ziel nicht erreicht

Das Personenbeförderungsgesetz sieht vor, dass bis zum 1. Januar 2022 eine „vollständige Barrierefreiheit“ für die Nutzung des ÖPNV erreicht wird. PFB-Gemeinderat Ebbe Kögel machte bereits im Jahr 2015 deutlich: „Das gilt auch für den Zugang der Waggons.“

Einen Neubau der Bahnsteige strebt die Deutsche Bahn zwar an, allerdings soll dieser erst im Februar 2022 beginnen. Das Ziel, vollständige Barrierefreiheit herzustellen, wird also nicht erreicht.

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